Er war Vizepräsident des 1. FC Köln, warf aber bereits nach 97 Tagen hin: Jürgen Sieger hat seitdem geschwiegen. Nun spricht der Jurist im GEISSBLOG erstmals exklusiv über seinen Rücktritt und kritisiert seine einstigen Vorstandskollegen.
Das Interview führte Marc L. Merten
Zusammen mit Werner Wolf und Eckhard Sauren wollte Jürgen Sieger den 1. FC Köln in eine stabile Zukunft führen. 2019 wurde der Jurist zum Vizepräsidenten der Geißböcke gewählt. Doch nach nur 97 Tagen warf er hin.
Nun spricht Sieger, der bis 2016 Aufsichtsratsvorsitzender beim FC war, im GEISSBLOG über den Bruch mit Wolf und Sauren, über die Transfersperre und über den Wahlkampf um die Macht beim FC.
Sieger wollte nicht mehr mit Wolf und Sauren arbeiten
GEISSBLOG: Herr Sieger, wie geht es Ihnen gerade?
Dr. Jürgen Sieger: „Gut, danke der Nachfrage. Angesichts der Tabelle noch besser.“
Verfolgen Sie den FC noch intensiv?
„Natürlich. Ich gehe seit circa 1965 regelmäßig ins Stadion und habe das Glück vor ungefähr 20 Jahren eine Dauerkarte auf der Osttribüne erworben zu haben.“
Sie haben sich 2019 nach Ihrem Rücktritt als Vizepräsident zurückgezogen. Damals hieß es, Sie seien aus persönlichen Gründen ausgeschieden. Danach kamen aber Gerüchte auf, Herr Wolf, Herr Sauren und Sie hätten sich überworfen. Können Sie klarstellen, warum Sie damals zurückgetreten sind?
„Ich bin zurückgetreten, weil mir dies im Interesse des 1. FC Köln geboten erschien. Zu meiner Überraschung stellte sich nach der Wahl heraus, dass wir als Vorstand doch recht unterschiedliche Auffassungen in der Sache, in der Art der Zusammenarbeit untereinander und mit den übrigen Gremien sowie im Arbeitsethos hatten. Ein Vorstand, der intern in grundlegenden Fragen zu stark divergiert, kann auf Dauer nicht einheitlich nach außen auftreten. Daher sah ich meinen Rücktritt als beste Lösung für den FC an.“
Wie denken Sie heute über die beiden Amtszeiten ihrer einstigen Kollegen?
„Ein ausgewogenes Urteil zu fällen, ist für Außenstehende nicht einfach. Die kritische Bewertung des Mitgliederrates, der den jetzigen Vorstand bezeichnenderweise nicht erneut zur Wahl vorgeschlagen hat, erscheint mir zutreffend.“
Warum?
„Kritisch sehe ich zunächst die sehr restriktive Informationspolitik des Vorstandes. Aussagekräftige Informationen fehlen in vielen Bereichen. Ohne detailliertere Informationen können die Mitglieder nicht wirklich erkennen, ob und weshalb sich zum Beispiel die finanzielle Situation des 1. FC Köln tatsächlich so verbessert hat, wie dies nach Meinung des Vorstandes der Fall sein soll. Ich hätte mir deshalb gewünscht, dass die aktuellen Zahlen der KGaA schon vor der Mitgliederversammlung veröffentlicht worden wären.“
Die Satzung sieht weder eine Neutralitätspflicht noch die Möglichkeit eines Maulkorbs für den Beirat durch den Vorstand vor
Dr. Jürgen Sieger
Die finanzielle Sanierung der KGaA ist eine der zentralen Gründe, warum der Vorstand seine eigene Arbeit positiv bewertet. Sehen Sie das anders?
