Ein US-Nationalspieler aus Dänemark will in der Bundesliga durchstarten: Kristoffer Lund, ausgeliehen aus Palermo, ist einer der zahlreichen Neuzugänge des 1. FC Köln. Dem GEISSBLOG hat der 23-jährige Linksverteidiger sein erstes Interview als FC-Profi gegeben.
Das Interview führte Martin Zenge
GEISSBLOG: Herr Lund, wir haben gehört, dass Sie nach unserem Interview noch Deutschunterricht haben. Wie läuft es?
KRISTOFFER LUND: „Es läuft gut! Deutsch zu lernen, ist nicht leicht, aber ich mache Fortschritte und übe die Vokabeln zusätzlich mit der Duolingo-App. Eric Martel gibt mir bis Ende Oktober Zeit, dann will er mit mir kein Englisch mehr sprechen (lacht).“
Sie sind zwar siebenfacher US-Nationalspieler, aber in Dänemark geboren und aufgewachsen. Hatten Sie dort schon Berührungspunkte mit der deutschen Sprache?
„Ja, ich hatte sechs Jahre lang Deutschunterricht in der Schule. Allerdings ist Deutsch in Dänemark ein Fach, das eigentlich keiner mag (lacht). Inzwischen bin ich natürlich glücklich, dass ich die Sprache schon in der Schule gelernt habe.“
Die Sonne Siziliens? Lund bevorzugt Köln
Sie sind aus Palermo nach Köln gewechselt und erleben nun Ihren ersten Herbst in Deutschland. Vermissen Sie die Sonne Siziliens schon?
„Nein! Ich bin sehr glücklich, hier zu sein. Ich war zwei Jahre in Palermo, das Leben dort ist ein ganz anderes, als ich es gewohnt war. Ein Beispiel: Im Vergleich zu Dänemark und Deutschland gibt es sehr spät Abendessen. Wenn man sich für 20 Uhr zum Essen verabredet, kommen alle erst um 21 Uhr – niemand ist pünktlich. Zudem sind die Sommer unglaublich heiß. Es war natürlich eine tolle Erfahrung, eine ganz neue Kultur kennenzulernen. Jetzt freue ich mich aber, in Köln zu sein, wo das Leben ähnlich wie in Dänemark ist.“
Also kann Köln mit Palermo mithalten?
„Ich glaube, bei einem Großteil der Menschen wäre es für Köln schwer, das Level von Palermo zu erreichen. Der Strand, die Sonne – in Italien ist man sehr gut darin, das Leben zu genießen. Auch viele Fußballer würden das Leben in Palermo genießen (lacht). Aber ich führe ein einfaches Leben, für mich persönlich sind andere Dinge entscheidend. Gute Trainingsbedingungen, eine gute Anlage und eine tolle Liga – das ist für mich am wichtigsten.“
Als ich nach Köln gekommen bin, habe ich mit meiner Familie viel darüber gesprochen, ob ich mich nun daran gewöhnen muss, nicht ständig der Favorit zu sein – mit einem Aufsteiger in solch einer starken Liga. Aber wir haben einen unglaublich guten Start hingelegt.
Kristoffer Lund
Auch der Auftakt in der Bundesliga dürfte es Ihnen leicht gemacht haben, in Köln anzukommen. Zehn Punkte, Platz sechs – hätten Sie damit gerechnet?
„Nein, ehrlich gesagt nicht. Als ich mich auf Köln vorbereitet habe, habe ich über meine bisherigen Stationen nachgedacht: Die ersten Schritte als Fußballer habe ich in der Akademie von Midtjylland gemacht. Wir hatten in meiner Altersklasse ein sehr starkes Team, haben viel gewonnen. Dann bin ich nach Schweden gegangen, bin mit Häcken Meister und Pokalsieger geworden. Und in der Serie B ist Palermo ohne Zweifel einer der größten Vereine. Ich hatte eigentlich bei jeder Station den Druck, gewinnen zu müssen. Als ich nach Köln gekommen bin, habe ich mit meiner Familie viel darüber gesprochen, ob ich mich nun daran gewöhnen muss, nicht ständig der Favorit zu sein – mit einem Aufsteiger in solch einer starken Liga. Aber wir haben einen unglaublich guten Start hingelegt.“
Sie standen in vier der ersten sechs Bundesliga-Partien in der Startelf. Sind Sie auch in persönlicher Hinsicht zufrieden?
