Gemeinsam mit Werner Wolf und Eckhard Sauren steht er vor der Ablösung, doch Carsten Wettich möchte auch dem neuen Vorstandsteam des 1. FC Köln angehören. Der 45-jährige Anwalt erklärt im GEISSBLOG-Interview, was er zusammen mit Wilke Stroman und Tugba Tekkal plant. Lesen Sie hier den zweiten Teil des Interviews.
Das Interview führten Marc L. Merten und Martin Zenge
GEISSBLOG: Herr Wettich, welche Motivation treibt Sie an, mit dem neuen Team anzutreten?
CARSTEN WETTICH: „Wir haben in den letzten Jahren ein sehr gutes Fundament gelegt. Jetzt müssen wir in die aktive Wachstumsphase kommen. Das heißt: Wir müssen von dem Fundament ernten, mehr Geld einnehmen und das Geld eins zu eins in den Kader stecken. Diese Phase zu begleiten, daran hätte ich große Freude. Wenn man sich die Vergangenheit anschaut, kam es, wenn ein komplett neuer Vorstand gewählt worden ist, jedes Mal zu einem erheblichen Bruch, der den FC weit zurückgeworfen hat. Deshalb bin ich überzeugt, dass es jetzt eine Mischung aus Kontinuität und Aufbruch braucht. Dafür stehen Wilke Stroman, Tugba Tekkal und ich.“
Ein bisschen provokant gesprochen: Viel Kontinuität hat es aber nicht gegeben, wenn man sieht, dass in den sechs Jahren dieses Vorstands acht Sportchefs und Geschäftsführer sowie acht Cheftrainer gekommen beziehungsweise gegangen sind.
„Zunächst einmal haben wir professionelle Strukturen geschaffen, die auch bei einem Wechsel auf der Geschäftsführung erhalten bleiben. Ein neuer Geschäftsführer soll nicht alles über den Haufen werfen, was sein Vorgänger gemacht hat. Ein bisschen Klartext dann auch von meiner Seite: Die von Ihnen genannte Zahl ist in Bezug auf meine Person schlicht falsch. Der erste Geschäftsführer, der in meiner Amtszeit eingestellt wurde, ist Philipp Türoff. Er ist absolut Champions League. Wir können alle froh sein, dass er hier ist. Daran war ich federführend beteiligt. Er hat maßgeblich dafür gesorgt, dass der FC heute strukturell und wirtschaftlich so dasteht, wie er dasteht. Der zweite Geschäftsführer war Christian Keller. Er ist nicht mehr da, aber sein Nachfolger ist Thomas Kessler, den wir damals nach der Trennung von Horst Heldt hochgezogen haben. Der dritte ist der Geschäftsführer Marketing. Da haben wir mit Markus Rejek und Philipp Liesenfeld zwei in unserer Amtszeit eingestellt. Dass wir nunmehr sowohl mit Thomas Kessler als auch mit Philipp Liesenfeld zwei Eigengewächse in verantwortliche Positionen gebracht haben, spricht im Übrigen für die personelle Entwicklung beim 1. FC Köln.“
Wettich: „Alles andere halte ich für Träumerei“
Anders gefragt: Was müsste der neue Vorstand anders machen, um diese hohe Fluktuation in der Geschäftsführung zu durchbrechen?
„Wie gesagt sehe ich keine hohe Fluktuation in der Geschäftsführung in meiner Amtszeit. Entscheidend sind Strukturen, die nicht über den Haufen geworfen werden, sobald eine neue Person ins Amt kommt. Dass sich im Übergang von Christian Keller zu Thomas Kessler gewisse Dinge ändern, liegt in der Natur der Sache, aber die grundsätzliche sportliche Ausrichtung bleibt gleich. Das bedeutet für mich Kontinuität. Der Standort Köln ist im Übrigen so intensiv, dass sich das meines Erachtens für einen Trainer oder auch einen Sport-Geschäftsführer kaum über zehn Jahre durchhalten lässt. Alles andere halte ich für Träumerei. Deshalb muss man die Strukturen schaffen, um auch bei einem Wechsel die Qualität zu bewahren.“
Wilke Stroman hat angekündigt, dass Sie als Vorstand einiges anders machen würden als der bisherige Vorstand. Was haben Sie konkret vor?
„Wilke Stroman, Tugba Tekkal und ich sind in der Zusammensetzung deutlich anders als es jemals ein Vorstand beim FC war. Wir hätten seit Franz Kremer erstmals wieder einen Unternehmer als Präsidenten. Das strahlt er auch aus. Er ist ein Macher-Typ, der mutig handelt, entscheidungsstark und kommunikativ stark ist. Er hat sein eigenes Unternehmen aufgebaut und gerade dort sehr viel Expertise im Bereich Vertrieb. Zudem kann Wilke als Unternehmer gut und modern führen. Da wir beim FC gerade in die Eigenvermarktung gehen, würde er viel Erfahrung und ein großes Netzwerk einbringen. Mit Tugba haben wir eine Ex-Spielerin, die den FC kennt und die Werte des Clubs perfekt lebt, die die Sprache des Fußballs spricht und die Entscheidungen der sportlichen Führung validieren und challengen kann. Sie hat ein großes Netzwerk und erreicht eine junge Generation. Im Jahr 2025 würde es dem FC auch gut zu Gesicht stehen, eine Frau im Vorstand zu haben.“
Wir möchten ein Vorstand sein, der klar in der Sache ist, der eine klare Haltung hat, der nah an den Menschen ist, der die Mitglieder mitnimmt und die FC-Familie vereint.