„Nach den bisher zugänglichen Finanzdaten betrug kurz vor Beginn der ersten Amtszeit 2019 das Eigenkapital 38,5 Mio. Euro, die Verbindlichkeiten beliefen sich auf rund 33,4 Mio. Euro. Fünf Jahre später, zum 30. Juni 2024, lagen das Eigenkapital bei 26,0 Mio. Euro und die Verbindlichkeiten bei 37,8 Mio. Euro. Nach fünf Jahren war das Eigenkapital also fast ein Drittel geringer, die Verbindlichkeiten aber rund zehn Prozent höher. Dazu hat sicherlich die Corona-Krise beigetragen. Der Erfolg anderer Vereine zeigt aber, dass dies nicht die alleinige Ursache sein kann. Finanziell hat der Vorstand daher aus meiner Sicht eine durchwachsene Bilanz. Daran dürften auch die voraussichtlich guten Zahlen für 24/25 nichts ändern, zumal dazu auch die unsägliche Transfersperre indirekt beigetragen hätte. Ich bin daher froh, dass Philipp Türoff und sein Team die Konsolidierung erfolgreich weitertreiben.“
Wie bewerten Sie über die Finanzen hinaus die Arbeit des Vorstands?
„Der Vorstand wollte nach meinem Eindruck für eine Politik der personellen Kontinuität stehen. Tatsächlich aber wurden zahlreiche Geschäftsführer, Führungskräfte, Trainer und Mitarbeiter diverser Abteilungen ausgetauscht. Auch insoweit erscheint Kritik angebracht. Positiv ist die jüngste Stabilisierung und Verbesserung im sportlichen Bereich. Dies dürfte vor allem auf die Trennung von Herrn Keller und die Beförderung von Herrn Kessler zurückzuführen sein. Diese personelle Neuaufstellungen gingen aber wohl eher auf entsprechend starken internen und externen Druck zurück. Bei derartigen Entscheidungen wirken der Gemeinsame Ausschuss und damit die Vorsitzenden von Mitgliederrat, Beirat und Aufsichtsrat mit. Nach meinem Eindruck wollte der Vorstand ursprünglich insbesondere an Herrn Keller festhalten.“
Sie haben die Transfersperre schon angesprochen. Die zweite Amtszeit des Vorstands wurde von dieser einmaligen Strafe überschattet. Als Unternehmens- und Gesellschaftsrechtler: Wie sehen Sie das Vorgehen des FC rückblickend?
„Ohne genaue Kenntnis des Sachverhaltes und der internen Überlegungen ist eine Bewertung schwierig. Ich würde bei der Beurteilung zwischen den Ursachen der Transfersperre, also der rechtlichen Verantwortlichkeit, und dem strategischen Management der anschließenden Verhandlungen und Prozessführung unterscheiden. Zunächst geht es um die Vorfälle, die überhaupt zur Sperre geführt haben. Unter dem Gesichtspunkt der Überwachungspflicht des Vorstandes stellt sich für mich die Frage, ob insbesondere Eckhard Sauren diesen Pflichten als sportlich Verantwortlicher im Vorstand vollumfänglich nachgekommen ist. Die gleiche Frage stellt sich im Hinblick auf Carsten Wettich als einzigem Juristen in den Gremien Vorstand und Geschäftsführung. Er hat in dieser Rolle eine besondere Verantwortung für den Bereich Compliance und Recht. Nach meinem Eindruck hat man die enormen juristischen Risiken für den 1. FC Köln zu lange nicht gesehen. Die Transfersperre war von einer derartigen Bedeutung, dass ich deshalb – unabhängig von Rechtsfragen – einen Rücktritt des Vorstandes erwartet hätte. Die einzige für mich sichtbare Konsequenz, die der Vorstand aus der Transfersperre gezogen zu haben scheint, war jedoch die Trennung von Herrn Jakobs. Das wirkte auf mich wie ein Bauernopfer.“
Einige Branchenexperten sind der Ansicht, der FC hätte die Transfersperre auch nach der getätigten Verpflichtung von Jaka Cuber Potocnik noch verhindern können.
