Böller-Irrsinn und Gewalt: Wie Gladbachs Ultras der Fankultur schaden

Leuchtrakete im Zuschauerblock
Gefährliche Auswüchse: Eine Leuchtrakete aus dem Gladbacher Block landet zwischen den FC-Fans. Foto: imago/Team2

Böller-Wahnsinn und Gewalt: Was sich beim Derby im Gästeblock abspielte, war verstörend. So waren die Kritiker des neuen Sicherheitskonzepts wie NRW-Innenminister Herbert Reul neben dem 1. FC Köln die zweiten Gewinner dieses Spiels.

Ein Kommentar von Alexander Haubrichs

Schon kurz nach dem umjubelten Abpfiff in Köln-Müngersdorf war klar: Das 101. Rheinische Bundesliga-Derby hatte gleich zwei Gewinner. Neben dem 1. FC Köln dürfte auch NRW-Innenminister Herbert Reul mit den Bildern vom Duell der beiden Erzrivalen zufrieden gewesen sein.

Nicht weil der bekennende Leverkusen-Fan plötzlich Sympathien für die Geißböcke entwickelt hätte. Sondern weil der „Law & Order“-Politiker nicht als Freund des neuen Sicherheitskonzepts gilt, das bei diesem Aufeinandertreffen getestet wurde. 

Weniger Polizeipräsenz: Vor dem Derby ein schönes Bild

Weniger Polizeipräsenz, bewusste Zurückhaltung, all das schien zunächst zu funktionieren. Wer vor dem Anpfiff mit dem Auto, der Bahn, dem Rad oder zu Fuß rund um das Stadion unterwegs war, fühlte sich wie bei einem ganz normalen Bundesliga-Spiel und sah sich nicht wie sonst einem Aufmarsch an Polizei-Hundertschaften und Reiterstaffeln gegenüber, mit der die Polizei sonst die Gewaltbereiten unter den Anhängern beider Clubs einzuschüchtern versuchte.

Auch im Stadion gab es anfangs nur vereinzelte Hinweise darauf, dass irgendetwas eskalieren könnte. Die Böller vor und beim Anpfiff aus dem Gästeblock wiesen allerdings darauf hin, dass auch gefährliches Material in die Blöcke geschleust worden war. Der provozierende Jubel von Gladbach-Torschütze Joe Scally war eine erste Unsportlichkeit, die widerlichen „Auf Wiedersehen“-Sprüche aus dem Fohlen-Block in Richtung des offensichtlich schwer verletzten Ellyes Skhiri eine weitere Provokation. Doch bis dato alles verbaler Natur.

Nach El Malas Tor brennen die Sicherungen durch

Doch mit dem Führungstor von Said El Mala kippte es dann. Es war, als hätte eine Gruppe von Gladbacher Gewalttätern nur darauf gewartet. Noch während der FC-Stürmer vor der Südkurve jubelte, steckten die Gäste-Ultras schon unter einer Fahne und holten das Werkzeug raus. Sie zerstörten im Oberrang Nord zwei Sicherheitsscheiben, die Fanlager standen sich plötzlich Auge in Auge gegenüber. Die Polizei brauchte bemerkenswert lange, ehe sie einen der wenigen wirklich sensiblen Bereiche im ganzen Stadion mit Personal besetzte. Währenddessen flogen Feuerwerkskörper in neutrale Blocks teils nur knapp an Kleinkindern vorbei.

Zur Wahrheit gehört auch, dass auch aus der Südkurve mindestens eine Rakete auf der Osttribüne landete. Das Spiel musste schließlich kurz unterbrochen werden, bis die Situation deeskaliert wurde. Aber der Schaden war angerichtet. Dass der sonst so eloquente und überlegte FC-Geschäftsführer Philipp Türoff die Dinge hinterher kleinreden wollte, machte die Sache nicht besser. Dass der FC eine Verurteilung der Vorfälle nachschob, half auch wenig. Die Kritiker des „Laissez-faire“-Ansatzes fühlten sich bereits bestätigt.

Ultras sind Teil der Bundesliga-Show

Das ist umso ärgerlicher, da es wirklich viele gibt, die es mit der organisierten Fanszene gut meinen, sie als Teil der Fußball-Kultur sehen und ihnen Freiräume zur Entfaltung schaffen wollen. Pyrotechnik ist Teil der Show Bundesliga, und die begeisternde Intensität der Emotionen auf den Rängen überspielt oft – auch in diesem Derby – die vielleicht fehlende Klasse der Darbietungen auf dem Rasen.

Wer diese Freiheiten aber mit Füßen tritt und sie ausnutzt, so wie die Gladbacher Ultras es am Sonntag mit ihrem Böller-Irrsinn und der Zerstörungswut taten, der leistet diesen Bemühungen der Vertreter vieler Traditionsclubs einen Bärendienst. 

Auch die Führung des 1. FC Köln müht sich seit Jahren auf der Gratwanderung zwischen den Forderungen der Sicherheitsbehörden, den Vorschriften der Bundesliga und der Wünsche der eigenen Ultras. Fast klaglos zahlt man Saison für Saison die Strafen für die Verstöße gegen das Pyroverbot, lässt den Ultras bei den Choreos viel Gestaltungsspielraum und drückt oft ein Auge zu. Doch wenn solche Dinge wie am Sonntag im Gästeblock geschehen, gehen auch dem härtesten Befürworter der Fankultur die Argumente aus. Dann haben Sicherheitsfanatiker wie Herbert Reul gewonnen. 

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