René Wagner im großen GEISSBLOG-Interview: Nach dem ersten Teil (erschienen am Freitag) spricht der Trainer des 1. FC Köln nun über Said El Mala und Mikey Moore sowie über das anstehende Derby.
Das Interview führte Marc L. Merten
GEISSBLOG: Herr Wagner, blicken wir auf das Derby am Sonntag in einer Woche. Ist der FC vor diesem Duell gegen Gladbach das vielzitierte „Pulverfass“?
RENÉ WAGNER: „Da ich die Stadt kenne und weiß, in welcher Situation wir uns aktuell befinden, weiß ich natürlich, was in beiden Fällen mit diesem Spiel passieren kann. Wir werden alles dafür tun, das Spiel zu gewinnen. Wir werden alles reinhauen. Und mit einem gewonnenen Derby können wir auf sieben Punkte nach fünf Spielen blicken.“
Sie haben beide mögliche Fälle angesprochen.
Wir sind uns natürlich bewusst, dass auch das andere Szenario eintreten kann. Und natürlich muss ich mich als Cheftrainer mit allen Szenarien gedanklich auseinandersetzen. Wenn wir das Spiel gewinnen, ist eine ganze Stadt happy. Wenn wir das Spiel nicht gewinnen, ist eine ganze Stadt nicht happy. Wir wollen mit dem Gefühl aus dem Spiel gehen, dass es in einem Derby in Köln nichts für den Gegner zu holen gibt. Nur ist es halt Fußball – und da kann beides passieren.
Wie schwer wird es gegen Gladbach mit einem neuen Trainer?
Natürlich kennen wir Alexander Blessin aus der Bundesliga. Und ich glaube, die wenigsten Trainer drehen sich um 180 Grad und verändern alles, wofür sie vorher gestanden haben. Dennoch müssen wir versuchen reaktionsfähig zu sein und den Jungs mitgeben: Wenn nicht eintreten sollte, womit wir gerechnet haben, ist hier Lösung B.
Wie schwer fällt die Vorbereitung auch unter dem Gesichtspunkt, dass wichtige Spieler wie Said El Mala und Mikey Moore, aber auch zahlreiche Abwehrspieler auf Länderspielreise sind?
Erst mal freue ich mich für alle Jungs, und dass Mikey zweimal getroffen hat. Das ist gut für ihn und gut für uns. Natürlich ist es generell nicht einfacher, wenn einige Spieler nicht da sind, die gegen Gladbach von Beginn an auf dem Platz stehen werden. Dennoch gilt das auch für Gladbach. Sobald die Spieler wieder bei uns angekommen sind, müssen wir einfach dafür sorgen, dass wir uns ausschließlich darum kümmern, was gegen Gladbach wichtig wird. Da wird uns auch helfen, dass das Spiel erst am Sonntag stattfindet. Die Zeit müssen wir volles Brett nutzen, um die Mannschaft bestmöglich vorzubereiten.
Es war nicht immer so, dass ein ganzes Stadion grölt, wenn er einen Zweikampf verliert.
René Wagner
Was macht Sie optimistisch, dass sich Spieler wie El Mala und Moore schnell finden werden, um dem FC auch mit ihrem individuellen Niveau weiterzuhelfen?
Es sind ja nicht nur die beiden. Auch Spieler wie Ellyes Skhiri oder Thijs Dallinga können noch besser in ihren Rhythmus finden. Das gilt auch für Locho und für Jahmai. Ich freue mich, dass Borna Sosa einen guten Eindruck macht. Man merkt bei den Spielern, die spät dazu kamen, dass sie jetzt reinfinden.
Wie geht Said El Mala mit dem Druck um?
Das ist neu für ihn. Wir haben nach Hamburg auch darüber gesprochen. Es war nicht immer so, dass ein ganzes Stadion grölt, wenn er einen Zweikampf verliert. Damit muss er jetzt lernen klarzukommen. Es ist ein Spieler, der polarisiert. Es ist ein Spieler, der die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Es ist ein Spieler, der jetzt deutscher Nationalspieler ist. Gegen so einem Spieler geht der Gegner mit noch ein bisschen mehr Motivation rein. Im letzten Jahr wusste noch niemand, wer er ist. Da waren die Gegenspieler überrascht, wie er an ihnen vorbeigelaufen ist. Jetzt müssen wir daran arbeiten, dass er Alternativen in seinem Spiel findet, um sich in Position zu bringen. Dabei wird ihm auch die Nationalmannschaft helfen. Er bekommt jetzt super Input, auch in anderen Spielphasen und Bereichen, die für ihn und sein Spiel in Zukunft wichtig sein werden. Said wird hoffentlich mit möglichst vielen Erfolgsmomenten zurückkommen und mit breiter Brust gegen Gladbach auf dem Platz stehen.
