Sportwetten. (Foto: IMAGO / Kirchner-Media)

Immer mehr Glücksspielsüchtige sind Sportwetter. (Foto: IMAGO / Kirchner-Media)

Glücksspielsucht: Warum die Gefahr im Fußball besonders groß ist

Alex Jacob hat als ehemaliger Pressesprecher des 1. FC Köln erlebt, wie vermeintliches Fußballwissen die Glücksspielsucht nur noch verstärken kann. Doch wann ist man überhaupt süchtig und wann beginnt bereits das sogenannte „problematische Spielverhalten“? Der GEISSBLOG hat mit Dr. Wolfgang Kursawe über Glücksspielsucht gesprochen.

Köln – Alex Jacob spielte zunächst in seiner Freizeit, dann immer häufiger und mit immer mehr Einsatz. Doch an welcher Schwelle wird ein Glücksspielender zum Glücksspielsüchtigen? Dr. Wolfgang Kursawe von der Drogenhilfe Köln gehört zu den führenden Experten für Glücksspielsucht in Deutschland. Er sagt: „Die Entwicklung vom problematischen Spielverhalten zur Sucht geschieht nicht über Nacht. Wir reden von einem Zeitraum zwischen zwei und fünf Jahren.“

Ähnlich wie andere Süchte entwickelt sich auch die Glücksspielsucht über einen längeren Zeitraum. Ein süchtiger Glücksspieler erfüllt in der Regel mindestens drei von sechs Merkmalen, auf die Therapeuten wie Dr. Kursawe achten.

  1. Ist das Glücksspiel zum Lebensmittelpunkt geworden?
  2. Steigt die Dosis, also Zeit und Einsatz, immer weiter an?
  3. Entwickelt der Spieler eine Toleranz gegenüber bisher erlebten Belohnungsreizen?
  4. Treten Entzugserscheinungen auf?
  5. Setzt ein Kontrollverlust ein?
  6. Treten negative biopsychosoziale Folgen in Erscheinung?

„Wenn jemand jede Woche seinen Lottoschein abgibt, ist das keine Abhängigkeit“, betont Kursawe. „Regelmäßigkeit ist noch kein Kriterium für ein Suchtverhalten. Eine Vielzahl von Franzosen trinkt auch jeden Tag ein Glas Wein zum Essen. Das macht sie aber noch nicht alkoholabhängig.“ Entscheidend ist die Kombination mehrerer Anhaltspunkte, insbesondere Lügen und Heimlichtuerei sind Anhaltspunkte für ein problematisches Spielverhalten und damit für die Vorstufe zur Sucht.

Lügen als deutliche Indizien

„Warum belüge ich meine Freundin, um mir Zeit zum Spielen zu verschaffen?“, nennt Kursawe ein Beispiel. „Warum sage ich meiner Partnerin nicht, dass ich einen Bonus vom Arbeitgeber erhalten habe? Oder warum sage ich Freunden nicht, wofür ich das Geld, das ich mir borge, wirklich benötige?“ Solche Lügen seien deutliche Indizien, dass ein Mensch zur Glücksspielsucht neige.

Insbesondere, weil Glücksspielsüchtige laut Kursawe in der Regel auch sich selbst zu belügen beginnen. „Es kommt zu einer kognitiven Verzerrung“, beschreibt Kursawe den inneren Prozess. Süchtige begännen sich einzureden, jederzeit mit dem Spielen aufhören zu können, es eigentlich im Griff zu haben und nur noch die erlittenen Verluste wieder reinholen zu wollen. Und träten die erhofften Gewinne nicht ein, seien stets äußere Umstände Schuld an den weiteren Verlusten, nicht jedoch der Spielende selbst.

Glückspielsucht – ein Teufelskreis, aus dem nur austritt, dessen eigener Leidensdruck zu hoch wird oder dessen Umfeld schließlich den Druck erhöht, um sich behandeln zu lassen. Im Falle des ehemaligen Pressesprechers des 1. FC Köln war es der äußere Druck durch die Geschäftsführer Jörg Schmadkte und Alexander Wehrle. „Ich bin Jörg und Alex sehr dankbar für den harten Aufschlag, den es gegeben hat, für den Impuls, den Jörg gesetzt hat, damit ich Hilfe bekomme“, sagt Alex Jacob heute.

Je schneller ein Spiel ist, desto gefährlicher

In Deutschland gibt es derzeit rund 240.000 pathologische Glücksspieler und noch einmal so viele, die problematisches Verhalten zeigen. Erst seit 2001 ist „pathologisches Glücksspiel“ in Deutschland als Krankheit anerkannt, doch seitdem können sich Kranke über die Versicherung die ambulante oder stationäre Therapie bezahlen lassen. Kursawe hat in den letzten Jahren jedoch eine deutliche Veränderung bei den Glücksspielsüchtigen ausgemacht: der rasante Anstieg im Bereich der Sportwetten, insbesondere im Fußball.

„Vor zehn Jahren waren unter zehn Prozent der Süchtigen Sportwetten-Spieler. Heute sind es über 30 Prozent“, sagt Kursawe und liefert die Erklärung gleich mit: „Je schneller ein Spiel ist, desto gefährlicher ist es. Siegen oder Fliegen: Die Livewetten bringen den schnellen Kick.“ Insbesondere im Fokus der Therapeuten und Glücksspielsucht-Experten: der Fußball.

Wettangebote im Fußball bergen als sogenanntes „Glücksspiel mit Kompetenzanteil“ die Gefahr des Trugschluss‘, das Glück austricksen zu können. Laut Kursawe hat die Mehrheit der Sport-Glücksspieler selbst früher aktiv Fußball gespielt und glaubt, durch vermeintliches Fachwissen den Faktor Glück überwinden zu können. So ging es auch Jacob: „Ich hatte die Illusion, mit meinem beruflichen Werdegang und mit meiner Erfahrung im Fußball es nicht mehr als Glücksspiel zu sehen. Ich dachte, es geht nicht mehr darum: Kommt Rot oder Schwarz? Ich glaubte vorher zu wissen, wer sich durchsetzt.“

Glücksspiel ist häufig eine heimliche Sucht

Und so ist die Gefahr der Glücksspielsucht laut Kursawe längst auch im Jugendfußball angekommen. Eltern von Nachwuchsspielern treten inzwischen regelmäßig an die Drogenhilfe Köln heran, um sich zu informieren. Junge Talente verdienen immer früher immer mehr Geld in den Nachwuchsleistungszentren der Profiklubs. Und weil durch die Nutzung von Wett-Apps auf dem Smartphone die Möglichkeiten des anonymen Spielens immer größer werden, verlieren sich schon Teenager immer häufiger in den Spielwelten der Sportwetten-Anbieter.

„Glücksspiel ist häufig eine heimliche Sucht“, sagt Kursawe und regt an, dass die Fußballvereine ihre Aufklärungsarbeit im Nachwuchs verstärken. Auch die Drogenhilfe Köln bietet solche Angebote an. Über die Website spielfrei.info werden nicht nur den Süchtigen Ansprechpartner genannt, sondern auch Hilfe für Angehörige.

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