Werner Spinner im Sommer 2018. (Foto: Bucco)

Spinner exklusiv: „Davon hat der FC im Moment nichts“

Vor etwas mehr als zwei Jahren trat Werner Spinner als Präsident des 1. FC Köln zurück. Im Exklusiv-Interview mit dem GEISSBLOG.KOELN sprach der 72-jährige nun über seine Hinterlassenschaft, den amtierenden Vorstand, umstrittene Personalien und die Frage, was der FC braucht, um wieder erfolgreich zu werden.

Das Interview führte Marc L. Merten

GBK: Herr Spinner, wie geht es Ihnen?

WERNER SPINNER: „Gut, ich kann mich wirklich nicht beklagen. Ich bin gesund, meine Familie kommt gut und gesund durch die Pandemie. Nur die Politik ärgert mich. Wir Alten waren zwar gefährdet, aber uns ging es ja vergleichsweise gut. Die Jungen und Familien hingegen haben den Großteil der Last der Pandemie zu tragen. Sie wurden von der Politik vergessen. Ich sehe weit und breit nicht die Art der Wiedergutmachung, die nötig wäre.“

Auch der 1. FC Köln hat die Pandemie hart getroffen. Dazu kam eine turbulente Saison inklusive Relegation. Wie haben Sie den FC verfolgt und erlebt?

Mit Abstand und Ruhe, aber natürlich habe ich mitgefiebert, gerade gegen Ende. Ich bin sehr froh, dass der FC den Klassenerhalt geschafft hat, und Steffen Baumgart scheint mir genau der Typ Trainer, den der FC jetzt braucht.

Die Zweite Liga ist voll mit Vereinen, die es nicht geschafft haben

Macht Ihnen der generelle Zustand des FC denn Sorge?

Der Fußball insgesamt macht mir Sorge. Die Versuche, eine Superliga zu gründen, sind nur die Spitze des Eisbergs. Wir bewegen uns immer weiter hin zu einem Entertainment-Betrieb, wie man ihn in Teilen des englischen Fußballs beobachten kann. Die Fernsehgelder, das internationale Marketing und Investoren spielen eine immer größere Rolle, die lokale Verwurzelung, die Zuschauer im Stadion und die Fankultur eine immer geringere. In diesem Spannungsfeld muss man sich clever und professionell bewegen, wenn man als Traditionsverein bestehen will. Die Zweite Liga ist voll mit Vereinen, die das nicht geschafft haben.

Der finanzielle Zustand des 1. FC Köln ist kritisch. Die Corona-Pandemie hat den FC weit über 60 Mio. Umsatz gekostet. Sind Sie froh, dass Sie diese Ausnahmesituation nicht meistern mussten?

Mein Kardiologe ist mit Sicherheit froh. Aber auch ich muss sagen, dass ich keinen der Verantwortlichen beneide, eine solche Ausnahmesituation meistern zu müssen. Die katastrophale Situation, in der ich 2012 den Verein von den damals Verantwortlichen übernommen habe, hat mir ehrlich gesagt gereicht. Die Pandemie schadet auch nicht allen Vereinen gleichermaßen. Vereine mit Investoren oder strategischen Partnern im Rücken können die Gunst der Stunde am Transfermarkt nutzen, und Vereine, die finanziell weniger auf Zuschauer angewiesen sind, können das leichter verkraften. Das ist für den FC eine Mammutaufgabe. Der Abstand zu vielen Vereinen ist größer geworden.

Modeste? Dann wären dieselben Leute, die heute meckern, die größten Verfechter

Der FC hat in den vergangenen 28 Jahren nur zweimal einen einstelligen Tabellenplatz erreicht. Beide Male fielen in Ihre Amtszeit. Auch oder vielleicht gerade weil es danach aber auch sehr schnell wieder bergab ging: Was war in der erfolgreichen Zeit das Geheimnis?

Das Geheimnis war, dass beim FC fünf Jahre am Stück alle an einem Strang gezogen haben. Ohne das wäre es nicht gegangen. Das zu erreichen, hat mich allerdings drei meiner fünf Bypässe gekostet. (lacht) Es gab viele, die großartig mitgezogen haben, die kompromissbereit waren, die erkannt haben, dass es nicht so leicht ist, den FC in der Bundesliga zu etablieren, zum Beispiel Beirat und Aufsichtsrat. Aber die Menge an Leuten im Umfeld des FC, die mitreden wollen, die alles besser wissen, die ihre Position und ihr Verständnis vom Verein mit allen Mitteln durchsetzen wollen, ist einfach sehr groß.

Das aktuelle Präsidium betonte zuletzt häufiger die Altlasten aus der Zeit vor dessen Wahl. Lange und teure Verträge wie die mit Anthony Modeste oder Marcel Risse. Das Fehlen einer strategischen Kaderplanung. Keine Einbindung des Nachwuchses: Müssen Sie sich vorwerfen lassen, in einigen Bereichen kein bestelltes Feld hinterlassen zu haben?

