Von Dresden über Hawaii ans Geißbockheim: René Wagners Weg zum Bundesliga-Trainer war kein gewöhnlicher. Der GEISSBLOG stellt den 37-Jährigen, der den 1. FC Köln vor dem Abstieg bewahren soll, genauer vor.
Als er am Dienstag mit seiner eigenen Aussage aus dem vergangenen Sommer konfrontiert wurde, musste René Wagner schmunzeln. „Ich habe keinen Namen, ich habe keine Spielerkarriere. Ich kriege genau eine Chance“, hatte der gebürtige Dresdner im Trainingslager in Bad Waltersdorf gegenüber dem Kölner Stadt-Anzeiger gesagt, als er auf seine Cheftrainer-Ambitionen angesprochen wurde. Und: Sollte ein Club anrufen, „von dem ich weiß, dass es da instabil ist“, hatte Wagner noch ergänzt, „muss ich da nicht unbedingt einen Job haben“. Acht Monate später ist er Chefcoach des 1. FC Köln.
Wagners eine Chance, sie kam schneller als erwartet – bei einem Verein, der in den vergangenen zehn Jahren elf Trainer verschlungen hat. Nach seiner Beförderung relativierte er sich selbst: „Die eine Chance habe ich jetzt auf jeden Fall bekommen. Mal gucken, ob es die letzte bleibt. Ich bin natürlich ein junger Trainer. Vielleicht habe ich mich geirrt und bekomme doch eine mehr.“ Womöglich nutzt der Nobody ohne Spielerkarriere diese Chance auch einfach, um eine Trainerkarriere zu starten.
Dresden, Oldenburg, Hawaii, Miami
Wobei Wagner auch ohne die große Laufbahn als aktiver Profi im Fußball schon so einiges erlebt hat. Das lag weniger an Stationen wie Borea Dresden, seinem Heimatverein, oder dem VfB Oldenburg, Dynamo Dresden II und Wacker Nordhausen, wo er zusammengenommen immerhin 28 Regionalliga-Partien und fast 100 Oberliga-Einsätze bestritt.
Prägender und außergewöhnlicher war für den neuen FC-Trainer wohl die Zeit in Übersee. Mit 22 Jahren, in Dresden hatte Wagner begonnen Wirtschaftswissenschaften zu studieren, zog es ihn nach Hawaii. An der Pacific University erhielt der Rechtsverteidiger ein Fußballstipendium, das allerdings nur eine Saison andauerte.
Nach einer zwischenzeitlichen Rückkehr nach Deutschland – zwei Jahre, in denen Wagner sein Studium beendete – lockte das nächste Abenteuer: Sein früherer College-Trainer bot ihm eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Co-Trainer an, so landete er erneut an der Uni auf Hawaii.
Zwei weitere Jahre später führte sein Weg nach Florida, Wagner wurde Nachwuchstrainer in einer Akademie im wohlhabenden Palm Beach Gardens und trainierte unter anderem den Sohn von Golf-Legende Tiger Woods. Es folgte ein Engagement bei Inter Miami; beim heutigen Club von Lionel Messi, damals ganz frisch gegründet, arbeitete er als Co-Trainer der U17 und der U19.
Rückkehr nach Deutschland – mit Baumgart zum FC
Eine Zukunft in den USA war denkbar, doch natürlich hatte für den Sachsen auch die Bundesliga ihren Reiz. Wagner lernte den früheren Nationalspieler Marcel Schäfer (mittlerweile Sportchef von RB Leipzig) kennen, der seine Karriere in Tampa ausklingen ließ. Über Schäfer kam der Kontakt in die deutsche Fußballbranche zustande, und so ging es aus Miami nach Ostwestfalen: Fabian Wohlgemuth holte Wagner zum SC Paderborn, wo er im Scouting und als Performance-Analyst arbeitete und zu Steffen Baumgart fand.
