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Mehr Ruhe in 2020? Der FC darf sich nicht weiter lahm legen


Das Jahr 2019 hat gezeigt, wie der 1. FC Köln demokratisch funktionieren kann – und wie nicht. Die vergangenen zwölf Monate machten klar, dass solange sich einzelne Personen zu wichtig nehmen und ihre eigenen Interessen vor jene des Klubs stellen, Machtspiele an der Tagesordnung sind. Es wurde einmal mehr deutlich, dass nicht die Strukturen das Problem des FC sind, sondern die handelnden Personen.

Ein kommentierender Jahresrückblick von Marc L. Merten

Das Jahr 2019 hat politische Ränkespiele beim 1. FC Köln erlebt, die in ihrer Häufung selbst für die Geissböcke erstaunlich waren. Der Sturz Werner Spinners durch Vizepräsidenten, Geschäftsführung und Gemeinsamen Ausschuss. Das unwürdige Schauspiel eines Interimspräsidiums, das sich derart misstraute und verachtete, dass man sich nicht einmal mehr zu dritt in einen Raum setzen wollte. Ein zeitweise praktisch nicht mehr existenter Austausch zwischen Vorstand und Mitgliederrat. Zwei Vizepräsidenten, die lieber mit persönlichen Abrechnungen abtraten als mit einem Signal für eine neue Einheit. Ein neuer Vorstand, der nach drei Monaten schon wieder gesprengt war. Teile des Mitgliederrates, die nach diesen drei Monaten bereits wieder Kritik an jenem neuen Vorstand üben, den sie gerade erst ausgewählt und ins Amt gehoben haben.

All diese Konflikte im Jahr 2019 basierten auf persönlichen Befindlichkeiten. Der 1. FC Köln rühmt sich für eine der demokratischsten Satzungen im deutschen Profi-Fußball. Wer die Vereinsmeierei der letzten Monate jedoch beobachtete, konnte meinen, er habe es mit einem Provinzverein zu tun. Der FC legte sich in 2019 regelmäßig selbst lahm, Verantwortungen mussten neu definiert werden, Personen wurden ausgetauscht, der Fokus der Öffentlichkeit lag erstaunlich häufig nicht eben auf dem Sport, den einen Fußballklub eigentlich ausmachen soll, sondern auf der Vereinspolitik.

Zwischen Vorstand und Mitgliederrat schwelen schon wieder Konflikte

Ein Umstand, den der neue Vorstand genauso wie die sportliche Interims-Leitung im November zu spüren bekamen. Mehr oder weniger offen ließen die Verantwortlichen durchblicken, dass sie auf der Suche nach einem neuen Geschäftsführer Sport und nach einem neuen Trainer auf Widerstände gestoßen waren. Widerstände, die sich der Klub selbst zuzuschreiben hatte. Vermeintliche Kandidaten winkten dankend ab ob der politischen Situation am Geißbockheim. Die Bundesliga-Konkurrenz lachte sich ins Fäustchen wegen eines FC, der Ressourcen, Energie und Konzentration statt auf den Sport auf die politischen Grabenkämpfe verwendete oder versuchen musste, jene Gräben der letzten Monate zuzuschütten.

Das Jahr 2019 dürfte als eines jener Jahre in die Vereinschronik eingehen als eine Zeit höchster Spannung und tiefer Spaltung im Klub. Der neue Vorstand, vorgeschlagen nach langwieriger Suche durch den Mitgliederrat, hatte sich eigentlich auf die Fahnen geschrieben diese Klüfte zu überwinden, Brücken zu bauen und zu beweisen, dass die demokratische Struktur kein Hindernis, sondern eine Chance für den FC sein könne. Doch schon wenige Tage nach der Wahl des neuen Präsidiums begann das altbekannte Spiel von neuem: Als der Vorstand die Gremien, den Aufsichts- und Beirat, verschlankte und die Anzahl mitredender Personen verringerte, war aus dem Mitgliederrat Kritik zu hören. Man witterte eine versuchte Ent-Demokratisierung. Wohl bemerkt von jenem Vorstand, den das Gremium selbst ausgewählt und mit dem man alle Ziele, Bestrebungen und Maßnahmen vor der Wahl besprochen hatte.

Der FC muss 2020 zur Ruhe kommen

Dass der FC die Nachfolge von Jürgen Sieger zügig klärte und mit Carsten Wettich einen besonnenen, ruhigen Vertreter des Mitgliederrates in den Vorstand entsandte, darf als Signal verstanden werden. Als Signal, dass mit dieser Personalie die schon wieder schwelenden Konflikte zwischen Präsidium und Mitgliederrat befriedet werden sollen, ehe sie Feuer fangen. Dass Siegers Rücktritt jedoch während (!) eines laufenden Bundesliga-Spiels (gegen Bayer Leverkusen) von einem Vereinsvertreter an Teil der Kölner Medienlandschaft durchgesteckt wurde, zeigt das große Problem des Klubs: Selbst in Momenten, in denen einzig der sportliche Erfolge zählen müsste, betreiben vereinzelte Gremienmitglieder Politik. Ihre wahre Motivation müssen sie für sich klären, ihre Argumente dürften dagegen klar sein: Sie werden behaupten stets im Sinne des Vereins zu handeln. Doch wenn eines die letzten Monate beim FC gezeigt haben, dann, dass dieses vermeintliche Streben nach dem Besten für den Verein nur selten einher geht mit Selbstlosigkeit.

Dabei muss der 1. FC Köln in 2020 dringend zur Ruhe kommen. Es geht um das sportliche Überleben in der Bundesliga, um die Ausrichtung des Klubs für die kommenden fünf bis zehn Jahre. Der Ligaerhalt steht über allem, dahinter folgen die beiden Großprojekte Geißbockheim-Ausbau und Stadionfrage. Dafür bedarf es jener Einheit, die Sportchef Horst Heldt zuletzt beschwor. Bis auf die Nachfolge-Regelung für Jürgen Sieger im Herbst 2020 stehen keine politischen Wahlen oder Wahlkämpfe an. Der Verein könnte also nach den kräftezehrenden Wahlen 2018 (Mitgliederrat) und 2019 (Vorstand) endlich mal durchschnaufen und sich auf das Wesentliche konzentrieren. Dafür aber müssten alle handelnden Personen ihre Egos und Befindlichkeiten hinten anstellen. Nur dann können die demokratischen Strukturen auch funktionieren.

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