Tekkal im Interview: „Ich war schon als Kind auf dem Bolzplatz ein Politikum“

Tugba Tekkal und Carsten Wettich während der Wahlarena von Jonas Hector. (Foto: Bucco)
Tugba Tekkal und Carsten Wettich während der Wahlarena von Jonas Hector. (Foto: Bucco)

Noch vier Tage bis zur Vorstandswahl des 1. FC Köln: Der GEISSBLOG sprach mit Tugba Tekkal, die mit dem Team Stroman gewählt werden will, über ihr Verständnis als Vorstand, Sportexpertin und einzige Frau im Wahlkampf.

Das Interview führte Marc L. Merten

GEISSBLOG: Frau Tekkal, kennen Sie das Gründungsdatum des 1. FC Köln?

TUGBA TEKKAL: „Lassen Sie mich mal überlegen… (lacht) Ich hatte bei der Wahlarena kurz überlegt – wir hatten ja Tafeln hinter uns –, ob ich das Datum draufschreibe und hochhalte. Am Ende geht es darum, wie man damit umgeht. Ich kann mir vorstellen, dass einige FC-Fans angefressen waren. Da fand ich es gut, dass Wilke Stroman sich daraufhin entschieden hat, die Stadion-Tour mit Michael Trippel zu machen.“

War das direkt ein Beispiel, wie schnell es als Vorstand gehen kann und wie man mit Kritik umgeht, wenn mal etwas schief läuft?

„Ich glaube ganz generell, dass dem FC ein Vorstand gut tun würde, der kommunikativ stark ist und keine Angst vor Gesprächen hat. Der auch konfrontiert werden kann mit Themen, die den Mitgliedern wichtig sind. Vor allem, wenn es mal nicht gut läuft und die Frustration reinkickt. Da reicht es nicht, vor und nach der Saison mal da zu sein, sondern kontinuierlich.“

Das war ein Kritikpunkt am aktuellen Vorstand. Werner Wolf, Eckhard Sauren und Carsten Wettich schienen immer dann abgetaucht, wenn es unangenehm wurde.

„Es muss dauerhaft einen Austausch geben. Bei so vielen Mitgliedern, bei so vielen unterschiedlichen Strömungen. Es gehört zu Führungsstärke dazu, im Dialog zu bleiben, egal wann. Das kreidet sich Carsten auch selbst an, und das ist der Grund, weshalb er sich mit Wilke und mir nicht nur Expertise, sondern auch kommunikative Kompetenz ins Team geholt hat. Du brauchst Menschen an der Spitze des Clubs, für die Kommunikation keine Verpflichtung ist.“

Es wäre undemokratisch, unseren Mitgliedern vorzuschreiben, wie sie ihre Mitgliedschaft zu leben haben

Tugba Tekkal

Am Samstag ist es endlich so weit, dann wählt der FC. Was erwarten Sie von der Mitgliederversammlung?

„Dass sie lang wird. (lacht) Es wird intensive Aussprachen geben, viele Anträge, und erst einmal finde ich es wichtig, dass man ein Jahr abschließt, bevor man in die Zukunft schaut. Deswegen gehe ich davon aus, dass die Vorstandswahl am Ende stattfinden wird und nicht vorgezogen wird. Das halte ich auch für richtig. Ich bin gespannt, wenn wir da mehrere Stunden sitzen werden. Wir werden die Menschen daran erinnern müssen, bis zum Schluss zu bleiben.“

Das Team Stroman hat über einen WhatsApp-Kanal angekündigt, den Abonnenten am Tag der MV mitzuteilen, sobald die Wahl absehbar ist, damit die Menschen dann erst ins Stadion kommen können. Ist das ein legitimes Vorgehen?

