Beispiel von der Hitz, Ausnahme El Mala: FC-„Innenminister“ erklärt Talente-Stau

Erst Nachwuchschef, jetzt Technischer Direktor: Lukas Berg. (Foto: Bucco)
Erst Nachwuchschef, jetzt Technischer Direktor: Lukas Berg. (Foto: Bucco)

Im ersten Teil des großen GEISSBLOG-Interviews hat Lukas Berg, der Technische Direktor des 1. FC Köln, den Umbruch im Bundesliga-Kader erklärt. In Teil zwei geht es um die Nachwuchsteams – und darum, was überhaupt ein Technischer Direktor ist.

Das Interview führten Marc L. Merten und Martin Zenge

GEISSBLOG: Herr Berg, Sie sind seit diesem Sommer „Technischer Direktor“. Was genau bedeutet das eigentlich?

LUKAS BERG: „Ich habe irgendwann mal gesagt, dieser Titel ist die größte Blase im internationalen Fußball, weil er überall anders definiert und gelebt wird. In Belgien und den Niederlanden sind Technische Direktoren die Kaderplaner, die jeden Transfer machen. Das ist hier zum Beispiel anders. Bei uns ist es so, dass Thomas Kessler als Sportdirektor quasi der Außenminister ist, das Gesicht nach außen, der die Hauptverantwortung trägt. Ich bin eher der Innenminister, dessen Aufgaben vor allem abseits der Transferperiode liegen.“

Welche Aufgaben sind das?

„Die konzeptuelle Weiterentwicklung aller Fachbereiche im Sport, die nicht nur von Spieltag zu Spieltag geht, sondern saisonübergreifend. Das bleibt im Tagesgeschäft schnell liegen. Dinge, die wir in der Vergangenheit gut gemacht haben, sollen bewahrt werden. Das betrifft auch die Schnittstelle von den Profis zur Akademie, die wir so durchlässig gestalten wollen wie zuletzt. Deshalb liegt die Verantwortung der Akademie weiter bei mir. Darüber hinaus kümmere ich mich um Infrastruktur und Administration. Viele Dinge entscheiden wir aber gemeinsam.“

Mehr Verantwortung, weniger „Katastrophen“

Wenn Sie den neuen Posten mit Ihrer vorherigen Aufgabe als Akademie-Leiter vergleichen – ist die Verantwortung gestiegen?

„Auf jeden Fall, auch wenn ich mich jetzt um zwei Mannschaften – die Profis und die U21 – kümmere, während ich mich im Nachwuchs um zwölf Mannschaften gekümmert habe. Mit mehr täglichen ‚Katastrophen‘, mit hoch-ambitionierten Eltern, mit geschäftigen Beratern – da war der Tagesablauf etwas hektischer. Da ist es jetzt kalkulierbarer.“

Und nach der Transferphase ist nun auch die Zeit gekommen, sich den vielen anderen Themen zu widmen?

„Bis jetzt lag der volle Fokus auf der Vorbereitung und auf der Kaderplanung. Das waren unsere Prioritäten. Thomas Kessler und ich haben in dieser Zeit aber natürlich schon eine lange Liste an Dingen erarbeitet, die uns aufgefallen sind, die wir bisher hinten angestellt haben. Die kommen jetzt nach vorne, und da hilft es uns sehr, dass wir schon sechs Punkte auf dem Konto haben und im DFB-Pokal eine Runde weiter sind. So lässt sich alles etwas leichter anschieben. Schließlich wollen wir nicht nur auf dem Rasen, sondern auch in vielen anderen Bereichen weiterkommen.“

Dieser Umbruch hatte sich über mehrere Jahre angestaut.

Lukas Berg über die U21

Sie haben die U21 schon erwähnt. Die Mannschaft tut sich noch sehr schwer. War der Umbruch im Kader in diesem Sommer zu groß?

„Ich bin froh, dass wir die Transfers in der U21 sehr früh umgesetzt haben. Noch bevor das Transferfenster auf war, waren wir mit allen Neuzugängen in der U21 fertig. Dieser Umbruch hatte sich über mehrere Jahre angestaut. Mit dem 2004er Jahrgang hatten wir vor zwei Jahren sehr viele Talente hinzubekommen, konnten letztes Jahr durch die Transfersperre aber niemanden hinzuholen. Deshalb mussten wir letztes Jahr eine ganze Reihe an Spielern noch einmal ein zusätzliches Jahr mitnehmen. So war klar, dass es in diesem Sommer zu einem riesigen Umbruch kommen würde.“

Allein elf externe Neuzugänge, dazu diverse Talente aus der U19-Meistermannschaft…

„Das war nötig, und dadurch war der Kader am Anfang auch noch sehr groß. Der Fokus lag daher zuletzt darauf, den Kader zu verkleinern. Das haben wir jetzt geschafft.“

Und Sie haben den Vertrag mit Evangelos Sbonias verlängert. Ein klares Zeichen, dass Sie dem Trainer langfristig vertrauen?

„Ja, wir haben das aus voller Überzeugung getan, weil ‚Laki‘ es geschafft hat, die Jungs immer wieder weiterzuentwickeln und sie auf die Profi-Mannschaft vorzubereiten. Das ist seine Kernaufgabe. Wir haben die Strategie dieser Mannschaft bewusst verändert, um sie an die Grenze zum Bundesliga-Fußball hinführen zu können. Das schafft Laki mit viel Akribie, mit vielen Emotionen und einem hohen Sachverstand. Darüber hinaus ist er ein sehr angenehmer Mensch, der sich als griechischer Schwabe mit dem 1. FC Köln stark identifiziert. (lacht) Da passt also vieles zusammen.“

Wie aus Innenverteidiger El Mala ein Stürmer wurde

Nur ist Sbonias noch kein Fußballlehrer. Ist das geplant?