Der Rest der Geschichte ist dann schon bekannter: Baumgart nahm Wagner als Co-Trainer mit zum FC, gemeinsam gelang ihnen in der Saison 2021/22 der Einzug in die Conference League. Nach Baumgarts Freistellung im Dezember 2023 folgte Wagner seinem Chef zum Hamburger SV und zu Union Berlin – bevor sich Wagner im vergangenen Sommer nach fünf Jahren an Baumgarts Seite dazu entschied, seinen eigenen Weg zu gehen und zum FC zurückzukehren. Zunächst als Assistent von Lukas Kwasniok. Und nun erstmals selbst als Chef.
FC-Bosse dachten schon mehrfach über Wagner nach
So überraschend Wagners Chance für Außenstehende kommen mag, für die FC-Verantwortlichen war der Gedanke, ihn zum Cheftrainer zu machen, alles andere als neu. Man könnte meinen: Alle guten Dinge sind drei. Denn Wagner zählte bereits zweimal zum Kandidatenkreis für diesen Posten.
Einmal nach Baumgarts Aus. Schon Ex-Sportboss Christian Keller war ein großer Befürworter des Dresdners, hielt seine Beförderung im Abstiegskampf der Saison 2023/24 aber für ein zu großes Wagnis. Stattdessen kam Timo Schultz – und stieg mit dem FC ab.
Doch auch vor der aktuellen Saison, vor Lukas Kwasnioks Verpflichtung, wurde nach GEISSBLOG-Informationen intern darüber diskutiert, Wagner sofort zum Chef zu machen. Man entschied zunächst noch dagegen, auf einen Neuling zu setzen – und beförderte Wagner nun, in der heißen Phase des Abstiegskampfs, doch in die erste Reihe.
So geht Wagner seine neue Rolle an
Und jetzt? Jetzt will Wagner seinen rasanten Aufstieg gar nicht so sehr in den Mittelpunkt stellen. „Jetzt geht es einfach darum, die Aufgabe zu erfüllen, nichts anderes beschäftigt mich. Da bin ich relativ klar. Alles andere wird so kommen, wie es kommen soll. Ich habe die größte Chance, wenn alle anderen Erfolg haben.“ Soll heißen: „Ich kümmere mich darum, dass es den Jungs und dem Staff gutgeht und wir gemeinsam versuchen können, Spiele zu gewinnen.“
Sollte Wagner tatsächlich Spiele gewinnen, dürfte aus dem vermeintlichen Trainer-Experiment eine Dauerlösung werden. Er kennt den Verein, kennt die Mannschaft, kennt die Stadt und ist nun dabei, sich an seine neue Rolle zu gewöhnen. Wagner gibt zu: „Mich macht das irgendwo stolz.“ Doch: „Darum geht es jetzt gar nicht.“
Ein Trainerwechsel ist ja normalerweise nie etwas Gutes – es sei denn, er geht zu einem besseren Verein, weil er rausgekauft wird.
René Wagner
Eigentlich möchte er weder von einer Chance noch von einer Herausforderung reden, sich möglichst wenig den Kopf über die Bedeutung seines Jobs zerbrechen. „Wenn ich mir darüber nicht so viele Gedanken mache, wird es für mich leichter. Wichtig ist, jetzt Ruhe zu bewahren.“ Den Druck will sich Wagner vom Leib halten. Das gelinge ihm im Normalfall ganz gut. „Es sei denn, es fragt der Zwanzigste nach Druck.“
Ausgeschlossen ist diese Frage angesichts des Kölner Absturzes auf Platz 15 nicht. Dieser Absturz hat schließlich zu Wagners Beförderung geführt. Er merkt an: „Ein Trainerwechsel ist ja normalerweise nie etwas Gutes – es sei denn, der Trainer geht zu einem besseren Verein, weil er rausgekauft wird.“ Beim FC war das nicht der Fall. Etwas Gutes soll der Wechsel dennoch haben. Für den Verein und für Wagner.








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