Kwasniok kocht das FC-Ei: „Dann musst du deine Transferstrategie anpassen“

FC-Coach Lukas Kwasniok während des Trainingslagers. (Foto: GEISSBLOG)
FC-Coach Lukas Kwasniok während des Trainingslagers. (Foto: GEISSBLOG)

Zwischen „Kulturschock“ und Kaderplanung: Der GEISSBLOG hat Lukas Kwasniok in Bad Waltersdorf zum Interview getroffen. Was der Trainer des 1. FC Köln über den Stand der Vorbereitung und weitere Transfers sagt – und warum sein gewünschter Fußball womöglich erst in drei Jahren zu sehen sein wird.

Das Interview führten Sonja Gauer, Marc L. Merten und Martin Zenge

GEISSBLOG: Herr Kwasniok, was ist für Sie nach gut drei Wochen beim 1. FC Köln die größere Herausforderung: Die Suche nach der richtigen Mannschaft für den Bundesliga-Auftakt oder die Suche nach einer Wohnung in Köln?

LUKAS KWASNIOK:
„Das eine ist zum Glück abgeschlossen, eine Wohnung habe ich inzwischen gefunden. Und das andere ist ein völlig überhöhtes Thema. Ich bereite die Mannschaft nicht auf den ersten Spieltag, sondern auf eine ganze Saison vor. Ich habe in 19 Jahren Trainer-Dasein noch nie erlebt, dass die Mannschaft, die am ersten Spieltag aufläuft, das gleiche Gesicht hat wie die, die am letzten Spieltag aufläuft. Wenn der eine oder andere im letzten Testspiel nicht spielt, hat man das Gefühl, die Welt bricht zusammen – aber am dritten Spieltag sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Der erste Spieltag ist ein Vierunddreißigstel der Saison, nicht mehr.“

Sie haben die Vorbereitung zuletzt mit „Wer wird Millionär?“ verglichen. Vor dem Saisonauftakt gelte es, ein paar falsche Antworten auszuschließen. Um in dem Bild zu bleiben: Befinden Sie sich aktuell noch bei 500-Euro-Frage oder eher schon bei den 16.000?

„Die Gewichtung der Frage verändert sich nicht. Es geht eher darum, dass ich von Woche zu Woche weitere Antworten ausschließen kann. Aktuell ist es durch das Trainingslager und die gemeinsame Arbeit aber eher so, dass vermeintlich schon ausgeschlossene Optionen doch wieder aufs Tableau kommen – ohne da jetzt auf konkrete Namen eingehen zu wollen.“

„Da ist auch mal ein Kulturschock dabei“

Sie verfolgen einen anderen Ansatz als Ihre Vorgänger, haben für Ihre Taktik bereits das Schlagwort „Spielmanipulation“ in den Raum geworfen. An welche neuen Prinzipien muss sich die Mannschaft darüber hinaus gewöhnen?

„Es sind ganz viele Attribute, die ich einfordere. Da ist für die Jungs auch mal ein Kulturschock dabei. Zum Beispiel gibt es bei mir keine Pause, wenn der Ball ins Aus geht. Das ist ein Moment, in dem der Gegner vielleicht einen Tick nachlässt, weil jeder ein bisschen happy ist, mal durchschnaufen zu können. Dann nehmen wir Fahrt auf, gehen ins Tempo und beschleunigen das Geschehen. So kommt durch einen ganz simplen Move eine ganz andere Dynamik ins Spiel. Und auch die Menschen im Stadion merken, dass wir auf dem Gaspedal sind.“

Fällt es der Mannschaft leicht, Ihre Wünsche umzusetzen?

„Jeder ist gewillt, sie umzusetzen. Jetzt müssen wir herausfinden, wer dieses Tempo über 90 Minuten gehen kann. Das wird sich dann in der letzten Vorbereitungswoche rund um die letzten Testspiele entscheiden. Noch kenne ich die Mannschaft nicht aus dem Effeff.“

Mein Ansatz ist: Die Menschen müssen mit unserer Art, mit der Herangehensweise zufrieden sein. Dann war es für mich eine erfolgreiche Saison.

Lukas Kwasniok

Kann der Fußball, den Sie sehen wollen, zum Saisonauftakt überhaupt schon funktionieren?

