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Kommentar: In welcher Fußball-Welt leben wir eigentlich?


Für den 1. FC Köln bleibt keine Zeit. Das nächste Bundesliga-Spiel steht bereits an, Borussia Dortmund wartet am Sonntag auf die Geissböcke. Doch abgesehen von den Spielern und Trainern sollte Zeit bleiben, einen Moment inne zu halten und beim Spiel am Donnerstag zu verweilen. Es sei die Frage gestattet, in welcher Fußball-Welt wir eigentlich mittlerweile leben.

London – Die Zahl 15.000 ist nicht bestätigt, aber so viele FC-Fans dürften es tatsächlich in London gewesen sein. Bestätigt ist dagegen eine andere Zahl: fünf. So viele Festnahmen gab es im Kölner Umfeld der Partie am Donnerstagabend. Fünf von 15.000 – nachdem sich rund 50 der 15.000 übel daneben benommen hatten. Es waren 50 zu viel, daran besteht kein Zweifel, und der 1. FC Köln traf es auf den Punkt, als der Klub diesen 50 Randalierern vorwarf, „großen Schaden“ angerichtet zu haben – vor allem, was das Image der Kölner Fans in der Fußball-Welt betrifft.

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Und doch stellt sich die Frage: In welcher Fußball-Welt leben wir eigentlich, in der von einer „Nacht der Schande“ gesprochen wird, wenn aus einer Gruppierung 0,3 Prozent der Menschen verhaltensauffällig werden? In welcher Fußball-Welt leben wir, wenn bewusst in den Hintergrund gedrängt wird, dass 99,7 Prozent der Menschen friedlich, geduldig, ruhig und fröhlich zunächst gewartet und später gefeiert haben? In welcher Fußball-Welt leben wir, in der die Hetze gegen Fan-Gruppierungen in Teilen der Politik und medialen Öffentlichkeit inzwischen das gleiche Niveau erreicht hat, wie die zurecht verurteilten und zurecht kritisierten Straftaten, die im Namen des Fußballs begangen werden?

Die Welt des Premier-League-Fußballs mag inzwischen eine andere sein. Sie ist durchkommerzialisiert für zahlungskräftige Kunden, nicht mehr nur für fußballverrückte Fans. Sie hat einen wichtigen Teil der einst einzigartigen Stimmung in Englands Stadien abgetötet, so wie im sterilen, seelenlosen Emirates Stadium, in dem nur noch fehlt, dass die Zuschauer gebeten werden, nach dem Stadionbesuch das Gelände durch den Fanshop zu verlassen.

Und doch stellt sich die Frage: In welcher Fußball-Welt leben wir, wenn Gästefans nur noch in Käfigen auf der Tribüne ausgelassen jubeln dürfen? In welcher Fußball-Welt leben wir, in der Denunziantentum wie beim FC Arsenal gefördert wird, wodurch Gästefans des Stadions verwiesen werden, weil sie friedlich über ein Tor ihrer Mannschaft gejubelt haben? In welcher Fußball-Welt leben wir, in der ein Heimverein lieber Tickets einer gegnerischen Mannschaft vorenthält und einen halbleeren Oberrang hinnimmt, anstatt für ein volles Haus zu sorgen, auch auf die Gefahr hin, dass viele tausend gegnerische Fans mehr Stimmung machen als die schweigende Mehrheit der Heimmannschaft?

In welcher Fußball-Welt leben wir, in der ein Klub die Warnungen des Gästevereins gänzlich ignoriert, anstatt mit der Polizei ein flexibles Sicherheitskonzept zu entwerfen, um einem seit Wochen vorhersehbaren Problem Herr zu werden? Und in welcher Fußball-Welt leben wir, in der die UEFA als Verband nicht schon im Vorfeld einschreitet und die Vereine zu einer stärkeren Kooperation verpflichtet, nachher aber mit dem Finger auf beide Klubs zeigt und erklärt, sie seien ihrer Verantwortung nicht nachgekommen?

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen – es sei mit Nachdruck gefragt: In welcher Fußball-Welt leben wir eigentlich, in der noch immer gewaltbereite Fans Unterschlupf in der Masse finden, wo sie bekannt sind, aber geschützt werden? Und in welcher Fußball-Welt leben wir, in der Aggressionen gegenüber Mitmenschen – ob Ordnern, Polizisten, gegnerischen Fans oder eigenen Anhängern – toleriert wird? Über all diese Fragen muss die Fußball-Welt dringend ernsthaft nachdenken.

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