„Natürlich hätte ich gerne in sechs von sechs Spielen in der Startelf gestanden, aber das ist ein Mannschaftssport. Wir haben einen richtig guten Kader, vor allem für einen Aufsteiger. Ich respektiere jede Entscheidung, die der Trainer trifft. Vier von sechs Spielen sind eine gute Quote. Ich bin sehr glücklich über die Minuten, die ich gespielt habe.“
Bislang hat der FC nur dann gepunktet, wenn Sie in der Startelf standen. Offenbar sind Sie der Erfolgsgarant…
„Nein, nein (lacht). Das ist natürlich eine schöne Statistik, die hat mir mein Vater auch nach dem Spiel in Hoffenheim erzählt. Wenn man sich aber zum Beispiel das Wolfsburg-Spiel anschaut, bei dem ich starten durfte: Ich wurde ausgewechselt, als wir 1:2 hinten lagen und die Jungs haben noch ein unglaubliches Comeback hingelegt. Da haben sie mir die Statistik quasi gerettet.“
Lund lernt den „Geradeaus“-Fußball
Welche Aufgaben gibt Lukas Kwasniok Ihnen als Linksverteidiger oder linker Schienenspieler mit?
„In Italien habe ich viel über die Defensivarbeit gelernt, jetzt lerne ich den Bundesliga-Fußball kennen. Eines meiner Stichwörter ist ‚geradeaus‘ (spricht Deutsch und lacht). Der Trainer hat hohe Ansprüche – an mich, aber auch generell an das Team. Er erwartet harte Arbeit und je nachdem, wer der Gegner ist und wie das Spiel läuft, kann sich die Taktik immer wieder ändern. Was sich aber nie ändert, ist, dass er Teamwork sehen möchte.“
Apropos taktische Änderungen: Bevorzugen Sie eine Viererkette oder Formationen mit einer Dreier- beziehungsweise Fünferkette?
„Mittlerweile mag ich beide Varianten sehr gerne. In der Jugend und zu Beginn meiner Profikarriere habe ich meistens in der Viererkette gespielt, in Italien habe ich aber auch viel Erfahrung in der Fünferkette gesammelt. Der Vorteil einer Fünferkette ist, dass ich viele offensive Läufe absolvieren kann – und hoffentlich mehr Scorerpunkte einsammle als bislang.“
In Hoffenheim haben Sie zuletzt auf der linken Seite gemeinsam mit Said El Mala gespielt. Wenn man seine Dribblings sieht: Sind sie froh, nicht gegen ihn spielen zu müssen?
„Tatsächlich würde ich mir wünschen, jeden Tag gegen ihn zu spielen. Da wir beide auf der linken Seite spielen, ist er im Training aber selten mein Gegenspieler. Said ist in den Eins-gegen-Eins-Duellen und Dribblings wirklich unglaublich – es würde mich besser machen, jeden Tag gegen ihn zu spielen. So blicke ich auch auf die Bundesliga und die vielen guten Gegenspieler. Das motiviert mich.“
In Italien geht es viel um die Defensive. Jedes Team konzentriert sich darauf, keine Gegentore zu kassieren. In Deutschland geht es eher darum, mehr Tore als der Gegner zu schießen.
Kristoffer Lund
Was sind die Unterschiede zwischen der Serie B, in der Sie zwei Jahre lang Stammspieler waren, und der Bundesliga?
„Das Spiel in der Bundesliga ist direkter und intensiver, es wird mehr gelaufen. In Italien geht es viel um die Defensive. Jedes Team konzentriert sich darauf, keine Gegentore zu kassieren. In Deutschland geht es eher darum, mehr Tore als der Gegner zu schießen und Wege zu finden, das Spiel zu gewinnen. Ich lerne in jedem Spiel dazu. Es macht großen Spaß, in der Bundesliga zu spielen.“
War es für Sie klar, dass Sie in die Bundesliga wechseln wollen, als sich der FC im Sommer gemeldet hat?
„Ja, das war von Anfang an klar für mich, ein Nobrainer. Ich wollte schon immer in Deutschland spielen. Für einen dänischen Spieler ist die Bundesliga ein Riesending. Viele meiner Freunde haben gesagt: ‚Wow, spiel‘ Bundesliga!‘ Für meine Familie und Freunde ist es jetzt natürlich auch viel einfacher, zu meinen Spielen zu kommen. Der Transfer hat zwar ein bisschen gedauert, aber am Ende war ich froh, dass ich verliehen wurde. Jetzt hoffe ich, dass dem Club gefällt, was ich mache.“
Sie sprechen es an: Bis der Transfer fix war, vergingen einige Wochen. Was war der Grund?
