Beim FC läuft’s nicht: Ist dieses Problem gleich die doppelte Ursache?

René Wagner im FC-Training. (Foto: Bucco)
René Wagner im FC-Training. (Foto: Bucco)

Der 1. FC Köln hat ein großes Defizit: Die Geißböcke laufen deutlich weniger als die Gegner. Gleichzeitig reißen seit Wochen regelmäßig Muskelfasern. Gibt es einen Zusammenhang – und ein Fitnessproblem?

Der 1. FC Köln ist sichtlich genervt von einer Entwicklung: von den zahlreichen Verletzungen der letzten Wochen. Die Muskelverletzung von Imad Rondic in der vergangenen Woche wurde weder bestätigt noch kommentiert. Selbst das Umknicken von Joel Schmied in Frankfurt wurde anschließend nahezu totgeschwiegen. Keine Kommentare oder gar Diagnosen mehr aus der medizinischen Abteilung.

Kaum vorstellbar, dass dies so bleiben wird, doch es ist ein Zeichen dafür, dass die Geißböcke nervös sind. Nicht, weil das mediale Umfeld auf den Verletzungen herumreitet und Fragen stellt, sondern weil die Verletzungen überhaupt zustande kommen. Schmied kann passieren, Skhiri kann passieren, Dallinga kann passieren. Dies sind Verletzungen aus dem Spiel heraus. Pech, Unglück, Drama. Ein Ärgernis hingegen sind die wiederkehrenden Muskelverletzungen.

FC-Verletzungen belegen UEFA-Studie

Seit 2001 läuft beim europäischen Fußballverband UEFA eine Langzeitstudie zu den Verletzungen im Profifußball. Die „UEFA-Verletzungsstudie für Eliteclubs“ hat unter anderem herausgefunden, dass sich die Anzahl an Bänderverletzungen zwar fast halbiert haben, die Anzahl an Muskelverletzungen aber deutlich gestiegen sind. Insbesondere der hintere Oberschenkel ist immer häufiger betroffen, 24 Prozent mehr als noch zu Studienbeginn.

Davon kann der 1. FC Köln ein Liedchen singen. Denn vier der fünf Muskelverletzungen in dieser Saison fanden genau dort, um hinteren Oberschenkel, ihren Anfang (Anmerkung der Redaktion: Die Verletzung von Luca Waldschmidt aus der Vorbereitung war laut FC-Angaben keine klassische Muskelverletzung und wird daher in dieser Betrachtung nicht berücksichtigt). Glück im Unglück für den FC: Zumindest bei Ragnar Ache war es lediglich eine kleinere Blessur im Muskel, weshalb der Mittelstürmer in der bevorstehenden Englischen Woche wieder Spielminuten bekommen dürfte.

Pro Spiel: FC läuft 2,5 Kilometer weniger als die Gegner

Die UEFA-Studie besagt zudem, dass der FC mit seinen fünf Verletzten genau in dem Durchschnittsbereich liegt, den der Fußballverband für die ersten drei Saisonmonate als erwartbar errechnet hat. Allerdings wissen die Geißböcke auch: Mit den fünf Ausfällen hat man am Geißbockheim den Höchststand der letzten Jahre erreicht. Seit René Wagner als Co-Trainer mit Steffen Baumgart im Sommer 2021 nach Köln kam, gab es nur 2023 ebenso viele Muskelverletzte beim FC wie in dieser Saison.

Vorsicht ist also geboten. Zumal eine weitere Komponente hinzu kommt: Der FC läuft in der Liga aktuell dem Geschehen sprichwörtlich hinterher. In bislang jedem (!) der sechs Bundesliga-Spiele absolvierten die Kölner deutlich weniger Kilometer als der jeweilige Gegner. Zwischen 1,8 Kilometer (gegen Hamburg) und 3,4 Kilometer (Hoffenheim) legten die FC-Spieler in den 90 Minuten weniger zurück. Im Schnitt waren es 2,45 Kilometer pro Spiel weniger als die gegnerische Mannschaft. So wie am Freitagabend in Frankfurt.

SpieltagLaufleistung FCLaufleistung GegnerDifferenz
1 – TSG Hoffenheim114,36 km117,73 km-3,36 km
2 – VfB Stuttgart116,14 km118,96 km-2,82 km
3 – Werder Bremen121,76 km123,83 km-2,07 km
4 – Hamburger SV111,74 km113,56 km-1,82 km
5 – Bor. M’Gladbach117,52 km119,62 km-2,10 km
6 – Eintracht Frankfurt114,15 km116,66 km-2,51 km

Das ist erschreckend, schließlich war die Laufstärke in der vergangenen Saison noch einer von Kölns Trümpfen. Dieser ist nun aber dahin. Platz 17 in der Bundesliga-Lauftabelle. Platz 17 in der Bundesliga-Tabelle für intensive Läufe. Zur Erinnerung: 2017 ging die Mannschaft nicht fit in die Saison, die Folge waren zahlreiche Verletzungen und der Abstieg im Sommer 2018. 2019 ließ Achim Beierlorzer im Sommer zu wenig trainieren, die Folge waren Verletzungen und ein Fast-Abstieg. Auch 2023 waren die Verletzungen Teil einer Spirale, die zum Abstieg führten.

Kölns größte Schwäche: die Aktivität mit Ball

Die Erklärung, der FC setze in dieser Saison auf mehr Ballbesitz, greift zu kurz. Die Geißböcke liegen im Ballbesitz bei glatt 50,0 Prozent auf Platz zehn der Liga und damit exakt im Mittelfeld. Andere Clubs mit deutlich mehr Ballbesitz gehören gleichzeitig zu den laufstärksten Mannschaften der Liga – denn nicht nur das Laufen gegen den Ball gehört zu einem intensiven Fußballspiel, sondern auch das Freilaufen im eigenen Ballbesitz. Und gerade diese Aktivität mit Ball ist eines der größten Probleme im Kölner Spiel.

Auch die Erklärung, man habe mit Jakub Kaminski den laufstärksten Spieler verloren, während andere Spieler sich erst daran gewöhnen müssten, in der Bundesliga den einen oder anderen Meter mehr zu gehen, kann nicht gelten. Die Bundesliga wartet auf niemanden. Wer bis Mitte Oktober in der Saison körperlich noch nicht bereit für das benötigte Niveau ist, hat ein generelles Problem.

Drahtseilakt: mehr Meter bei weniger Verletzten

Denn die körperlichen Grundlagen einer Saison werden in der Sommerpause durch individuelle Läufe sowie in der Vorbereitung gelegt. Große Rückstände während einer Saison aufzuholen, ist nur schwer möglich. Vielmehr noch: Wer dies im Training versucht und die Umfänge erhöht, um die Spieler an höhere Belastungen zu gewöhnen, erhöht damit zusätzlich das Verletzungsrisiko.

Der FC befindet sich nun also an einem gefährlichen Punkt: Die Geißböcke wissen, dass sie ein Laufdefizit im Liga-Vergleich aufweisen. Das lässt sich nicht mehr leugnen. Die Geißböcke haben aber auch viele Muskelverletzungen zu beklagen. Wagner muss damit nun ein Drahtseilakt gelingen: Er muss mehr Meter und mehr Aktivität aus seinen Spielern herausholen und darf dabei nicht riskieren, dass ihm weitere Spieler wegbrechen.

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