Beim 1. FC Köln lernte Marcel Hartel das Fußballspielen. Inzwischen schießt er Traumtore in der MLS für St. Louis City. Doch er plant schon seine Rückkehr ins Rheinland.
Mit seinem Traumtor für St. Louis gegen New England Revolution dürfte Marcel Hartel auch in Deutschland ein heißer Anwärter auf das Tor des Monats März sein. „Aber an Ragnar Ache dürfte beim Tor des Jahres kaum ein Weg vorbeiführen“, sagt das Eigengewächs des 1. FC Köln.
Natürlich verfolgt Hartel noch die Fußball-Bundesliga – und der gebürtige Kölner scheint auch offen zu sein für Gespräche in diesem Sommer. Vor allem einer hätte leichtes Spiel: FC-Sportchef Thomas Kessler. Einen Anruf seines ehemaligen Teamkameraden „würde ich mit einem Lächeln entgegennehmen“, sagt Hartel, der für die Zeit nach der Karriere im Rheinland ein Heim für seine Familie baut. Bis 2028 läuft der US-Vertrag des inzwischen 30-jährigen Profis. Das GEISSBLOG-Interview mit dem Kreativspieler von St. Louis City.
GEISSBLOG: Marcel Hartel, mit Ihrem sensationellen Volley-Tor gegen New England haben Sie sich so richtig in Erinnerung gerufen. Seit zwei Jahren sind Sie nun in den USA. Wenn Sie noch mal zurückblicken: Wie war das für Sie? Warum haben Sie 2024 den Schritt in die MLS gemacht?
MARCEL HARTEL: „Es gab eigentlich zwei große Punkte. Zum einen lief die Saison bei St. Pauli für mich sehr gut, und es kamen viele Interessenten aus Deutschland und international dazu. Meine Frau und ich haben uns dann zusammengesetzt und überlegt, was wir wollen. Wir sind in einem guten Alter, ich war 28, unsere Tochter war gerade frisch geboren – und da haben wir gesagt: Wenn wir nochmal ins Ausland gehen wollen, dann ist jetzt der perfekte Zeitpunkt. Unsere Kleine war in einem Alter, in dem wir sagen konnten, dass wir spätestens zur Einschulung wieder in Deutschland sein können. Dazu kam dann das Interesse aus St. Louis.“
„Das ist ja kein Geheimnis, so ehrlich muss man sein“
Warum dann die USA und die MLS?
„Der Gedanke, dass unsere Tochter dort Englisch lernt, war natürlich auch spannend. Mittlerweile spricht sie gefühlt schon besser Englisch als ich nach den zwei Jahren. Es ist total schön zu sehen, wie sie sich entwickelt und wie sie den Unterschied erkennt: Sobald sie mit einer Freundin aus Amerika spielt, spricht sie sofort Englisch. Sobald sie nach Hause kommt, spricht sie Deutsch. Das ist eine ganz besondere Qualität. Der zweite große Punkt ist natürlich das Geld. Das ist ja kein Geheimnis, so ehrlich muss man sein. Ein Vierjahresvertrag gibt dir einfach Sicherheit. Danach bin ich 32, man weiß nie, ob man Verletzungen verschont bleibt und was dann ist.“
Mittlerweile ist Maliah nicht mehr alleine…
„Ja, sie hat eine Schwester bekommen. Meine zweite Tochter ist Anfang März geboren, also jetzt fast einen Monat alt. Sie heißt Livia.“
In den Staaten geboren, das ist natürlich von Vorteil, wenn sie später mal in den USA arbeiten oder studieren will.
„Ja, das ist überhaupt kein Problem. Und was natürlich auch schön ist: Ihre Schwester auch, denn sie könnte für sie bürgen.“
Wie ist St. Louis als Stadt?
„Die USA sind natürlich riesig, und St. Louis ist jetzt keine spektakuläre Stadt. Aber es ist eine sehr familiäre Stadt. Als Familie kannst du hier einiges machen und wirklich gute Sachen erleben. Wenn du allerdings Single bist, ist es hier wahrscheinlich eher schwierig. Dafür liegt vieles gut erreichbar. Kansas City ist zum Beispiel nicht weit, Chicago ist etwa vier Stunden mit dem Auto entfernt oder nur rund 50 Minuten Flugzeit. Das ist dann natürlich schon eine richtig tolle Stadt.“
Hartel will erstmals die Playoffs erreichen
Welche sportlichen Ziele haben Sie diese Saison?
„Unser oberstes Ziel ist ganz klar, die Playoffs zu erreichen. Wir hatten zuletzt ein sehr intensives Programm, das soll keine Ausrede sein, aber es war schon fordernd. Wir haben im Sommer einen neuen Trainer bekommen: Yoann Damet, der ehemalige Co-Trainer von Columbus Crew. Er macht wirklich sehr gute Arbeit. Wie er trainiert, wie er taktisch mit und gegen den Ball arbeitet, ist schon sehr stark. Vom Prinzip her haben wir eine richtig gute Mannschaft. Dass wir in den letzten zwei Jahren die Playoffs nicht erreicht haben, ist eigentlich schon fast ein Skandal. Das wollen wir diese Saison unbedingt wiedergutmachen.“
Wie sehen Sie inzwischen das Niveau in der MLS?
