Der Geißbock am Geißbockheim. (Foto: Bopp)

Der Geißbock am Geißbockheim. (Foto: Bopp)

Die FC-Bilanz ist ein Warnsignal für den kranken Fußball

Der 1. FC Köln wird bis zum Ende der Saison in der Corona-Krise über 60 Millionen Euro Umsatz verloren haben und zum 30. Juni 2021 womöglich fast ebenso tief in den roten Zahlen stecken. Die Pandemie legt schonungslos offen, woran der Fußball krankt. Nicht nur die Verantwortlichen am Geißbockheim haben die Chance und Pflicht zu zeigen, dass sie eine Besserung herbeiführen wollen. Es bedarf einer massiven Kurskorrektur.

Ein Kommentar von Marc L. Merten

Am Aktienmarkt spricht man von einer Blase, wenn die Preise zu schnell steigen, sich dahinter aber keine echten Werte verbergen. Wenn dann etwas Unvorhergesehenes passiert und die Kurse in den Keller rauschen, trifft es in der Regel nicht die Reichsten, sondern die Kleinanleger, die all das nicht vorhergesehen und schon gar nicht zu verantworten hatten. Im Fußball droht nun die Blase aus absurd gestiegenen Ablösesummen, Spielergehältern, Beraterhonoraren und Prämien zu platzen.

Der große Fuß tritt dem Fußball in den Allerwertesten

Anhand der nun vorgelegten Bilanz des 1. FC Köln sieht man, wohin das führen kann. Das mühsam aufgebaute Eigenkapital ist vernichtet, die Geschäfte wären ohne zweistellige Millionenkredite sowie wohlhabende Kapitalgeber nicht aufrecht zu erhalten. Aber welche Geschäfte sind das überhaupt, die jetzt fremdfinanziert werden müssen? Es sind die wahren Probleme des Fußballs, auch beim FC. Denn die Millionen-Gehälter werden trotz Corona-Pandemie weiter bezahlt, während die normalen Mitarbeiter am Geißbockheim fürchten müssen, aufgrund der verordneten Kurzarbeit eine deftige Steuernachzahlung leisten zu müssen. Der Gehaltsverzicht der FC-Profis ist angesichts der Höhe der Grundgehälter nicht mehr als ein Treppenwitz, während freie Mitarbeiter in den direkt mit dem FC verbundenen Branchen seit einem Jahr ohne Aufträge bleiben. Nach vier Monaten Pandemie klagten die Verantwortlichen beim FC, sie hätten kein Geld für Sommer-Neuzugänge, um dann doch noch 18 Millionen Euro für Transfers auszugeben, statt mit den Cordoba-Millionen besser hauszuhalten.

Es ist der große Fuß, nicht nur in Köln, der der Bundesliga nun mit Wucht in den Allerwertesten tritt. Die Macher des Fußballbusiness’ – von den Managern über die Spieler bis hin zu den Beratern – haben sich in den letzten Jahren immer größere Stücke vom Kuchen abgeschnitten. Selbst im vergangenen Sommer, als die Corona-Pandemie bereits wütete, blieben sie unersättlich, stopften sich die Taschen voll, saugten alles aus einem System, bei dem niemand so genau hinschauen wollte, wie stabil es wirklich finanziert war. Viele Begriffe wie Financial Fairplay, Nachhaltigkeit, soziale Verantwortung und Vorbildfunktion waren nur hohle Phrasen, Worthülsen, um den Fußball nur noch skrupelloser selbst hinein in die menschenrechtsverachtenden Ecken dieser Welt vermarkten zu können.

Der FC hat Herz gezeigt

Der 1. FC Köln, und das gehört zur Wahrheit der letzten Monate dazu, hat abseits seiner Finanzprobleme viel bewegt. Die Geißböcke haben die Krise genutzt, um den Menschen in der Stadt Köln unter die Arme zu greifen. Mit Hilfspaketen für Obdachlose, mit der Unterstützung für die Tafel, mit der Arbeit als Impfpaten, mit einem Resozialisierungsprojekt für junge Strafgefangene. Das ist der Geist, den man sich wirklich vom Fußball abseits des Rasens wünscht. Nicht nur im Amateurbereich, sondern vor allem auch vom Profifußball. Ein Klub hilft seiner Heimat, ist Teil der Stadt, lebt Werte vor, die drohen in Vergessenheit zu geraten. Der FC ist diesen Weg gegangen. Man möchte ihm zurufen: Danke! Und: Weiter so!

Die Botschaft hör’ ich wohl…

Doch an den strukturellen Problemen im Fußball ändern diese lokalen Projekte nichts. Die Vereinsbosse von Nord bis Süd, von West bis Ost, sagen zwar, der Fußball habe verstanden und erkannt, dass es so nicht weitergehen könne. Man müsse sich bessern. Doch wird es wirklich so kommen? Wird es wirklich, nicht nur kurzfristig und den akuten Finanzsorgen geschuldet, eine ernst gemeinte Kurskorrektur im Profifußball geben? Werden Gehälter sinken und Mondpreise auf dem Transfermarkt der Vergangenheit angehören? Werden Vereine ihre Finanzen künftig solider aufstellen, anstatt sie Jahr für Jahr auf Kante zu nähen? Am Aktienmarkt hat eine deutliche Kurskorrektur durch das Platzen einer Blase oft eine ganz einfache Wirkung: Wenn der Absturz erst einmal aufgefangen wurde, geht die Rallye von neuem los – und das mitunter noch schneller und weiter als zuvor. Bis zum nächsten Allzeithoch, bis zur nächsten Blase. Und so halte ich es im Fußballbusiness mit Goethes Faust: “Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.”

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