Abschied ist eine Erlösung – Wettichs Plan könnte zum Coup werden

Carsten Wettich will Vizepräsident des 1. FC Köln bleiben - mit einem neuen Team. (Foto: Bucco)
Carsten Wettich will Vizepräsident des 1. FC Köln bleiben - mit einem neuen Team. (Foto: Bucco)

Der amtierende Vorstand des 1. FC Köln gesteht seine Chancenlosigkeit auf eine dritte Amtszeit ein. Dass Carsten Wettich anschließend seine Kandidatur mit einem neuen Team bekannt gibt, ermöglicht dem Mitgliederrat – und dem FC – neue und überraschende Chancen.

Eine kommentierende Analyse von Marc L. Merten

Mitten im Saisonendspurt hat sich der Vorstand des 1. FC Köln doch noch entschieden. Man werde nicht mehr gemeinsam für eine neue Amtszeit kandidieren. Man wünsche sich zwar „inhaltliche Kontinuität“ für den eingeschlagenen Weg der finanziellen und strukturellen Konsolidierung. Doch es gehe nur um das Wohl des 1. FC Köln, weshalb man einen geordneten Übergang ermöglichen wolle.

Ein Satz aber stach aus der Mitteilung heraus: „Wir möchten offen kommunizieren, dass wir unter anderen Voraussetzungen durchaus bereit gewesen wären, den Weg der letzten Jahre gemeinsam fortzusetzen.“ Welche „anderen Voraussetzungen“ das gewesen sein sollen, dazu machte der amtierende Vorstand keine Angaben.

Erlösung für den FC nach verheerender Bilanz

Gut möglich, dass Werner Wolf, Eckhard Sauren und Carsten Wettich vor allem noch einmal andeuten wollten: Eigentlich wären sie als Trio weiterhin die beste Lösung als Vorstand gewesen. Trotz eines Fast-Abstiegs 2021, eines Abstiegs 2024 und einer historischen Transfersperre. Trotz vier Sport-Geschäftsführern, zwei weiteren entlassenen Geschäftsführern und sechs Cheftrainern in fünfeinhalb Jahren. Trotz einer Nicht-Entlastung durch die Mitglieder im vergangenen Herbst.

Aufgrund dieser verheerenden Bilanz und auch aufgrund einer jahrelang ungenügenden Kommunikation wird der amtierende Vorstand jedoch im Herbst zu seinem Ende kommen. Für den FC ist das eine Erlösung. Zu viel ist geschehen, zu viel kaputt gegangen. Das Vertrauen in das Trio an der FC-Spitze, insbesondere in Präsident Wolf, ist aufgebraucht. Es herrschen nach innen wie nach außen mehr Misstrauen und Missgunst statt Zusammenhalt und Aufbruchstimmung. Allenthalben ist vor allem eines zu verspüren: Verunsicherung.

Wettich, Stroman und Tekkal wollen vom Mitgliederrat nominiert werden

Daher braucht der 1. FC Köln einen Neuanfang. Diesen wollte eigentlich der Mitgliederrat vorbereiten und sucht daher ein neues Vorstandsteam. Bislang schien nicht nur das Trio Wolf/Sauren/Wettich keine Chance zu haben, sondern auch einer der drei als Teil eines anderen Teams. Denn der Mitgliederrat sucht – auch mangels qualifizierter Bewerbungen im Team – drei Einzelpersonen, die zu einem neuen Vorstand zusammenfügen werden sollen. Bis jetzt.

Carsten Wettich aber hat sich nun von Wolf und Sauren losgesagt und ein neues Team aufgestellt (mehr dazu hier). Zusammen mit Sparhandy-Gründer Wilke Stroman und der Ex-FC-Spielerin Tugba Tekkal will der Jurist weiter dem FC vorstehen. Und zwar über den offiziellen Weg. Wettich, Stroman und Tekkal haben sich beim Mitgliederrat beworben. Sie wollen sich als Team präsentieren und vom Mitgliederrat vorgeschlagen werden. Keine Kampfkandidatur gegen ein mögliches Team des Mitgliederrates. Das Trio will überzeugen und nominiert werden.

Komfortable Situation für den Mitgliederrat

Mit diesem Vorgehen ist Wettich womöglich gleich auf mehreren Ebenen ein Coup gelungen. Mit Stroman, dem 44 Jahre alten Ostfriesen, konnte der ein Jahr ältere Wettich einen erfolgreichen Unternehmer als Präsidentschaftskandidaten gewinnen. Stroman ist Selfmade-Millionär, lebt seit 25 Jahren in Köln, ist FC-Fan und hat als zwischenzeitlich langjähriger FC-Sponsor bereits hinter die Kulissen des Clubs blicken können. Das gilt umso mehr für Tekkal, die 40-jährige Ex-Spielerin und Hall-of-Famerin des FC, die sich seit Jahren in der FC-Stiftung engagiert und international als Sozialunternehmerin auftritt.

Nun muss der Mitgliederrat bewerten, ob das Trio den Anforderungen des Gremiums entspricht. Nach GEISSBLOG-Informationen stehen Wettich, Stroman und Tekkal nur zusammen zur Verfügung, würden sich nicht auseinander dividieren lassen. Doch der Mitgliederrat erhält nun erstmals neben der Suche nach Einzelpersonen eine echte Alternative, welche einerseits durch Stroman und Tekkal für einen Neuanfang stehen könnte, andererseits durch Wettich für Kontinuität.

Nötige Diskussion um die besten Argumente

Für den Mitgliederrat eine komfortable Situation: Entweder man entscheidet sich für den Weg mit dem nun kandidierenden Trio. Oder man findet ein Team, welches andere Kompetenzen und Qualifikationen mitbringt und durch weitere Angebote überzeugt. In jedem Fall könnte das Gremium gesichtswahrend den Prozess abschließen und entweder einen kompletten Neuanfang in die Wege leiten oder sich für eine Verbindung aus alten und neuen Strukturen entscheiden.

Und selbst im Fall eines Wahlkampfs zwischen einem vom Mitgliederrat vorgeschlagenen Team und dem Trio Wettich/Stroman/Tekkal könnte sich eine Chance bieten. Wäre es bei einer Kandidatur wie jener von Dieter Prestin mit seinem Team FC-Zukunft noch auf eine kalkulierte Schlammschlacht hinausgelaufen, böte sich dem FC durch einen sachlichen und inhaltlichen Wahlkampf eine nötige Diskussion um die besten Argumente für die Zukunft des Clubs. Etwas, das der amtierende Vorstand nicht mehr hätte liefern können, was der FC aber dringend braucht.

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