„Wenn ich das Ende meines Vertrages hier erleben sollte, dann sind wir hoffentlich am Ende dieser Entwicklung. Das ist ein dauerhafter Prozess. Nur finde ich es nicht richtig, zu sagen, dass wir Zeit brauchen, um uns zu entwickeln – in der Bundesliga hast du keine Zeit, du musst Ergebnisse liefern. Die Entwicklung muss parallel laufen. Wir werden auch nach drei Monaten nicht so Fußball spielen, wie ich mir das vorstelle, das ist unmöglich. Ich habe noch nicht einen einzigen Spieler aus dem Kader vorher trainiert oder gekannt. Kein einziger Spieler hatte mit mir vorher irgendeinen Berührungspunkt. Wenn wir nach drei Jahren so weit sind, ist es top.“

Was müsste passieren, damit Sie nach 34 Spieltagen sagen: Das war eine gute Saison für den 1. FC Köln?

„Wenn die Menschen sagen: Dieser FC steht für etwas. Einen sechsten Platz empfindet natürlich jeder besser als Platz 14 – aber die Fans müssen vor allem das Gefühl haben, dass die Jungs marschieren. Mein Ansatz ist: Die Menschen müssen mit unserer Art, mit der Herangehensweise zufrieden sein. Dann war es für mich eine erfolgreiche Saison. Die Leistungsfähigkeit unserer Mannschaft, was über 34 Spieltage hinweg möglich sein wird, kann ich aktuell noch nicht einordnen.“

Kwasniok: „Das Ei wird gerade gekocht“

Was muss im Kader noch passieren?

„Es geht nicht um ein ‚Muss‘ – es wird einfach Veränderungen geben. Eventuell gibt es Abgänge. Dann wird es noch ein paar Zugänge geben. Das Ei wird gerade gekocht, aber es ist noch ein weiches Ei. Gucken wir mal, dass daraus bis zum 1. September ein hart gekochtes Ei wird.“

Hätte dabei eine Verpflichtung von Ajax Amsterdams Innenverteidiger Ahmetcan Kaplan geholfen?

„Ich weiß nicht, der wievielte Verteidiger das ist, der in Verbindung mit uns diskutiert wurde. Wenn ich mir die Quote der Gerüchte anschaue, muss ich sagen: So häufig lagen die Medien nicht richtig (lacht). Es ist ein Leichtes, mal Namen rauszuhauen. Ich würde mich bei vielen Namen, die gehandelt werden, eher zurückhalten.“

Besonders schlecht war die Quote bei den vielen Paderbornern, die beim FC gehandelt wurden. Kein einziger kam tatsächlich. Zumindest bislang…

„Es ist offensichtlich, dass wir auf zwei, drei Positionen noch suchen. Das ist die linke Seite, die Innenverteidigung und vielleicht noch der Angriff. Andererseits arbeiten wir in einem fahrenden Zug. Ein Beispiel: Wenn du auf einmal merkst, dass ein Linton Maina und ein Said El Mala im Training gemeinsam eine gewisse Freude ausstrahlen, musst du die mal laufen lassen. So ergibt sich ein Gedanke, den man vor drei Wochen noch gar nicht hatte. Und so kann es sein, dass das Interesse an einem Spieler, den du vor zwei Wochen noch unbedingt verpflichten wolltest, geringer wird.“

Kaderplanung „ein totales Miteinander“

Maina und El Mala könnten also gemeinsam auf der linken Seite spielen?

„Das ist nur ein plakatives Beispiel, zwischen den beiden hat es im Training schon ganz gut harmoniert. Ob das für die Bundesliga tauglich ist, kann ich noch nicht sagen. Aber manchmal wirst du eben von einer Dynamik innerhalb deiner Mannschaft überrascht und dann musst du deine Transferstrategie anpassen. Für mich als Trainer ist das total interessant, dass man ganz viele Dinge nicht vorhersehen kann, wenn man eine Mannschaft kennenlernt.“

Was für ein Typ sind Sie bei der Kaderplanung? Schlagen Sie Thomas Kessler konkrete Namen vor oder kommen potenzielle Kandidaten vor allem aus dem Scouting?

„Sowohl als auch. Das ist ein totales Miteinander. Natürlich kenne ich ein paar Spieler aus der Vergangenheit und man hat immer ein Faible für den einen oder anderen. Genauso kommen Spieler über das Beraternetzwerk und die Scoutinglisten. Wir schauen uns die Spieler gemeinsam an, das ist wirklich ein kontinuierlicher Prozess. Wo ein Spieler herkommt, ist egal – man muss für alles offen sein, auch für Veränderungen im Kader.“

Der zweite Teil des GEISSBLOG-Interviews mit FC-Trainer Lukas Kwasniok erscheint am Montagmorgen.

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