Carsten wettich
Und Ihre Inhalte?
„Da kann man unterscheiden zwischen einerseits den Projekten, die der Vorstand selber anschieben möchte, und der Ausrichtung des Gesamtclubs. Wir möchten ein Vorstand sein, der klar in der Sache ist, der eine klare Haltung hat, der nah an den Menschen ist, der die Mitglieder mitnimmt und die FC-Familie vereint. Dann gibt es ein Thema, was in den letzten Monaten immer wieder hochkommt: die Governance und Satzung.“
Das heißt?
„Fangen wir bei der Rechtsform der ausgegliederten Gesellschaft an, eine GmbH & Co. KGaA. Das ist damals so gemacht worden, um sich für Investoren offen zu halten. Da wir aber keine Investoren in die Spielbetriebsgesellschaft aufnehmen möchten, könnte man überlegen, ob man in die Rechtsform der GmbH geht. Damit würde man sich beispielsweise einen Jahresabschluss und mit dem Aufsichtsrat der KGaA ein Gremium sparen und so die Strukturen straffen. Darüber hinaus möchten wir nach über zehn Jahren mit dem Mitgliederrat und bei frühzeitiger und breiter Einbindung von Mitgliedern und ExpertInnen die Satzung insgesamt anschauen. Es gibt viele unterschiedliche Auffassungen in der Mitgliedschaft. Daher wäre es wichtig, dass man offen darüber spricht und möglicherweise eine größere Satzungsänderung auf den Weg bringt, die wir dann der Mitgliederversammlung im Herbst 2026 zur Abstimmung stellen möchten. Dann ist ein Herzensprojekt von uns, in unserer Amtszeit das 200.000. Mitglied begrüßen zu dürfen. Da geht es nicht um die schiere Zahl, sondern darum, dass wir die Stärken eines unabhängigen Vereins mit starker Mitglieder- und Fanbasis ohne Investoren in der Spielbetriebsgesellschaft herausstellen, regelmäßig ins Bewusstsein rufen und hierbei eine Vorreiterrolle in Deutschland einnehmen möchten. Unsere Stimme ist hierbei umso stärker, je mehr Mitglieder wir haben. Dazu hätten wir einen Mehrerlös in Höhe von mehr als zwei Millionen Euro, den wir in den Nachwuchs stecken könnten, der ebenfalls zur FC-DNA gehört.“
Podolski könnte „bei vielen Punkten helfen“
Und für den gesamten FC?
„Wir wollen mutiger sein. Wir wollen den FC wieder groß denken. In den letzten Jahren war die Phase der Konsolidierung. Das war auch richtig. Jetzt muss man den FC ohne Träumereien strategisch weiterentwickeln. Wege dahin gibt es natürlich viele, ein zentraler Baustein ist die Eigenvermarktung und eine digitale Weiterentwicklung.“
Beim FC ging es in den letzten Jahren immer wieder um die Frage, wo die Fußballkompetenz ist. Mit Tugba Tekkal bringen Sie eine Ex-Spielerin ins Team. Was qualifiziert sie mehr als – wie es bei Dieter Prestin schon hieß – einfach nur, dass sie Fußball gespielt hat?
„Zunächst einmal ist die Abgrenzung Vorstand zum operativen Geschäft wichtig. Thomas Kessler ist für den Sport verantwortlich, und da muss die Verantwortung auch bleiben. Wichtig ist allerdings, dass auch in diesem für den FC so wichtigen Bereich eine Validierung stattfindet. Es geht nicht darum, selber auf Scoutingtour zu gehen, aber darum, bei einer Spielersuche oder Trainersuche die Auswahl bewerten zu können. Daher trifft es Sportexpertise besser als Sportkompetenz. Und da bin ich überzeugt, dass Tugba diese Sportexpertise mitbringt.“

Das heißt, dass Sportkompetenz-Team mit Frank Schaefer und Erich Rutemöller würde künftig wegfallen?
„Wie auch in anderen Bereichen ist es Teil unseres Konzepts, unsere eigene Erfahrung durch Wissen von externen Experten sinnvoll zu ergänzen. Dies gilt selbstverständlich auch für den Sport. So hat uns als aktuellem Vorstand gerade auch in den letzten Wochen im Übergang zwischen Christian Keller zu Thomas Kessler sowie bei der Suche nach einem Interims- und nunmehr auch festen Cheftrainer der Input von Frank Schaefer und Erich Rutemöller sehr geholfen.“
Wilke Stroman hat mit Lukas Podolski einen prominenten Fürsprecher. Gibt es schon Überlegungen, Podolski einzubinden?