„Das ist so nicht richtig. Natürlich wünschen wir uns, dass alle Mitglieder von Beginn an dabei sind. Uns erreichen jedoch jeden Tag zahlreiche Nachrichten von Mitgliedern, die unbedingt wählen und mitentscheiden wollen, die aber nicht schon um 11 Uhr kommen können, weil sie beispielsweise arbeiten, weil sie mit ihren Kindern zum eigenen Fußballspiel gehen müssen. Gleiches gilt für Menschen mit körperlichen Einschränkungen, für die die Teilnahme an einer Sitzung der zu erwartenden Länge mit erheblichen physischen Herausforderungen verbunden und damit kaum zumutbar ist. Auch diese Personenkreise sind vollwertige Mitglieder des 1. FC Köln. Es wäre undemokratisch, unseren Mitgliedern vorzuschreiben, wie sie ihre Mitgliedschaft zu leben haben.“

Was erwidern Sie den Kritikern?

„Wer das kritisiert, läuft Gefahr, in Mitglieder erster und zweiter Klasse zu unterteilen. Diese Menschen haben uns gefragt, was sie in diesem Fall machen können, und haben überhaupt kein Verständnis dafür, dass der Mitgliederrat eine hybride Versammlung ablehnt. Daraus ist die Idee entstanden, sie über den WhatsApp-Kanal zu informieren. Denn es geht doch darum, dass den Mitgliedern ihre wichtigste Aufgabe ermöglicht wird – und das ist, ihre Stimme abgeben zu können. Das Kernproblem ist also nicht, dass die Mitglieder später kommen, sondern dass es keine hybride Versammlung gibt.“

Auch, wenn sich die Menschen dann nicht vor Ort ein Bild von den Kandidatenteams gemacht haben?

„Was ist denn die Alternative, dass wir diese Mitglieder von der Wahl ausschließen und ihnen damit das wichtigste Recht nehmen, das sie als Mitglied haben? Die Mitglieder können zudem über den Live-Stream die Versammlung verfolgen und sind damit bestens informiert, wenn sie ihre Stimme abgeben. Im Übrigen haben sich die Mitglieder, die uns geschrieben haben, schon ein Bild gemacht, dafür gab es ja schon vorher diverse Formate.“

Kommen wir zu Ihrem Thema, für das Sie im Team Stroman stehen: den Sport. Was wollen und können Sie einbringen, das andere nicht können?

„Es gibt zwei zentrale Differenzierungsmerkmale – erstens war ich Spielerin. Ich weiß, wie ein Verhältnis zwischen Mannschaft, Trainer und Sportdirektor aussehen muss, wenn es gut ist. Ich erkenne aber auch, wenn es schlecht ist und man korrigieren muss. Das ist ein entscheidendes Erfolgskriterium. Zum anderen erfordert diese Rolle Führungserfahrung. Das ist das zweite Alleinstellungsmerkmal, das ich einbringen kann, da ich mir diese Expertise im Rahmen meiner Tätigkeit als Leiterin großer Organisationen über viele Jahre aneignen und sie erfolgreich umsetzen konnte. Als Vorstand sind wir diejenigen, die führen, koordinieren, überwachen und messen. Wir sind nicht dazu da, den operativ Verantwortlichen zu sagen, wie sie ihre Arbeit machen sollen, welche Entscheidungen sie treffen sollen und mit wem sie zusammenarbeiten. Aber wir müssen nah dran sein, zuhören beziehungsweise ihnen Gehör verschaffen, was sie benötigen, um erfolgreich zu sein. Sicherstellen, dass ihre Entscheidungen auf guten Analysen beruhen und in Einklang mit der vereinbarten Strategie und den vereinbarten Zielen stehen. Und ich weiß, dass ich aufgrund meiner Erfahrung in der Lage sein werde, auf Augenhöhe mit den sportlich Verantwortlichen zu sprechen. Dabei geht es vor allem darum, gegenseitig Vertrauen zu haben. Das ist die Grundvoraussetzung.“

Tugba Tekkal spielte selbst lange für den 1. FC Köln. (Foto: Bucco)
Tugba Tekkal spielte selbst lange für den 1. FC Köln. (Foto: Bucco)

Was bedeutet das konkret?

