Lukas Kwasniok steht im Mittelpunkt der Krise des 1. FC Köln. Der Abstiegskampf ist Realität, die Bilanz der letzten Monate verheerend. Wie soll es nun bei den Geißböcken weitergehen?
Ein Pro & Contra von Alexander Haubrichs und Marc L. Merten
Am Freitagabend wirkte Lukas Kwasniok erstmals sichtlich mitgenommen. Die Niederlage beim FC Augsburg war ein Tiefschlag für den Trainer des 1. FC Köln. Am Tag danach lief dann auch noch auf den anderen Plätzen alles gegen seine Mannschaft. Seitdem herrscht Alarmstufe Rot am Geißbockheim, und dem Trainer gehen nach nach zehn Punkten aus 15 Spielen (zwei Siege, vier Unentschieden, neun Niederlagen) langsam die Argumente aus.
Es wird eng für den 44-Jährigen auf der Kölner Trainerbank, die Zahl seiner Kritiker wächst. Die nächsten drei Gegner vor der Länderspielpause heißen Dortmund, HSV und Gladbach. Und spätestens danach wird klar sein, ob Kwasniok noch eine Zukunft in Köln hat. Was spricht dafür, was dagegen, dass er weiterhin der Richtige ist? Ein Pro von Marc und ein Contra von Alexander.
PRO: Kwasniok soll für Perspektive stehen
Fußballidee: Der FC wollte endlich wieder einen Trainer in Köln sehen, der intensiven, aggressiven und offensiv orientierten Fußball spielen lässt. Ohne Wenn und Aber ist Kwasniok dies und wird dafür weiter intern sehr geschätzt. Der 44-Jährige verfügt über einen hohen Fußball-Sachverstand und vertritt eine Spielidee, die im Bestfall weitaus attraktiver ist als die seiner Vorgänger. Das Problem, an dem er nichts ändern kann: Als Aufsteiger verfügt der FC noch nicht über einen Kader, um diese Idee immer umzusetzen. Schon gar nicht bei so vielen Verletzten.
Leidenschaft: Was auch immer Kwasniok seinen Spieler in der Kabine erzählt – die Mannschaft gibt stets über die komplette Distanz Gas. Der FC gehört zu den laufstärksten Teams der Liga (Rang drei) und versucht über das Läuferische ins Spielerische zu kommen, um die offensive Spielidee umzusetzen. Als Aufsteiger ein Beleg dafür: Der FC gibt die 8.-meisten Torschüsse ab und erzielt die 9.-meisten Tore der Liga. Das ist keine Bilanz eines Absteigers.
Augenhöhe: Der FC hat im Tabellenkeller das mit Abstand beste Torverhältnis (-8). Das liegt daran, dass der FC in dieser Saison einzig in zwei von 24 Spielen – in Gladbach und in Augsburg – die nötigen Grundtugenden vermissen ließ. In allen anderen Spielen aber war der FC fast immer auf Augenhöhe, war auch im Fall von Niederlagen nah dran an Punkten, verlor häufig nur knapp. Die Mannschaft gab sich nie auf – und hat somit diesen Extrapunkt über das Torverhältnis aktuell auf Kölner Seite.
Nachwuchs: Zu Saisonbeginn gab es noch keine Chance für Talente aus dem hervorragenden FC-Nachwuchs, doch das hat sich inzwischen geändert. Schenten, Niang, Neumann, Mausehund, Fürst – sie stehen für die Jugendarbeit beim FC. Dazu hat Kwasniok, bei aller Kritik an seinem Umgang mit Said El Mala, aus diesem in kürzester Zeit ein Juwel geformt. Hinzu kommen blutjunge Spieler wie Simpson-Pusey, van den Berg oder nun Chavez. Beim FC wird auch unter Kwasniok auf junge Spieler gesetzt.