„Auch hier bleibt vieles Spekulation. Wie viele Fans denke auch ich, dass ein Vergleich mit Olimpija Ljubljana angesichts der hohen Risiken der bessere Weg gewesen wäre. Die Entscheidung des EuGH in der Sache Diarra gibt Anlass zu der Frage, ob die gewählte Prozessstrategie richtig war.“
Sieger: Darum musste sich der Beirat äußern
Auch aktuell gibt es juristische Themen beim FC. Der Club überlegt, gegen den Beirat rechtlich vorzugehen, weil dieser sich öffentlich geäußert und eine Wahlempfehlung abgegeben hat. Dies verstoße gegen die Neutralitätsverpflichtung des Beirates; zudem dürfe dieser sich generell nicht öffentlich äußern. Überrascht Sie das?
„Juristisch ja, da es keinerlei fundierte rechtliche Grundlage für beide Behauptungen gibt. Persönlich nicht.“
Können Sie das erklären?
„Zunächst einmal: Eine Neutralitätsverpflichtung des Beirates im Hinblick auf die Wahlempfehlung des Mitgliederrates gibt es schlicht nicht. Die Rechte und Pflichten des Beirates sind in der Satzung abschließend geregelt. Die Satzung sieht weder eine Neutralitätspflicht noch die Möglichkeit eines Maulkorbs für den Beirat durch den Vorstand vor. Der Mitgliederrat ist nach der Satzung berufen einen Wahlvorschlag zu machen. Zuvor hat er die Vorsitzenden von Beirat und Aufsichtsrat anzuhören. Jedes Organ, das sich – wie der Beirat – für den Wahlvorschlag des Mitgliederrates ausspricht, unterstützt den Mitgliederrat bei der Erfüllung von dessen Pflichten und demonstriert zugleich die Geschlossenheit der beteiligten Organe nach außen. Der Beirat hat für mich satzungsgemäß im Interesse des Vereins gehandelt.“
Sind Sie überrascht, dass Werner Wolf und Eckhard Sauren, obwohl sie nun aus dem Amt scheiden, dennoch versuchen, diesen juristischen Kampf zu führen?
„Nein. Der Mitgliederrat hat es abgelehnt, den amtierenden Vorstand erneut zur Wahl vorzuschlagen. Dennoch hat sich mit Carsten Wettich ein Vorstandsmitglied entschieden mit einem eigenen, neuen Team zu kandidieren. Allerdings ohne – wie es in meinen Augen angebracht wäre – gleichzeitig sein Vorstandamt ruhen zu lassen. Inzwischen wird seine Kandidatur wohl offen vom übrigen Vorstand unterstützt. Dies hat auch für den Beirat Folgen.“
Warum?
„Der Beirat wurde vom Vorstand ernannt. Schwiege der Beirat jetzt, so erweckte er für mich den unzutreffenden Eindruck, wie der Vorstand die Kandidatur von Carsten Wettich zu unterstützen. Daher muss der Beirat berechtigt, wenn nicht gar verpflichtet sein, seine Position zum Vorschlag des Mitgliederrates klar zu kommunizieren. Anderenfalls könnten die Mitglieder des 1. FC Köln über das Meinungsbild in den Gremien in die Irre geführt werden.“
Sie haben die Unterstützung von Werner Wolf und Eckhard Sauren für das Team von Carsten Wettich schon angesprochen. Wird hier eine mögliche Neutralitätspflicht verletzt?
