„Notwendiger Transfersommer“ beim FC: Boniface? „Hätte mich nicht wohlgefühlt“

Lukas Berg und Thomas Kessler haben beim 1. FC Köln seit diesem Sommer die sportliche Verantwortung. (Foto: IMAGO / DeFodi Images)
Lukas Berg und Thomas Kessler haben beim 1. FC Köln seit diesem Sommer die sportliche Verantwortung. (Foto: IMAGO / DeFodi Images)

Der 1. FC Köln hat in diesem Sommer einen Umbruch vollzogen. Für die Kaderplanung verantwortlich ist neben Sportdirektor Thomas Kessler auch der Technische Direktor Lukas Berg. Im Interview mit dem GEISSBLOG blickt Berg auf einen „notwendigen Transfersommer“ zurück.

Das Interview führten Marc L. Merten und Martin Zenge

GEISSBLOG: Herr Berg, seit Montagabend ist das Transferfenster geschlossen. Wie war der Deadline Day für Sie beim 1. FC Köln?

LUKAS BERG: „Nicht viel anders als die vorherigen Tage und Wochen, außer dass du weißt, du musst bis 20 Uhr fertig sein. Es gab schon wildere Tage, wenn ich mich an die Verpflichtung von Nikola Soldo erinnere. Diesmal waren wir gut vorbereitet, es kam nichts Unerwartetes mehr. Und weil sich am Sonntag gegen Freiburg niemand mehr verletzt hatte, wussten wir auch, was mit Alessio Castro-Montes, Jacob Christensen und eventuell Imad Rondic auf uns zukommt. Damit sind wir in den Tag gestartet.“

Und dann liegt aufgrund der drängenden Zeit jeder Transfer bei einem anderen Verantwortlichen?

„Zumindest arbeitet nicht jeder am selben Thema, damit wir die Themen verteilen. Neben der Einigung zwischen allen Parteien sind es hauptsächlich administrative Aufgaben. Bei Alessio war es aufwendiger, weil Belgien ein strenges Geldwäschegesetz hat. Da mussten wir als Vertragspartner sehr viele Informationen liefern, die normalerweise nicht nötig sind. Ansonsten klingelte zwar das Handy weiter, aber nicht wegen überraschender Themen.“

Saudi-Arabien als X-Faktor

Gab es noch mal einen Vorstoß eines anderen Clubs für einen FC-Spieler?

„Nein, überhaupt nicht. Natürlich ruft der eine oder andere Berater an, um noch mal etwas in die eine oder andere Richtung in Bewegung zu bringen. Aber da war jetzt nichts dabei, auf das wir hätten eingehen wollen.“

Rechnen Sie damit, dass in den kommenden Tagen noch etwas passiert? Noch sind in einigen Ländern die Transfermärkte ja weiter geöffnet.

„Das Komplexeste ist, dass Saudi-Arabien noch so lange geöffnet ist (bis zum 11. September, Anm. d. Red.). Das ist ein Markt, der absolut unberechenbar ist. Das heißt, wenn da noch mal jemand auf eine Idee kommen sollte, würde das bei jedem Club etwas verändern. Wir rechnen aber nicht mehr damit.“

Wir mussten einen Umbruch vollziehen, und das haben wir gemacht. Wir wollten eine Bundesliga-Mannschaft formen, die von jetzt auf gleich das Niveau mitgehen kann.

Lukas Berg

Womit haben Sie und Thomas Kessler auf das Ende der Transferperiode angestoßen?

„Da verweigere ich die Auskunft. (lacht) Aber natürlich haben wir vor dem Anpfiff der U21 am Montagabend einmal angestoßen und nach dem Spiel mit der U21 auf den Sieg gegen Wuppertal.“

Welches Fazit ziehen Sie nach der Transferperiode?

„Es war ein sehr geschäftiger, aber in dem Umfang auch notwendiger Transfersommer. Wir konnten unsere Ziele weitestgehend erfüllen, die wir uns gesetzt hatten. Wir mussten einen Umbruch vollziehen, und das haben wir gemacht. Wir wollten eine Bundesliga-Mannschaft formen, die von jetzt auf gleich das Niveau mitgehen kann. Dafür mussten wir alle Mannschaftsteile stabilisieren und festigen, dabei Qualität hinzugewinnen, ohne uns bestimmte Positionen perspektivisch zu verbauen.“

Deshalb auch die vier Leihgeschäfte mit Kaminski, Lund, Özkacar und Krauß.

„Genau. Wir haben mehrere Leihen umgesetzt, mit denen wir flexibel bleiben. Deshalb fällt unser Resümee durchaus positiv aus. Das Wichtigste war der permanente und enge Austausch mit Lukas Kwasniok und seinem Trainerteam, um herauszufinden, welches Puzzleteil wir noch brauchen könnten. Daher sind wir zufrieden.“

Wie Castro-Montes helfen soll

Das letzte Puzzleteil war Alessio Castro-Montes. Warum ist er es geworden, nachdem die Verpflichtung von Raphael Obermair nicht geklappt hat?

„Im Spiel gegen Freiburg konnte man gut sehen, dass uns ein Profil wie das von Alessio oder Raphael gutgetan hätte. Ein Spieler, der uns gerade auf der linken Seite mit einer fußballerisch hohen Qualität weiterhelfen kann, der mit einem rechten Fuß auf links durchs Zentrum auflösen kann, der uns helfen kann, uns spielerisch aus Drucksituationen zu befreien. Alessio kann sowohl links als auch rechts spielen und gibt uns da noch mehr Flexibilität.“

Wie lange hatten Sie den Spieler im Blick? Er kam ja jetzt doch noch sehr kurzfristig.