„Die Gespräche führt Wilke. Lukas hat das Herz am rechten Fleck für den FC, erreicht viele Menschen und hat ein großes Netzwerk. Damit könnte er dem FC natürlich bei vielen Punkten helfen. Alles Weitere werden wir zunächst mit ihm besprechen.“
Wir stehen für einen ganz anderen Vorstand als fast in der gesamten Historie des Clubs. Ich glaube, die Zeit ist reif dafür.
Carsten Wettich
Inwiefern könnte es durch die geschäftlichen Verbindungen zwischen Wilke Stroman und Lukas Podolski möglicherweise zu Compliance-Problemen kommen, sollten mit der Einbindung auch geschäftliche Verbindungen entstehen?
„Wir würden das natürlich klar trennen und alle Compliance-Vorschriften selbstverständlich einhalten.“
Sie haben gesagt, Wilke Stroman könne dem FC als Unternehmer helfen. Wie könnte das konkret aussehen und wie würde sich das von den Präsidenten unterscheiden, die in der Vergangenheit Großkonzerne gemanagt haben?
„Wilke ist ein kommunikationsstarker, ein smarter Typ, der klare Entscheidungen trifft und versucht, die Menschen dabei mitzunehmen. Er wäre eine absolute Bereicherung für das Geißbockheim. Die Mitarbeitenden würden sich sicher auch mal über einen jungen Vorstand freuen. Und gerade die vielen Mitarbeiterinnen über eine Frau an der Spitze. Wir stehen für einen ganz anderen Vorstand als fast in der gesamten Historie des Clubs. Ich glaube, die Zeit ist reif dafür.“
Warum Stroman für Wettich der Richtige ist
Das war aber jetzt keine Antwort auf die Frage.
„Wilke denkt unternehmerisch. Ein Unternehmer muss stets die positiven und negativen Konsequenzen seiner Entscheidungen selber tragen. Das ist der Unterschied zwischen einem Manager und einem Unternehmer. Beim Unternehmer geht es um sein eigenes Geld. Er führt deswegen auch anders. Der FC ist eine Art Familienunternehmen. Da passt ein Unternehmer-Typ gut rein, der eine hohe Verantwortung dem Unternehmen gegenüber sieht. Sparhandy ist groß geworden über Digitalisierung und Vertrieb. Was sind zwei der größten Erlösfelder beim FC in den nächsten Jahren? Digitalisierung und Vertrieb. Das kann er perfekt begleiten. Erfolgreiche Unternehmer sind daher sehr geübt darin, Verantwortung zu tragen, Risiken sorgfältig abzuwägen, sich bietende Chancen mutig zu ergreifen und auch neue Wege zu gehen. All das hat Wilke Stromann bereits unter Beweis gestellt, es zeichnet ihn aus. Seine Handlungs- und Umsetzungsstärke wie auch sein großes Netzwerk werden der Weiterentwicklung des FC guttun.“
Abschließend: Welche Ziele setzt sich dieser Vorstand?
„Der FC soll wieder zu einem führenden Club in Deutschland werden – sportlich, wirtschaftlich und kulturell. Dabei ist das Geißbockheim ein zentrales Projekt mit dem Ziel, zusätzliche Plätze für den Nachwuchs zu bekommen, das Leistungszentrum zu bauen und das Geißbockheim zur Anlaufstelle für alle FC-Fans zu entwickeln, in der der FC für die Fans greifbar ist. Dann wollen wir nachhaltig mit der Männer-Mannschaft in der Bundesliga spielen. Das ist das zentrale Ziel. Die Frauen wollen wir kurzfristig ins Mittelfeld führen und mittelfristig ein Top-Fünf-Team werden. Die Eigenvermarktung ist ein kompletter Kulturwandel, den wir erfolgreich hinbekommen wollen. Dabei möchten wir offen für neue Wege und Ideen sein und ExpertInnen mit FC-DNA aktiv einbinden. Im Nachwuchs sind wir bereits führend, möchten es aber noch besser hinbekommen, dass die Spieler den Sprung schaffen und mittelfristig bei uns bleiben. Dann sind 50+1 und unsere Unabhängigkeit nicht Gott gegeben. Dafür werden wir gemeinsam mit unseren Mitgliedern kämpfen und weiter eine Vorreiterrolle einnehmen. Und dann wollen wir für ein offenes, ein gutes Verhältnis zu den Mitgliedern einstehen. Das wollen wir auch messbar machen. Die Zufriedenheit der Mitglieder mit uns als Vorstand soll nicht nur ein Jeföhl sein. Und wir möchten die so besondere Fankultur des 1. FC Köln und die Vernetzung der Fans untereinander weiter fördern und ehrenamtliche Fanstrukturen im Verein etablieren.“
Hier geht’s zum ersten Teil des Interviews mit FC-Vize Carsten Wettich.








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