Werfen wir einen Blick auf ein paar Spieler, die ganz jung im Sommer gekommen sind, aber noch Zeit brauchen werden. Reigan Heskey, Paul Okon-Engstler und Gil Neves. Wie sehen Sie ihre Perspektiven für die kommenden Monate?
Bei Gil ist es wichtig, nochmal einzuordnen, dass er verpflichtet wurde, um über die U21 den nächsten Schritt im Profi-Fußball gehen zu können. Er ist noch kein Spieler, der ganz oben eingeplant ist.
Dann beschränken wir uns auf Reigan und Paul.
Reigan ist ein absoluter Ausnahmespieler. Er könnte noch U19 spielen. Das tut er natürlich nicht, weil er mit einem Profil und Potential ausgestattet ist, das eigentlich kein Limit hat. Er kann ganz oben ankommen. Nur ist der Weg vom heutigen Niveau bis dahin brutal schwer und weit.
Wenn so ein junger Spieler einmal Feuer fängt, dann kann es schnell gehen
René Wagner
Dennoch stand er zuletzt zweimal nicht im Kader.
Ich bin ehrlich: Ihn aus dem Kader zu nehmen, war bisher meine schwerste Entscheidung, die ich beim 1. FC Köln treffen musste. Der Grund, warum Reigan aktuell noch ein Stück weit davon entfernt ist, für uns zu spielen, liegt an den Anforderungen der Bundesliga. Sie ist eine brutal intensive, zweikampfstarke, umschaltlastige Liga, in der in vielen Situationen Fähigkeiten gefragt sind, die Reigan in seinem Spiel anbieten, aber noch nicht konstant genug abrufen kann. Daran arbeitet er jede Woche, er ist ungemein fleißig. Deshalb geben wir ihm noch ein bisschen Zeit.
Was unterscheidet ihn von Mikey Moore und Said El Mala?
Mikey hat schon ein Jahr Profifußball in Schottland gespielt, hat am Anfang in Glasgow aber auch erst einmal ein paar Spiele auf der Bank gesessen. Said war vor drei Jahren noch in Meerbusch. Bei Viktoria ist er in der 3. Liga durch eine harte Schule gegangen, und die hat ihm beim FC vom ersten Tag an geholfen. Reigan dagegen kommt direkt aus der Jugend. Aber wenn so ein junger Spieler einmal Feuer fängt, dann kann es schnell gehen.
Paul Okon-Engstler ist näher dran, dennoch musste er zuletzt zuschauen. Was waren da die Gründe?
Das war keine Entscheidung gegen Paul, das war in dem Moment eine Entscheidung für Luca Waldschmidt. Wir haben in Hamburg mit einem engen Spiel gerechnet und uns erhofft, dass wir mit Luca hinten raus noch einen Spieler von der Bank bringen können, der Torgefahr ausstrahlt. Das gehört bei Paul noch nicht zu seiner Kernkompetenz. Er ist ein Spieler mit anderen Qualitäten, der sich tiefer den Ball abholt, das Spiel leiten und kontrollieren kann, der viel über Volumen regelt. Er wird auch seine Spiele bekommen.
Auch gegen Gladbach werden Sie wieder harte Kader-Entscheidungen treffen müssen, weil mit Timo Hübers und Alessio Castro-Montes nur zwei Spieler verletzt sind. Wie schwer fällt Ihnen das?
Ich möchte jetzt nicht dafür plädieren, dass wir drei Spieler pro Spieltag mehr mitnehmen können, aber wir haben wirklich einen Kader, der breit aufgestellt ist. Wenn alle fit sind, habe ich die Qual der Wahl. Ich weiß nicht, wann es hier das letzte Mal so harte Entscheidungen gegeben hat, wann es im positiven Sinne so schwer war, den Kader zusammenzustellen. Die Entscheidungen zu treffen, ist nicht schön. Die Auswahl zu haben, dagegen schon.






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