„Wir wollen als Vorstand Möglichmacher sein. Wir wollen Rahmenbedingungen setzen und klare Ziele vorgeben, die wir dann regelmäßig validieren. Nur, wenn wir klar kommunizieren, was wir uns vorstellen, können wir unseren Erfolg im Verein sauber bewerten und auch auf sich anbahnende Krisen reagieren. Daher werde ich neben dem Austausch im Tagesgeschäft ein monatliches Validierungsgespräch mit Thomas Kessler und Lukas Berg ansetzen. Und sollte dann mal etwas geschehen, was unseren Club gefährden könnte, müssen wir im intensiven Austausch mit den Sportverantwortlichen konkrete Maßnahmen einfordern und, falls erforderlich, konsequent Entscheidungen treffen können.“

Alle Vorstandsteams stellen die Nachwuchsförderung in den Mittelpunkt. Was wollen Sie anders machen als die anderen?

„Wir haben beim FC seit vielen Jahren eine herausragende Nachwuchsarbeit. In erster Linie werde ich daher die Mitarbeitenden in der FC-Akademie stärken und ihnen zuhören, was sie brauchen, um ihre Arbeit noch besser machen zu können. Ein Unterschied ist sicher: Wir haben uns vier konkrete Elemente vorgenommen. Wir werden vierteljährliche Talent Reviews einführen, bei denen wir gemeinsam mit den sportlich Verantwortlichen sowie den Cheftrainer:innen und Leiter:innen der Akademie männlich und weiblich sicherstellen, dass es für jedes unserer Top-Talente einen individuellen Entwicklungsplan gibt, um sie bestmöglich zu fördern und an uns zu binden. Wir gucken uns vierteljährlich mit dem Team an, wo die einzelnen Spieler und Spielerinnen stehen.“

Kriegt man so die besten Spieler gehalten?

„Wir wollen bei der Talentbindung mutige Entscheidungen treffen und Verträge mit Top-Talenten frühzeitig verlängern und dabei auch mal Risiken eingehen. Dafür wirst du nicht immer belohnt, aber meistens. Wir wollen ein Team NextGen bilden für die männliche und weibliche FC-Akademie, um regelmäßig abzuklopfen, wo wir im Nachwuchsbereich stehen und damit wir korrigieren können, wenn etwas nicht gut läuft. Wir wollen ein Mentorenprogramm etablieren, in dem wir Ex-Spieler wie Lukas Podolski oder Mark Uth als Mentoren für Nachwuchsspieler einbinden. Nur so können wir Wertschätzung schaffen – und damit auch eine Durchlässigkeit, weil die besten Spieler dann noch eher bereit sind beim FC zu bleiben. Und wir wollen in unserer Amtszeit auf 200.000 Mitglieder kommen, um dadurch jährlich über zwei Millionen Euro zusätzlich in den Nachwuchs stecken zu können.“

Werden Sie auch im operativen Bereich mitreden?

„Wir brauchen keinen zweiten Sportdirektor, keinen, der Thomas Kessler ständig auf die Füße tritt. Dann war Kess die längste Zeit beim FC. Die Menschen, die seit Jahren hier sind, brauchen unser Vertrauen, unsere Wertschätzung. Wenn wir denen jetzt erklären würden, wie sie ihren Job zu machen haben, hätten wir ein fettes Problem. Das geht so nicht. Wir müssen ihnen vielmehr die Frage stellen, was sie zusätzlich brauchen, um ihren Job noch besser machen zu können. Aber natürlich werde ich im Austausch mit Thomas Kessler auch Dinge hinterfragen, challengen und bei sportlichen Herausforderungen überzeugende Maßnahmenpläne einfordern.“

Braucht der 1. FC Köln einen Mann im Vorstand?