Nein. Das NLZ ist durch die jahrelange Arbeit von Jörg Jakobs so gut aufgestellt wie nie zuvor. Das sieht man an den heutigen Erfolgen der U17 und U19, an den vielen Talenten, die inzwischen bei den Profis spielen. Das wäre ohne eine jahrelange, kompetente Vorarbeit nicht möglich gewesen. Richtig ist: Die Beförderung der besten Talente in die Profiabteilung, die Verzahnung hängt letztlich immer vom jeweiligen Sportchef und Cheftrainer ab. Genau wie die sportliche Einschätzung von Transfers oder Verträgen. Wer glaubt, durch das Mitreden von noch mehr Gremien hier Erfolg zu haben, wird nicht weit kommen.

Sie erwähnen Transfers und Verträge. Sprechen wir über Anthony Modeste!

Im Herbst 2018 mussten wir im Gemeinsamen Ausschuss entscheiden, ob wir unseren besten Stürmer der letzten zehn Jahre ablösefrei zurückholen. Die sportliche Leitung (Armin Veh und Frank Aehlig, d. Redaktion) hatte eindeutig grünes Licht gegeben. Dem haben sich alle angeschlossen. Wenn etwas nicht so funktioniert wie gedacht, will es keiner gewesen sein. Hätte Modeste 20 Tore gemacht, wären dieselben Leute, die heute meckern, die größten Verfechter dieses Transfers gewesen.

Wirtz? So redet und verhandelt man nicht mit einem Top-Spieler

Und Marcel Risse?

Seine Vertragsverlängerung war das beste Beispiel dafür, was den FC für mich ausmachen kann. In meiner ganzen Zeit habe ich keinen integreren und sympathischeren Spieler als Marcel kennen gelernt, der zudem sportlich Großes geleistet hat. Als er sich sehr schwer verletzte, war für uns klar, dass wir einen so verdienten Spieler nicht hängen lassen und ihm die Sicherheit, Möglichkeit und die Zeit geben, zu alter Stärke zurückfinden zu können. Diese Entscheidung würde ich jedes Mal wieder so treffen.

An der Frage, warum Florian Wirtz heute nicht beim FC spielt, wird das Versagen des FC auf vielen Ebenen in den letzten Jahren festgemacht. Wie kann man einen zukünftigen Fall Wirtz verhindern?

Ich verrate Ihnen mal ein Geheimnis: Ein Jahrhunderttalent wie Wirtz schaut sich ganz genau an, bei welchem Verein er seine Ziele erreichen kann, die Familie geht da sehr besonnen vor. So einer bleibt nicht bei einem Abstiegskandidaten, der chaotisch auftritt und von dem Vertreter mehrerer Gremien unabgestimmt nacheinander bei der Familie auftauchen, wie es bei Wirtz der Fall war. So redet und verhandelt man nicht mit einem Top-Spieler. Bei Giovanni Reyna (heute Borussia Dortmund, d. Redaktion) zum Beispiel haben Jörg Jakobs und ich 2018 sehr gute Vorgespräche geführt, waren sogar in New York. Wir waren mit dem FC in einer guten Position. Leider war die damalige sportliche Leitung nicht bereit, die finanziellen Forderungen zu erfüllen.

Was muss sich beim FC ändern?

Der FC muss im Spannungsfeld zwischen Kommerz und Tradition einen realistischen Mittelweg finden, um der Verein zu bleiben, den wir alle lieben, und sich gleichzeitig nachhaltig in der Bundesliga zu etablieren. Dafür braucht es eine Infrastruktur vom Feinsten, eine in allen Bereichen starke und professionelle Führung und einen Verein, in dem alle an einem Strang ziehen und sich auf diesen Mittelweg, diesen Kompromiss verständigen. Im Moment hat der FC, das muss man so hart sagen, nichts davon.

Bindet man Investoren aus einer Position der Stärke ein oder aus Verzweiflung?

Schließt dieser Mittelweg Ihrer Meinung nach Investoren oder strategische Partner aus?

Ich glaube, es wird in zehn Jahren in der Bundesliga keinen Verein mehr ohne Investoren oder strategische Partner geben. Das sage ich völlig wertfrei: Der Fußball entwickelt sich rasant in diese Richtung. Der entscheidende Punkt ist allerdings: Bindet man Investoren aus einer Position der Stärke ein, nach seinen eigenen Vorstellungen, oder aus Verzweiflung? Wer auf Biegen und Brechen ohne Investoren auskommen will, könnte sich eines Tages in der Situation befinden, Investoren ins Boot holen zu müssen, um nicht unterzugehen. Meine Einschätzung hat sich nicht geändert: Wenn sich der FC für eine erstklassige Infrastruktur – und nur dafür – Investoren an Bord holt, wäre damit dem FC und seiner Tradition mehr gedient, als sich irgendwann unter Wert verkaufen zu müssen.

Was erwarten und erhoffen Sie sich von der anstehenden Mitgliederversammlung?

Ich hoffe, dass die Pandemie und die Digitalisierung uns endlich einen Schritt näher gebracht haben zu einer richtigen Demokratie. Ich habe seit 2012 dafür geworben, auch Mitglieder, die nicht selbst kommen können, mit einzubinden. Das wurde immer abgelehnt. Jetzt gibt es einen Antrag, dass es in Zukunft hybride Veranstaltungen geben soll. Das freut mich sehr. Ich hoffe, die Mitglieder stimmen diesem Antrag zu.

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