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Warum der vergangene Sonntag nicht nur fußballerisch wertvoll war

Die Fans des 1. FC Köln haben ihre Mannschaft am Sonntag nach dem Sieg über den SC Freiburg frenetisch gefeiert. Es war auch ein weiterer FC-Sieg der Überzeugung und einer neuen Geschlossenheit in der Mannschaft. Eine Geschlossenheit, die vor dem Spiel auch auf den Rängen zu spüren war, allerdings aus gänzlich unfußballerischen Gründen.

Köln – Vor dem Spiel der Geissböcke gegen die Breisgauer hatte es einen Ehrenapplaus gegeben. Anlass war der 75. Jahrestag der Befreiung der Gefangenen aus dem Konzentrationslager Auschwitz gewesen. „Nie wieder“, unter dieses Motto hatte der Deutsche Fußball-Bund das Erinnern an den Holocaust gestellt. Aktueller denn je, betrachtet man die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen oder erinnert man sich an den Rassismus- und Antisemitismus-Skandal während des Spiels Bulgarien gegen England im vergangenen Oktober.

Am Sonntag hatte der FC eine ganze Reihe von Maßnahmen getroffen, um sich diesem Thema zu widmen. Im Sportinternat veranstaltete die FC-Stiftung einen Workshop zum Thema Antisemitismus, Diskriminierung und Rassismus. Im GeißbockEcho sprachen die beiden Geschäftsführer Alexander Wehrle und Horst Heldt deutlich davon, dass „viele Vereine und Verbände sich allzu bereitwillig in die Diktatur eingefügt, ihre eigenen Mitglieder im Stich gelassen und der Verfolgung ausgesetzt haben“ – es war eine klare Erinnerung an Schuld und Verantwortung, auch 75 Jahre danach. Etwas, über das andernorts inzwischen gerne der Mantel des Schweigens gehüllt wird. Präsident Werner Wolf sprach in der Halbzeitpause mit Stadionsprecher Michael Trippel. Und Trippel selbst war es gewesen, der vor dem Anpfiff in einer kurzen Ansprache den Brüdern Otto und Adolf Levy gedachte, die dem Nationalsozialismus zum Opfer gefallen waren und als einstige Spieler des Kölner BC am Sonntag die Gesichter des Erinnerns waren. Ihnen galt stellvertretend der Ehrenapplaus, der am Sonntag länger und deutlicher anhielt als zu manch anderen Momenten des Innehaltens.

Wie Schalke das eigene Engagement um die Ohren fliegt

Mottos wie „Nie wieder“ haftet im Fußball jedoch häufig an, nicht viel mehr als Lippenbekenntnisse und Image-Kampagnen zu sein. Schließlich wird immer wieder darüber diskutiert, ob Fußball und Politik getrennt betrachtet werden müssten. Die Verantwortlichen im Fußball bejahen dies gerne, wenn ihnen ein Thema unangenehm ist. Der DFB verhüllte bekanntlich schon mal ein antifaschistisches Banner beim Training der Nationalmannschaft im Stadion auf St. Pauli. Gerade den großen Verbänden, national wie international, erscheinen politische Botschaften oft nur dann bequem und gerne gesehen, wenn sie dem eigenen Erscheinungsbild gut tun. Die Kampagne „No to Racism“ der UEFA beispielsweise steht seit mehreren Jahren unter kritischer Beobachtung, weil der europäische Verband nur zögerlich gegen die zahlreichen Rassismus-Skandale vorgeht und vor allzu drastischen Strafen noch zurückschreckt. Auf Vereinsebene hat der FC Schalke 04 mit einem ähnlichen Problem der Glaubwürdigkeit zu kämpfen. Einerseits besuchten dieser Tage die Schalker B-Junioren die KZ-Gedenkstätte Dachau, der Klub stellte die vergangene Woche unter das Motto #stehauf. Andererseits flog ihnen in dieser Zeit wieder die Geschichte ihres eigenen Chefs um die Ohren, nachdem sich Clemens Tönnies im vergangenen Jahr offen rassistisch geäußert hatte und trotzdem nicht zurückgetreten war.

FC-Fans positionieren sich schon länger mit Bannern

Der 1. FC Köln hatte in den letzten Jahren nicht mit rassistischen oder antisemitischen Problemen zu kämpfen. Stephan Schell, der Capo der Wilden Horde, hatte vor anderthalb Jahren in einem Interview seine Befürchtung zum Ausdruck gebracht, dass er spüre, wie sich in den Kurven der Republik wieder ein rechter Kreis bilde. Auch die andere Seite, die Polizei, berichtet schon länger von Einflüssen der rechtsextremen Szene, die Fußballfans versuchen zu rekrutieren, vor allem über Kontakte in der MMA-Szene, die sich in zahlreichen Ultra-Gruppen Deutschlands großer Beliebtheit erfreut. In der Kölner Kurve scheint dies jedoch bislang keine Rolle zu spielen. Im Gegenteil: Auch die FC-Fans positionierten sich am Sonntag eindeutig, ein großes Banner hing am Zaun der Südkurve: „In Gedenken an alle Opfer des 3. Reichs – nie wieder Faschismus!“ war dort zu lesen. Das Banner gehörte den Coloniacs, die sich schon häufiger entsprechend geäußert hatten, auch gegen die AfD und Rassismus im Fußball und in den Stadien.

So setzten die Geissböcke – vom Verein über die aktive Fanszene bis hin zum weiten Publikum im RheinEnergieStadion – am Sonntag ein wichtiges Zeichen gegen das, was in Deutschland wieder zu erstarken droht. Und so waren die drei Punkte aus Sicht des 1. FC Köln am Sonntag fußballerisch wertvoll. Das Signal nach außen jedoch war das, was länger vorhalten soll als der Sieg, der schon am nächsten Bundesliga-Spieltag wieder in den Hintergrund rücken wird. Wobei die Geschlossenheit, die zu beidem führte, durchaus auch sportlich weiter Bestand haben darf.

10 Kommentare
  1. Oscar F says:

    Gerade in Zeiten des kontinuierlich forstschreitenden Rechtsrucks, ist es wichtig sich als Gesellschaft klar zu positionieren. Kein Fussbreit dem Faschismus. Gegen Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Homophobie.
    Wer eine Trennung von Sport und Politik fordert, betreibt selbst politische Agitation. Kein Aspekt der Gesellschaft findet in einem Vakuum statt. Jüdischen Fussballspielern war es im dritten Reich schließlich auch nicht vergönnt, den Fussball „einfach Fussball sein zu lassen“.

  2. FC Neukoelln says:

    Gut und richtig, dass der Geissblog hier immer wieder klar Stellung bezieht. Poldidaumen hoch dafür.
    Komisch nur, dass sich hier noch gar keiner aus dem Loch getraut hat, der die Auffassung teilt, am Bahnhof sei es ja mittlerweile lebensgefährlich und dann haben die Ölaugen auch noch alle Handys und überhaupt.

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