„Auf jeden Fall. Dieses Jahr hat es noch nicht geklappt. Der Fußballlehrer ist brutal umkämpft, nur 16 Trainer kommen in das Programm. Wir haben aber das klare Ziel, ihn in den Fußballlehrer zu bringen, weil ihm das als Trainer noch mal auf ein anderes Level bringen würde. Darauf werden wir gemeinsam hinarbeiten.“

Ein Spieler, auf den bei der U21 alle achten, ist Malek El Mala. Auch wegen seines Bruders. Was bringt Malek mit?

„Bei ihm müssen wir in seiner Geschichte etwas zurückgehen, weil er vor seinem Wechsel zur Viktoria noch Innenverteidiger war und nur deshalb zur Viktoria gehen konnte, weil noch ein Platz im Sturm frei war. Er hat erst in der U19 im Sturm angefangen. Dann ist er bei der Viktoria nicht auf viel Spielzeit am Stück gekommen, weshalb wir ihn noch Stück für Stück auf das nächste Level bringen müssen, damit er über 70 Minuten die nötige Intensität gehen kann.“

Nun hat er aber immerhin schon drei Spiele in Folge getroffen.

„Das steckt auch in ihm. Er ist ein spannender Mittelstürmer mit einem guten Tempo, weshalb er auch immer mal wieder in Situationen kommt, in denen er den Gegnern im Aufbau den Ball abjagen kann. Wir versprechen uns von ihm, dass er kein Spieler ist, der lange in der Regionalliga West spielt.“

U19-Meisterschaft „hat eine enorme Strahlkraft“

Von der U21 zur U19: Hat der FC in diesem Sommer gemerkt, dass die U19 Deutscher Meister geworden ist?

„Das würde ich mit einem klaren ‚Ja‘ beantworten. Die Entwicklung der U19 war so nicht erwartbar. Wir hatten Probleme, überhaupt in die Hauptrunde zu kommen. Dass sich die Mannschaft dann so entwickeln würde und von der K.o.-Phase so profitieren würde, haben wir nicht kommen sehen. So hat die Mannschaft irgendwann eine tolle Mentalität entwickelt, um auch ein Spiel wie das Finale in Leverkusen zu ziehen. Das war schon eindrucksvoll.“

Und jetzt kommt wieder die Youth League hinzu.

„Der Titel hat eine enorme Strahlkraft, und die Youth League kommt da noch mal hinzu. So sind wir auch für den einen oder anderen Spieler noch einmal interessanter geworden, weil er die Youth League als weitere Plattform gesehen hat.“

Dabei dürfen ja auch noch mal die Spieler zum Einsatz kommen, die eigentlich schon zu alt für die U19 wären.

„Insgesamt fünf Spieler aus dem 2006er Jahrgang dürfen wir für den 40er-Kader nominieren, von denen dann drei auf dem Spielberichtsbogen stehen dürfen, und das werden wir natürlich auch machen. Es sollen insbesondere die Spieler zum Einsatz kommen, die diesen Erfolg errungen haben. Die Jungs sollen definitiv für ihren Erfolg belohnt werden.“

Talente bei den Profis? „Noch nicht die Qualität“

Im letzten Jahr hat sich der FC dadurch ausgezeichnet, dass enorm viele Nachwuchsspieler in der 2. Liga debütieren konnten. Wenn man jetzt in den Profikader schaut, fehlen neue Talente aus dem Nachwuchs. Weil die Qualität der Talente gerade nicht ausreicht oder weil der FC in der Bundesliga mit allen Mitteln die Klasse halten muss?

„Letztes Jahr haben es die Rahmenbedingungen hergegeben. Da hatten wir die Konstellation aus Transfersperre und 2. Bundesliga. Wir wussten, dass wir viele Jungs in die 2. Bundesliga bringen können, weil das Niveau gestimmt hat. Jetzt aber sind wir Bundesligist und haben den klaren Auftrag, die Mannschaft sofort konkurrenzfähig zu machen. Und demgegenüber steht nach der Transfersperre, die ja auch im Nachwuchs galt, aktuell noch nicht die nötige Qualität bei den Jungs, dass wir sie sofort auf Bundesliga-Niveau ins kalte Wasser werfen können.“

Können Sie ein Beispiel nennen?

„Nehmen wir jetzt mal Justin von der Hitz, den wir nicht halten konnten. Er war am Ende mit der auffälligste Spieler im letzten U19-Jahrgang. Er hat sich toll entwickelt, doch selbst er spielt gerade beim 1. FC Nürnberg in der 2. Liga noch überhaupt keine Rolle. Das zeigt, dass die Spieler, die jetzt aus unserer U19 gekommen sind, für die Bundesliga einfach noch nicht bereit wären. Und das wiederum heißt, dass die Spieler Zwischenschritte gehen müssen.“

Auf Leihbasis zu anderen Club?

„Wie Elias Bakatukanda in Linz, wie Julian Pauli in Dresden, wie Jaka Cuber Potocnik in Essen. Das ist ein total sinnvoller Weg. Nicht jedes Talent wird im ersten nominellen Seniorenjahr in der Lage sein, wie Said El Mala direkt Bundesliga-Fußball spielen zu können. Und auch bei ihm darf man nicht vergessen, dass er letzte Saison schon 3. Liga gespielt hat. Das wird weiter unser Weg sein. Auch anderen Bundesligisten fällt es schwer, ihre Talente sofort oben reinzuwerfen. Außergewöhnliche Spieler wie Lennart Karl beim FC Bayern kommen durch, aber die musst du auch erst mal im eigenen Stall haben und formen.“

Lesen Sie hier den ersten Teil des Interviews mit Lukas Berg.

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