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Ein Kampf zwischen Überleben und Glaubwürdigkeit


Am Donnerstag werden die 36 Erst- und Zweitliga-Vereine erneut konferieren. Es geht um den Masterplan zur Wiederaufnahme des Spielbetriebs, der inzwischen in Form eines 41-seitigen Papiers vorliegt (auch dem GEISSBLOG.KOELN). Bei allen Planungen haben die Vereine das Heft des Handelns nicht in der Hand. Trotzdem versuchen die DFL und die Klubs alles, um möglichst vorbildlich und besonnen zu erscheinen. Das hat einen guten Grund – und ist eine Gratwanderung.

Ein Kommentar von Marc L. Merten

Zunächst einmal darf es kein Missverstehen geben: Bei dem Bestreben um einen Wiederbeginn der Bundes- und Zweiten Liga geht es nur vorgeschoben um sportliche Argumente. Es geht auch nicht darum, dass der Fußball in der schwierigen Zeit den Fans ein bisschen Lebensfreude zurückgeben könnte. Wobei, doch, darum geht es auch, aber anders, als die Verantwortlichen es ausdrücken würden. Vor allen anderen Dingen geht es um eines: Geld. Es geht um einen gigantischen Wirtschaftszweig mit Zehntausenden Arbeitsplätzen, um Milliardensummen. Und dann geht es eben auch darum, dass dieser Wirtschaftszweig für eine Art der einfachsten Bespaßung der Gesellschaft sorgt.

Man erinnert sich noch an die Worte von Reinhard Rauball am Abend des Bombenattentats auf den Bus von Borussia Dortmund. Damals stand der BVB-Präsident auf dem Rasen des Signal Iduna Parks, das Attentat hatte gerade erst stattgefunden, und Rauball erklärte: „Natürlich ist das für die Spieler jetzt eine extrem schwierige Situation. Aber sie sind Profis, und ich bin davon überzeugt, dass sie das wegstecken und auch morgen ihre Leistung bringen werden.“ Morgen. Also am Tag nach einem Attentat. Kurzum: Die Spieler waren nichts anderes als Marionetten des Vereins und einer gnadenlosen Unterhaltungsindustrie, eines modernen Gladiatorenspiels. Selten hatte sich ein Verein und mit den Bossen eine ganze Branche derart entlarvt wie vor fast auf den Tag genau drei Jahren.

Wie viel sind die Worte und Taten wirklich wert?

Geändert hat sich seitdem offenbar nicht viel. Aktuell würden es auch Teile der Politik gerne sehen, wenn mit der Bundesliga ein bisschen Normalität und Unterhaltung zurückkehren würde, damit die Bürger abgelenkt würden von den wahren Problemen. Zumal dann wohl auch klar wäre, dass die allermeisten Vereine gerettet wären, zumindest vorerst. Nicht auszudenken, was es für eine Region wie Gelsenkirchen bedeuten würde, sollte der FC Schalke 04 tatsächlich in die Insolvenz gehen. Nicht auszudenken, was für ein fatales Signal dies an die restliche Liga – und an die Öffentlichkeit – senden würde. In einem Milliardengeschäft scheinen selbst große Klubs wirtschaftlich so knapp aufgestellt, dass sie zwar Millionengehälter zahlen können, aber keinen Rettungsschirm haben, um eine solche Krise auch nur wenige Wochen zu überstehen, weil so manche geplante Einnahme bereits verpfändet wurde.

Und so wird es am Donnerstag bei der DFL einerseits um wirtschaftliche Zwänge, andererseits aber auch um die Glaubwürdigkeit einer ganzen Branche gehen. Wie viel ist das soziale Engagement der Klubs und Spieler wirklich wert, wenn gleichzeitig darum gefeilscht wird, unter fragwürdigen Bedingungen in der Coronakrise wieder den Spielbetrieb aufzunehmen? Wie viel sind groß angekündigte Gehaltsverzichts von rund 20 Prozent wert, wenn diese nur monatlich oder bis Ende Juni gelten, teils nur gestundet, und die Spieler trotz Verzichts größtenteils noch mit sechsstelligen Monatsgehältern nach Hause gehen? Was sagt es über den Masterplan der DFL aus, wenn zwar sehr detailliert aufgeschlüsselt wird, wie viele Menschen an einem Spieltag in welchen Phasen an welchen Orten im Stadion sein werden, gleichzeitig aber die Vereine dazu angehalten werden, positive Corona-Tests von Spielern nicht an die Presse weiterzugeben und stattdessen „frühzeitig für einen ausreichend großen Kader im Saisonfinale“ zu sorgen?

Die DFL hat sich die Messlatte selbst gelegt

Die Angst der Verantwortlichen schwingt im Masterplan mit. An mehreren Stellen sind die Vorgaben nur Empfehlungen, die „nach Möglichkeit“ umgesetzt werden sollten. Reicht das aus, um pro Spiel weiterhin hunderte Menschen in einem Stadion zusammenzubringen? Das werden andere entscheiden müssen, nicht die DFL. Mindestens einer Zustimmung des Robert Koch-Instituts (RKI) und des Bundesgesundheitsministeriums wird es bedürfen. Dass die Deutsche Fußball Liga alles versucht, um ihre Mitglieder – die Vereine – zu retten und den Spielbetrieb fortzusetzen, ist legitim. Doch der Grat ist schmal.

Vor allem, wenn man große Worte schwingt wie jene am Dienstag: „Das DFL-Präsidium weiß um die gesellschaftliche Verantwortung des Profifußballs. In diesem Zusammenhang ist es an allen Entscheidungsträgern, auch Selbstkritik zu üben mit Blick auf Fehlentwicklungen in den vergangenen Jahren. Es steht außer Frage, dass künftig Nachhaltigkeit, Stabilität und Bodenständigkeit zu den entscheidenden Werten gehören müssen. Diese Werte gilt es nach Überwindung der akuten Krise in konkrete Maßnahmen umzusetzen.“ An diesen Worten wird sich der Fußball messen lassen müssen. Egal, wann der Spielbetrieb wieder aufgenommen wird.

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