„Wir kennen ihn schon länger, er stand im Schattenkader. Er besitzt viel Erfahrung, auch international. Wir haben ihn mehrfach live gesichtet. Dann ist die Option aufgegangen, sodass wir ihn verpflichten konnten.“

Wir haben gemerkt, dass wir in der Bundesliga ein attraktiver Club sind und Zugkraft haben. Die Spieler hatten Bock, hierher zu kommen.

Lukas Berg

Castro-Montes hat in Belgien deutlich häufiger rechts gespielt als links. Dennoch sortieren Sie ihn eher links ein?

„Ja. Er ist für uns eine weitere Option in der Kette. Alessio kann defensiv wie auch offensiver auf beiden Seiten spielen. Deswegen bringt er viele Optionen mit, die wir in der Bundesliga brauchen, um auf verschiedenste Gegner reagieren zu können.“

Ist in diesem Sommer ein Spieler zum FC gekommen, von dem Sie dachten: Wow, dieser Spieler kommt ja tatsächlich zu uns?

„Weil wir uns nicht sicher waren, ob sich der Spieler das überhaupt vorstellen könnte? Nein, tatsächlich haben wir uns selbstbewusst genug gefühlt, die Dinge, die wir uns von vornherein vorgenommen hatten, auch umzusetzen. Wir haben gemerkt, dass wir in der Bundesliga ein attraktiver Club sind und Zugkraft haben. Die Spieler hatten Bock, hierher zu kommen.“

Teuerster FC-Transfer „fast verschwindend gering“

Bremen hat sich gefeiert, dass sie Victor Boniface verpflichten konnten. Der HSV, weil man zwei Spieler vom FC Arsenal geholt hat. Das waren Spieler, die zumindest auf den ersten Blick für den FC in einem nicht erreichbaren Regal gelegen haben.

„Wenn sich diese Spieler für diese Clubs entschieden haben, können die Regale nicht zu hoch für den FC gewesen sein. Ich muss zugeben, ich hätte mich nicht so wohlgefühlt bei einem Spieler, dessen Transfers vorher schon zweimal gescheitert waren. Aber das muss jeder Verein aus der individuellen Perspektive bewerten. Vielleicht gab es auch vom abgebenden Verein ein so großes Interesse, dass man als FC Arsenal bereit war, den Transfer unbedingt zu ermöglichen. Für uns hat das keine Rolle gespielt, weil wir mit unseren Transfers sehr zufrieden sind.“

Diese drei Spieler standen also beim FC nicht im Schattenkader?

„Nein, aus vielen Perspektiven nicht. Wir hatten andere Prioritäten.“

Natürlich ist die Transfersumme für uns ein bedeutendes Investment, das wir nicht nur als Wette getätigt haben, sondern weil der Transfer für uns sportlich maximal wichtig ist.

Lukas Berg über Rav van den Berg

Rav van den Berg gehörte zu jenen Transfers, die Sie von vornherein machen wollten. Ist diese Verpflichtung eine Wette auf die Zukunft? Auch, weil der Spieler offen sagt, dass er irgendwann in die Premier League wechseln will?

„Ein Transfer in einer solchen Größenordnung haben wir beim FC länger nicht gemacht. Auch wenn man sagen muss, bei den Summen, die in diesem Sommer bewegt wurden, fällt dieser Transfer fast schon verschwindend gering aus. (lacht) Aber natürlich ist die Transfersumme für uns ein bedeutendes Investment, das wir nicht nur als Wette getätigt haben, sondern weil der Transfer für uns sportlich maximal wichtig ist.“

Inwiefern?

„Wir hatten uns vorgenommen, uns in der Innenverteidigung deutlich zu verstärken. Rav kommt unserem gesuchten Profil sehr nahe, und solche Spieler haben auf dem Markt ihren Preis. Dazu mussten wir dann auch bereit sein. Er hat gegen Freiburg gezeigt, warum er uns helfen kann. Und natürlich bringt er auch das Potenzial mit, seinen Wert über die Jahre noch zu steigern.“

„War ein zentraler Fokus unserer Kaderplanung“

Auf der anderen Seite mussten Sie einigen Spielern mitteilen, dass sie keine Rolle mehr spielen, obwohl sie noch zum Aufstieg beigetragen hatten. Zum Beispiel Dominique Heintz und Leart Pacarada. Wie verlief der Austausch?

„Das waren die schwierigsten aller Gespräche. Wir mussten für unsere neue Spielausrichtung klare Profile erstellen und dann entscheiden, wer uns weiterhilft und für wen es schwerer werden könnte. Leart hat sich daraufhin entschieden zu wechseln. Heintzi identifiziert sich in vollem Maße mit dem FC und mit seiner Rolle im Team, weshalb er weiter mit dabei ist. Natürlich geht kein Spieler aus so einem Gespräch und klatscht in die Hände, aber alle sind professionell genug, das einordnen zu können.“

Weil die Bundesliga noch mal etwas anderes ist als die 2. Liga.

„Das sieht man jedes Wochenende. Der Qualitätssprung ist riesig. Es ist noch intensiver, noch dynamischer, noch physischer. Das war ein zentraler Fokus unserer Kaderplanung, damit wir vom ersten Tag an dafür bereit sind.“

Der zweite Teil des Interviews mit Lukas Berg erscheint am Sonntag beim GEISSBLOG:

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