„Das ist ein Thema, über das ich oft spreche – auch mit Freunden und Familie in Deutschland. Der Ruf der MLS ist in Europa ja oft nicht besonders gut, ich habe ja selbst damals gedacht: Da gehst du hin und kickst ein bisschen mit. Aber ich kann wirklich mit reinem Gewissen sagen: Die Qualität hier ist deutlich besser, als man in Deutschland denkt. Natürlich gibt es Mannschaften, die vielleicht Mittelfeld 2. Bundesliga wären. Aber es gibt auch einige Teams, die locker Bundesliga-Mittelfeld spielen könnten.“
Wen würden Sie da nennen?
„LAFC ist für mich ein Team, das in Deutschland wahrscheinlich um internationale Plätze mitspielen könnte. Inter Miami hat auch abgesehen von Messi eine starke Mannschaft. Seattle und San Diego sind ebenfalls extrem starke Teams, die für mich Bundesliga-Qualität haben.“
„An Ragnar Ache führt wohl kein Weg vorbei“
War Ihnen damals bewusst, dass Sie mit dem Wechsel ein Stück weit aus dem Fokus in Deutschland geraten?
„Ja, das war mir natürlich klar. Wenn du auf die andere Seite des Atlantiks gehst, ist klar, dass der Fokus in Deutschland etwas verloren geht. Ich glaube aber, dass durch Spieler wie Müller oder Reus, die jetzt auch hier sind, die MLS in Deutschland wieder mehr verfolgt wird. Und so ein Tor wie gegen New England hilft es, dass man sich bei dem ein oder anderen wieder in Erinnerung ruft. Das hat bestimmt Tor-des-Monats-Qualität – wobei an Ragnar Ache für das Tor des Jahres wohl kein Weg vorbeiführt.“
Wenn jetzt ein Verein aus Deutschland anfragen würde – würden Sie ins Grübeln kommen?
„Ja, definitiv. Wenn wirklich ernsthaftes Interesse aus Deutschland käme, würde ich mir das auf jeden Fall überlegen. Die zwei Jahre hier in Amerika waren wunderschön und die Erfahrungen sehr wertvoll. Aber bei einem konkreten Angebot würde ich definitiv nachdenken.“
Spielt die politische Situation in den USA irgendeine Rolle?
„Eigentlich nicht. Wenn man von außen draufschaut, wirkt das vielleicht anders. Aber wenn du hier im Land bist, bekommt man vieles gar nicht so extrem mit – zumindest ich hier in St. Louis nicht. Ich schaue auch hauptsächlich deutsches Fernsehen, vielleicht liegt es auch daran.“
Sie basteln schon konkret an der Rückkehr – zumindest sollen Sie vor den Toren Kölns bereits die Zukunft planen.
„Ja, das stimmt tatsächlich. Ich habe im Linksrheinischen ein Grundstück gekauft, und wir planen gerade unser Eigenheim. Das ist eine sehr schöne Gegend, und für uns passt das perfekt, weil auch die Familie meiner Frau ganz in der Nähe in Pulheim wohnt.“
Rückkehr zum 1. FC Köln denkbar? „Absolut!“
Das ist das Geißbockheim ja nicht weit weg…
„Wenn Sie mich damit fragen wollen, ob ich mir eine Rückkehr zum 1. FC Köln vorstellen könnte, dann: absolut. Der FC wird immer ganz weit oben in meinem Herzen sein. Ich habe dort 15 Jahre meines Lebens verbracht und acht Profispiele gemacht. Das ist meine fußballerische Heimat. Wenn der FC wirklich ernst machen würde, wäre das für mich eine Herzensangelegenheit, es würde meinen fußballerischen Lebensweg abrunden. Sollte der Verein sagen, dass sie mich haben wollen und ich helfen kann, dann wäre das eine wunderschöne Geschichte – vielleicht sogar, um dort irgendwann meine Karriere zu beenden.“
Also wenn Thomas Kessler anruft, legen Sie nicht auf?
„Definitiv nicht. Als ich in den Profikader damals kam, war Kess ja auch schon dort. Wenn er anruft, würde ich mir alles mit einem Lächeln im Gesicht anhören. Und wenn sie meine Frau fragen: Die würde wahrscheinlich während des Gesprächs die Koffer packen (lacht).“
Wie geht es bei Ihnen in den nächsten Wochen weiter?
„Wir haben gerade eine Länderspielpause, das nennt sich hier „Bye Week“. Danach geht es direkt wieder mit einem straffen Programm weiter: auswärts in New York, dann Dallas und anschließend Seattle. Gerade Seattle ist mit vier Stunden Flug und Zeitverschiebung schon ein Brett. Zum Glück fliegen wir bei Auswärtsspielen mit dem Privatjet, das macht es etwas angenehmer.“
Dann viel Erfolg und vielleicht sieht man sich ja bald wieder am Geißbockheim.
„Das würde mich freuen.“






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