„Palermo wollte, dass ich bleibe. Für mich persönlich war es eine gute Situation. Ich hatte zwei tolle Vereine, die mich wollten. Am Ende hat Palermo meinen Wunsch aber respektiert und mir den Wechsel nach Köln ermöglicht. Dafür bin ich sehr dankbar.“
So sieht Lund seine Zukunft
Sie sind bis zum Saisonende verliehen. Wünschen Sie sich, fest zum FC zu wechseln?
„Natürlich, aktuell bin ich sehr glücklich. Wir alle wissen aber auch, wie schnell es im Fußball geht – from hero to zero. Ich genieße wirklich jede Minute auf dem Platz und hoffe, dass das Team und ich so weitermachen können. Dann werden wir sehen, was im Sommer passiert. Momentan bin ich wie gesagt extrem glücklich, hier zu sein.“
Was ist mit dieser Mannschaft möglich?
„Wenn man sich anschaut, wie wir bislang gespielt haben, ist alles möglich. Wir gucken von Woche zu Woche, wie wir den jeweiligen Gegner schlagen können. Natürlich spielen in der Bundesliga viele tolle Teams – in den ersten sechs Spielen haben wir aber schon gezeigt, wozu wir fähig sind. Jetzt geht es darum, weiter hart zu arbeiten. Und es geht auch darum, dass wir selbst die Fantasie haben und davon überzeugt sind, dass alles möglich ist.“
Die WM in den USA ist für einen US-Nationalspieler ein Riesenerlebnis. Ich möchte unbedingt im Kader stehen und dieses Turnier spielen.
Kristoffer Lund
Was sind Ihre persönlichen Ziele?
„Das ist leicht zu sagen: Ich bin in die Bundesliga und zu diesem Team gekommen, um zu zeigen, dass ich gut genug bin, hier zu spielen – dass ich die Fähigkeiten und das nötige Level habe, hier mitzuhalten. Vielleicht hat sich dann in einem Jahr herausgestellt, dass ich das ganz gut gemacht habe, und der Club möchte mich behalten.“
Wenn wir über Ihre Ziele sprechen, dürfen wir wahrscheinlich auch die Weltmeisterschaft im kommenden Sommer nicht außer Acht lassen.
„Absolut. Die WM in den USA ist für einen US-Nationalspieler ein Riesenerlebnis. Ich möchte unbedingt im Kader stehen und dieses Turnier spielen. Ich denke, durch meinen Wechsel in die Bundesliga und unsere aktuelle Performance haben sich meine Chancen erhöht. Aber ich weiß natürlich, dass noch viel passieren muss, damit ich nächsten Sommer dabei bin. Momentan ist das Zukunftsmusik.“
Lund: „Ich hoffe, das zahlt sich aus“
Ihre Mutter ist Amerikanerin, Ihr Vater Däne. In der Jugend haben Sie für die dänischen Auswahlmannschaften gespielt. Wie kam es dann zu Ihrem Wechsel zum US-Verband?
„Nach der U21 hatte ich eine Phase, in der ich für keine Nationalmannschaft berücksichtigt wurde. Als ich dann von meinem Berater gehört habe, dass der US-Verband überlegt, mich für das A-Team zu nominieren, war das ein großer Moment für mich. Ich habe darüber nachgedacht, mit was für Spielern ich trainieren und spielen darf: Christian Pulisic, Weston McKennie – das Level ist extrem hoch und ich wusste, dass ich mich weiterentwickeln werde, wenn ich diese Spieler um mich habe.“
Zuletzt nominiert waren Sie vor einem Jahr. Besteht aktuell Kontakt zu Nationaltrainer Mauricio Pochettino oder dem Verband?
„Direkten Kontakt zum Trainer habe ich nicht, aber ich war zuletzt auf Abruf. Also weiß ich, dass der Verband und das Trainerteam weiterhin ein Auge auf mich haben. Ja, ich wurde fast ein Jahr nicht nominiert, aber davor war ich über 18 Monate durchweg im Kader. Natürlich wäre ich gerne bei jedem Länderspiel dabei, aber wenn es nicht so ist, bin ich motiviert, hier beim Club hart zu trainieren. Ich hoffe, das zahlt sich aus.“








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