Tugba Tekkal

Sie haben das Thema Wertschätzung angesprochen. Inwieweit haben Sie sich persönlich in den vergangenen Monaten im FC-Umfeld wertgeschätzt gefühlt?

„Erst einmal fühle ich mich von Wilke und Carsten extrem wertgeschätzt. Beide wollen mit mir diesen Weg gehen und glauben, dass ich als Sozialunternehmerin im Fußballbereich, als ehemalige Fußballerin und auch als Frau ein wertvoller Teil dieses Teams sein werde. Natürlich gibt es aber auch Menschen, die noch in Schubladen denken und Vorurteile gegen eine Frau im FC-Vorstand haben. Da sind mir teils Dinge entgegengebracht worden, die ich kenne – und zwar mein ganzes Leben lang.“

Wollen Sie das ausführen?

„Als Kurdin, als Jesidin, als Mensch mit einer Zuwanderungsgeschichte, als Frau, die sich als Kind einem Sport zugewandt hat, der damals nur für Jungs gedacht schien. Ich war schon mit sechs Jahren auf dem Bolzplatz ein Politikum. Da musste ich die ersten Kämpfe kämpfen, um akzeptiert zu werden. Das zieht sich durch mein Leben. Und sind wir ehrlich, auch heute passiert es noch, dass Frauen per se Kompetenz in gewissen Bereichen abgesprochen wird. Mir wird entweder Fußballkompetenz abgesprochen, obwohl ich Profifußballerin war und dem Fußball weiterhin verbunden bin. Oder weil ich aus dem Frauenfußball komme, wird mir die Kompetenz für den Männerfußball abgesprochen. Oder mir wird einfach grundsätzlich die Qualifikation abgesprochen, einen Fußballclub führen zu können. Das finde ich schade.“

Sie haben bei der Wahlarena von fans1991 erwähnt, dass Sie mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurden. Bei Männern wäre das ein normaler Vorgang, bei Ihnen wurde das in einigen Foren kritisch kommentiert. Ärgert Sie das?

„Das ist doch ein gutes Beispiel. Richtig ist: Es ist Teil meiner Vita, genau wie die zahlreichen Auszeichnungen, die ich auf höchster Ebene des Fußballs für meine Arbeit erhalten habe. Es ist selbstverständlich wichtig, dass sich alle Mitglieder einen guten Eindruck über die Werdegänge der Personen verschaffen können. Denn auch daraus leitet sich ihre Führungskompetenz ab. Ich bin verdammt stolz darauf, dass ich das Bundesverdienstkreuz bekommen habe. Ich bin eine der jüngsten Frauen, die es jemals bekommen hat. Das zeigt, dass ich durch meine Arbeit und durch mein Herzblut viele Menschen von unserer Sache überzeugt habe. Das ist eine Kompetenz, auf die ich stolz bin. Im Übrigen habe ich das Bundesverdienstkreuz insbesondere für meine Arbeit mit SCORING GIRLS bekommen, einem Projekt, bei dem es konkret um Fußball für junge Mädchen geht.“

Braucht der 1. FC Köln endlich eine Frau im Vorstand?

„Braucht der 1. FC Köln einen Mann im Vorstand? Aber im Ernst: Ich bin davon überzeugt, dass unsere Führung genauso divers sein sollte wie unser Club, wie unser Land, wie der Fußball. Der Fußball ist nicht nur männlich, sondern auch weiblich. Ja, ich bin eine Frau. Und ja, der FC braucht eine Frau, davon bin ich überzeugt. Aber nein, ich trete nicht nur als Frau an, sondern als Mensch. Als Mensch, der den FC liebt, der fast zehn Jahre für den FC gespielt hat, der seit fast 20 Jahren FC-Mitglied ist und schon alles mit dem FC erlebt hat. Als dieser Mensch trete ich zur Wahl an. Und ich habe Bock, mit allem, was ich bin, alles für den FC zu geben.“

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