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Kommentar zu Bittencourt: Transfer-Hammer mit Signalwirkung

Leonardo Bittencourt wechselt zum 1. FC Köln. Mit dieser Meldung überraschten die Geissböcke am Dienstagabend ganz Fußball-Deutschland. Der 21-Jährige kehrt nicht zu Borussia Dortmund zurück. Er bleibt auch nicht dort, wo er eigentlich noch einen Vertrag bis 2017 gehabt hätte. Er verlässt Hannover 96 und spielt künftig für einen Klub, dem er ganz offenbar mehr zutraut als den Niedersachsen.

Köln – Bittencourt zum Effzeh: Diese Schlagzeile hätten die meisten in diesem Sommer wohl für undenkbar gehalten. Erstens, weil der U21-Nationalspieler noch Vertrag hatte und es nicht so schien, als ob Hannover bereit sein würde, ihn irgendwo hin abzugeben. Außer nach Dortmund, denn zweitens hätte, wenn überhaupt, der BVB ein Fünf-Millionen-Euro-Zugriffsrecht dank einer Klausel im Vertrag gehabt. Doch Neu-Coach Thomas Tuchel entschied sich gegen den quirligen Offensivspieler. Und drittens, weil die Geissböcke ihre Transferbemühungen eigentlich eingestellt hatten mit dem Hinweis, nur noch einmal etwas zu machen, wenn es „auf Sicht“ für den Verein Sinn machen würde. Das klang eher nach einem phantasievollen Transfer der Marke Bard Finne oder Kazuki Nagasawa – ein Talent aus fernen Ländern, das in Zukunft, aber nicht sofort weiterhelfen würde.

Bittencourt aber ist alles andere als das. Der Rechtsaußen ist zwar auch ein Talent, aber eines, das bereits 62 Bundesliga-Spiele (6 Tore, 9 Vorlagen) absolviert hat. Ein Spieler, der den Kölnern sofort weiterhilft. Dazu ausgestattet mit einem Marktwert (laut transfermarkt.de rund 6,5 Mio. Euro), der weit über dem Volumen liegt, das man am Geißbockheim in der Lage gewesen wäre zu zahlen.

Und trotzdem ist Bittencourt jetzt Kölner.

Der Transfer-Hammer hat Signalwirkung für den Klub und die Liga: Der Effzeh hat sich nach nur einem Jahr wieder in der Bundesliga etabliert. Dank einer ruhigen, zielstrebigen Führung um Jörg Schmadtke und Alexander Wehrle. Dank eines besonnenen, von den Spielern geschätzten Trainers Peter Stöger. Dank eines Umfeldes, das nach Jahren der Irrungen und Wirrungen den neuen Kurs der Verantwortlichen angenommen hat und mitträgt. In Köln entsteht ein ernstzunehmender Bundesligist mit realistischen Zielen und vielversprechender Perspektive.

Eine Perspektive, die ein Talent wie Leonardo Bittencourt gereizt hat. „Klar ist, dass der Blick wieder von unten nach oben gehen muss“, hatte „Leo“ noch im Mai gesagt. Jetzt ist klar: Nach oben, das hatte er seinen 96ern nicht mehr zugetraut. Ganz im Gegensatz zu den Kölnern. Dass sich dieser Spieler gegen einen Klub entschied, der seit 13 Jahren konstant in der ersten Liga spielt und stattdessen zum Effzeh geht, beweist: Der 1. FC Köln hat einen Teil seiner früheren Strahlkraft zurück, kann große Talente wieder von anderen Klubs abwerben, ist wieder ein glaubwürdiger Ort für Spieler geworden, die den vielzitierten nächsten Schritt machen wollen. Vor einigen Jahren noch haben sich reihenweise Spieler ihre Karriere in Köln versaut. Heute ist der Klub wieder ein attraktives Sprungbrett für hochbegabte Fußballer.

12 Kommentare
  1. Royal
    Royal says:

    @Torben: „Ewiges Talent“ nennt man also heutzutage einen 21 Jahre alten Spieler der nicht im Alleingang Spiele entscheidet? Klar hat man sich in Hannover in den letzten beiden Jahren mehr von ihm erwartet, aber wer (außer vielleicht Stindl) hat denn dort überhaupt überzeugt. Es ist einfach unfair einen solch jungen Spieler mit so einem Potential abzuschreiben. Die Chance besteht das er sich bei uns weiterentwickelt, zu einer Stütze wird und unser Offensivspiel flexibler macht. Gelingt dies, war die geringe Investition auf jeden Fall gerechtfertigt.

    • Torben
      Torben says:

      EHRLICHE ANTWORT. naja sicher… als Typ ist er auf jeden Fall eine Bereicherung. Talent hat er ohne Zweifel. Dynamisch. Einer der weite Wege geht. Klar vermissen wir ihn in Hannover. Ich kann das aus hannoverscher Sicht nicht nachvollziehen. ++ Und weil das so ist ruft man sich dann die unübersehbaren Schwächen vor Augen. Abschlußschwäche an der er schon geraume Zeit arbeitet. Wie gesagt teilweise übermotiviert. Der absolute Zug zum Tor fehlt, dafür hat einige gute Dinger aufgelegt. Ist aber nicht der Reisser der die 10 bespielen könnte. Und eine solide Zweikampfschwäche, die zu häufigen in der letzten Saison sehr unkomfortablen Situationen durch Ballverlust geführt hat. Überhaupt mag er nicht wenn er hart markiert wird. Das ist bei der Tendenz zu robusten 6ern ein Nachteil. Ich meine auch erkannt zu haben, dass er proportional gesehen viele Abspielfehler liefert. Teilweise waren diese Dinge bei der EM sichtbar. Dennoch….nie im Leben hätte ich ihn als Sportdirektor abgegeben. Sehr komische Sache

  2. Rolf Mörsch
    Rolf Mörsch says:

    Alle Neuverpflichtungen machen Sinn. Kompliment an Herrn Schmadtke wegen der sportlichen Weitsicht, Kompliment an Herrn Wehrle, der die Finanzen im Griff hat und das Geld für diese Transfers zur Verfügung stellen konnte, bei den Verbindlichkeiten eine riesige Leistung!
    Jetzt kann Herrn Stöger erneut beweisen, dass er ein Großer ist.
    Wie lautet das Saisonziel ? Platz 8 – 10

  3. Schmöger
    Schmöger says:

    @RAGPICKERS: Die Gelbsperre gilt für die U21-EM-Quali und das auch nur für den ersten Spieltag dort. Würde ja schon generell kaum Sinn machen – weshalb sollte eine Gelb-Rot-Sperre länger als einen Spieltag andauern? Also unterm Strich sogar gut für den Effzeh, vielleicht muss man Bittencourt dann einmal weniger zur U21-Nationalelf abstellen :)

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