„Aus meiner Sicht gibt es keine Neutralitätsverpflichtung in dem Sinne, dass es Gremienmitgliedern und den Gremien selbst verboten sei, sich zu äußern. Ein solches Verbot findet in der Satzung keine Stütze und widerspräche der offenen Diskussionskultur beim 1. FC Köln. Allerdings sollte ein Vorstand stets die notwendige ausgewogene Balance zwischen persönlicher Meinungsfreiheit und ordnungsmäßiger, neutraler Amtsführung als Vorstand wahren. Nicht mehr akzeptabel wäre für mich, wenn der Vorstand Gremien, deren Meinung ihm nicht passt, angriffe und – wie wohl geschehen – auf Kosten des Vereins zu führenden Rechtsstreitigkeiten in den Raum stellte. Der Vorstand stellte sich damit in Widerspruch zu seinem eigenen Versprechen, sich als Vorstand im Wahlkampf neutral zu verhalten. Es erschließt sich mir im Übrigen auch nicht so recht, wie es zusammenpasst, einen Auftritt von Björn Heuser und Freibier zum Bestandteil der Versammlung zu machen und zugleich zu erklären, „Bands und Geschenke“ werde es nicht geben. Nur weil Björn Heuser ohne Band auftritt?“
Ist der FC wirklich vor Investoren sicher?
Ein großes Thema zwischen den drei Vorstandsteams ist eine Satzungs-und Strukturreform beim FC. Es geht um die Rückführung der Profiabteilung aus einer KGaA in eine GmbH oder sogar in den e.V. – wie stehen Sie zu dieser Frage?
„Dies ist eher eine technische Frage, auch wenn sie stark emotional diskutiert wird. Bei der Neustrukturierung geht es um diffizile steuerliche, organisatorische und haftungsrelevante Fragen. Der neue Vorstand wird sich dieser Frage mit viel Akribie und Sachverstand widmen müssen. Seit Jahren ist bekannt, dass die KGaA als derzeitige Rechtsform zu komplex und für Nichtfachleute schwer nachvollziehbar ist. Sie sollte endlich aufgegeben werden. Anteile will der Verein ohnehin nicht veräußern. Zugleich würde sich die Gremienstruktur vereinfachen. Der Wechsel der Rechtsform war schon seinerzeit Teil meiner Reformvorstellungen als Vorstand.“
Bei der e.V.-Frage spielen auch die Markenrechte eine Rolle. Das klingt sehr kompliziert. Können Sie es in einfachen Worten erklären?
„Im Falle einer Insolvenz der KGaA fielen alle Markenrechte des 1. FC Köln in die Insolvenzmasse. Das zwingt den e.V. derzeit faktisch, jederzeit für die KGaA finanziell einzustehen. Will man dies ändern, muss man die Markenrechte auf den Verein ‚verlagern‘. Ob und wie dies steuer- und haftungsoptimiert erreicht werden kann, ist komplex und kann nur mit Kenntnis aller Bilanzen seriös evaluiert werden. Auch das Thema ist seit Jahren bekannt.“
Abschließend: Der FC ist inzwischen zu 100 Prozent abgesichert gegen Investoren. Die Mitglieder dürfen über jeden Anteilsverkauf abstimmen. Sehen Sie die Satzung ausreichend klar formuliert oder gibt es noch ein Hintertürchen?
„Laut Satzung bedarf der Vorstand für einen Verkauf von Anteilen an der Profi-Fußballgesellschaft der Zustimmung der Mitgliederversammlung. Diese Bestimmung mag klar und sicher erscheinen. Aus meiner Sicht ist sie jedoch zu simpel geraten und könnte wahrscheinlich umgangen werden. Auf dieses Risiko habe ich Carsten Wettich im Vorfeld der letzten Satzungsänderung hingewiesen. Geändert wurde dies bislang aber nicht.“
Es wäre aktuell also doch möglich, indirekt Anteile respektive Stimmrechte am FC zu verkaufen, ohne dass die Mitglieder zustimmen müssten?
„Die Satzung stellt formulierungsmäßig allein auf die Anteile an der KGaA selbst ab. Daher erscheint es rechtlich weiterhin möglich, einem Investor mittelbar Einfluss auf den FC einzuräumen und ihn wirtschaftlich an dessen Erfolg partizipieren zu lassen. Entsprechende Gestaltungsmöglichkeiten bieten vorgeschaltete Gesellschaften, virtuelle Beteiligungen oder auch Stimmbindungsverträge in Verbindung mit Partizipationsmodellen – tiefe Juristerei, die ich zu entschuldigen bitte.“








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