Fazit: Kwasniok wurde ausgewählt, weil er für einen Trainertypus steht, der gut zum FC passt. Rein sportlich hat er dies in einigen Bereichen schon unter Beweis gestellt. Der 44-Jährige hat seine Schwächen, hat aber in Paderborn bereits gezeigt, dass er eine Mannschaft entwickeln kann, wenn man ihm die Zeit gibt. Klar ist aber auch: Kwasniok muss jetzt liefern. Ein Abstieg ist keine Option. Deswegen sind die Duelle gegen Dortmund, Hamburg und Gladbach richtungsweisend. (mlm)
CONTRA: Kwasniok wird zum Ballast im freien Fall
Ergebniskrise: Zehn Punkte aus 15 Spielen – die Tendenz beim FC deutet schnurgerade auf einen Abstieg hin. „Wir laufen den Punkten hinterher“, gesteht Kwasniok. Zwar gelangen dem FC ordentliche Leistungen gegen Favoriten wie Leipzig oder Stuttgart, aber nur gegen Hoffenheim holte man einen Zähler gegen ein Topteam – doch der ist durch die Pleite in Augsburg und die Siege der Konkurrenz nahezu wertlos. Ohne die Siege gegen Mainz und Wolfsburg, bei denen je eine gute Halbzeit zum Sieg reichte, wäre Kwasniok nicht mehr im Amt.
Verletzungsserie: Die vielen Muskelverletzungen werfen Fragen auf. War es Pech? Falscher Ehrgeiz der Spieler? Oder des Trainers? „Sie hatten zuletzt gut gespielt, da will man sie auf dem Platz haben“, sagte Kwasniok, nachdem sich Castro-Montes und Simpson-Pusey mit Faserrissen abgemeldet hatten. Das klang, als hätte man gezockt – und verloren. Vor Augsburg beschloss man Maßnahmen zur klügeren Belastungssteuerung, etwa die zeitlich begrenzten Einsätze von Said El Mala und Jahmai Simpson-Pusey. Trotzdem fehlen mehrere Stützen in den vorentscheidenden Wochen – kommt die Einsicht zu spät?
Aufstellungs-Roulette: Die ständigen Wechsel in Personal und Taktik waren zwar immer wieder den Verletzungen geschuldet, in ihrem großen Umfang aber auch immer wieder Grund für Diskussionen. Insbesondere die Wechsel, die sich nicht einmal auf den zweiten Blick erschließen, wie das Auswechseln aller Innenverteidiger gegen Stuttgart. Das offensichtlichste Negativbeispiel aber ist die ständige Rochade von Ideengeber Kaminski: Der beste Kölner Offensivspieler wird immer wieder auf anderen Positionen verschenkt. Kaminski gehört mit El Mala nach vorne. Ohne sie fehlen Ache die Zulieferer.
Schrei nach Fan-Liebe: In der vergangenen Woche leistete Lukas Kwasniok glaubhaft Abbitte für seinen Ausrutscher im Anschluss an das Spiel gegen Hoffenheim. Dabei warb er auch um die Unterstützung der Südkurve. Kwasniok ist auch wegen der Stimmung nach Köln gekommen, von seinem Selbstverständnis ist er ein Mann aus der Kurve. Nur: Genau diese Kurve sieht den 44-Jährigen seit dem ersten Tag kritisch, vor allem wegen dessen Auftreten abseits des Platzes. Der Schrei nach Fan-Liebe blieb daher bislang unerfüllt und wird es auch zumindest was die aktive Fanszene angeht auch bleiben. Noch wird dieser Graben nicht zum Problem, da die Ultras die Mannschaft vorbehaltlos unterstützen. Doch das könnte sich ändern.
Fazit: Leidenschaft allein reicht einfach nicht. Lukas Kwasniok hat Thomas Kessler den Gefallen getan und das Spiel in Dortmund beinahe in Eigenregie zum Endspiel ausgerufen. Allerdings bekommt er wohl auch die beiden direkten Duelle in Hamburg und gegen Mönchengladbach, um die Wende zu schaffen. Auch wenn es sich am Ende als fatal herausstellen könnte, wenn man die verstreichen lässt. Dann würde die Personalien Lukas Kwasniok zum zusätzlichen Ballast im freien Fall Richtung Tabellenkeller. (ach)








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