Ungleiches Duell mit der Nachbar Bayer: Der FC vor seltener Gelegenheit

Patrick Schick jubelt, dahinter ist Maina verzweifelt.
Patrick Schick jubelt, dahinter ist Maina verzweifelt. Foto: imago/Jan Huebner

Die Fans gehen optimistisch in die 75. Auflage des ungleichen Nachbarschaftsduells zwischen dem 1. FC Köln gegen Bayer Leverkusen. Es wird Zeit für ein Ende der Negativserie. Wie schwer das wird, zeigt der Blick zurück.

Der 1. FC Köln ist zu Hause noch ungeschlagen, Bayer Leverkusen kommt mit drei Niederlagen aus vier Spielen. Die aktuellen Vorzeichen für das Nachbarschaftsduell am Sonntag (15.30 Uhr) sprechen also durchaus für die Geißböcke. Ganz anders die Geschichte: Seit dreieinhalb Jahren hat der FC nicht mehr gegen Bayer gewonnen. Und in den vergangenen vier Jahrzehnten hat sich das Kräfteverhältnis am Rhein komplett umgedreht.

Selten hatte der 1. FC Köln vor einem Duell mit Leverkusen so viele Argumente auf seiner Seite. In Müngersdorf hat die Mannschaft von René Wagner in dieser Bundesliga-Saison noch nicht verloren, im Pokal fegte sie Union Berlin mit 5:0 vom Platz. Bayer dagegen wankt: Nach den Liga-Pleiten in Hoffenheim und gegen Stuttgart folgte am Donnerstag das 0:1 gegen Olympique Marseille, die erste Niederlage in der Europa League.

Die Fans forderten danach per Banner den Derbysieg. Die Werkself reist mit Druck nach Köln. Der FC hat mit Rückkehrer Ragnar Ache und Malek El Mala offensives Potenzial auf der Bank und hat Selbstvertrauen. Die Gelegenheit scheint günstig. Doch wer auf die jüngere Vergangenheit blickt, wird vorsichtig.

Fünf Niederlagen, eine schmerzhafter als die andere

Der letzte Kölner Sieg datiert vom 5. Mai 2023. Davie Selke schoss den FC damals mit einem Doppelpack zum 2:1 in der BayArena und beendete nebenbei eine Serie von 14 ungeschlagenen Spielen der Leverkusener unter Xabi Alonso. Seitdem gab es fünf Pflichtspiele, und der FC hat alle fünf verloren.

Auf das 0:3 im Oktober 2023 folgte im März 2024 ein 0:2 in Müngersdorf, nach dem frühen Platzverweis gegen Jan Thielmann. Im Februar 2025 war der FC als Zweitligist im Pokal-Viertelfinale zwei Minuten von der Sensation entfernt und verlor in der Verlängerung 2:3. Im Dezember 2025 setzte es ein klares 0:2 in Leverkusen. Und im April dieses Jahres folgte die vielleicht bitterste Niederlage: Der FC spielte Bayer phasenweise an die Wand, vergab Chance um Chance und verlor mit 1:2, weil Patrik Schick zweimal eiskalt war.

In der Bundesliga lautet die Bilanz nach 74 Duellen: 18 Siege, 25 Remis und 31 Niederlagen aus Kölner Sicht. Das war nicht immer so.

Als Leverkusen noch der kleine Nachbar des FC war

Als Bayer 1979 erstmals in die Bundesliga aufstieg, war der FC eine Größe des deutschen Fußballs. Der Club hatte drei Meisterschaften und drei Pokalsiege gesammelt, erst im Jahr zuvor das Double geholt und im Europapokal der Landesmeister das Halbfinale erreicht. 

Dabei hatte die Werkself den FC schon einmal geärgert: In der alten Oberliga West galt Bayer als Kölner Angstgegner. In der Bundesliga aber war davon zunächst nichts zu spüren. Das erste Duell im September 1979 endete 1:1, das Rückspiel gewann der FC 4:0. Erst im neunten Anlauf, im Dezember 1983, feierte Bayer den ersten Bundesliga-Sieg gegen Köln. Bis in die 90er-Jahre kamen nur zwei weitere dazu.

1. FC Köln vs. Bayer 04: Die Wachablösung

Dass sich die Verhältnisse verschoben, zeichnete sich Ende der 80er ab. 1988 holte Leverkusen mit dem UEFA-Cup den ersten großen Titel der Vereinsgeschichte, 1993 folgte der DFB-Pokal. Der FC wurde unter Christoph Daum zwar noch zweimal Vizemeister, dann aber begann der langsame Niedergang.

Symbolischer hätte der Wendepunkt kaum ausfallen können. Am letzten Spieltag der Saison 1997/98 brauchte der FC gegen Leverkusen ein kleines Wunder, um den ersten Abstieg der Vereinsgeschichte zu verhindern. Die Geißböcke führten 2:0. Als die erhoffte Schützenhilfe aus Wolfsburg ausblieb, glich Bayer noch aus. Einer der Torschützen war ausgerechnet Dirk Lottner, der später als Kapitän zur Kölner Legende wurde. Der FC war zum ersten Mal zweitklassig, Leverkusen spielte in der Champions League.

Was folgte, waren Jahre, in denen der FC zwischen Bundesliga und 2. Liga pendelte, während Bayer sich in der Spitze festsetzte. Zwischen 1997 und 2010 blieb Leverkusen 16 Duelle in Folge ungeschlagen. Endgültig deutlich wurde die neue Ordnung, als 2020 ausgerechnet das größte Kölner Nachwuchstalent zum Nachbarn wechselte: Florian Wirtz. Bayer-Geschäftsführer Fernando Carro stichelte damals, manche Gegner wüssten gar nicht, dass in Köln Fußball gespielt wird. Lukas Podolski konterte auf seine Art: „Viel warme Luft unterm Bayer-Kreuz!“

Vizekusen und der Kölner Trost

Einen Trumpf aber hatten die Kölner über Jahrzehnte: Leverkusen hatte nie die Meisterschale gewonnen. Fünfmal wurde Bayer Vizemeister, 2002 verpasste die Mannschaft sogar Meisterschaft, Pokal und Champions League auf den letzten Metern. Aus „Vizekusen“ wurde ein bundesweiter Running Gag, und in Müngersdorf hallte es über Jahrzehnte von den Rängen: „Ihr werdet nie Deutscher Meister!“

Der FC trug sein Scherflein dazu bei. Am vorletzten Spieltag 1997 schoss Toni Polster Bayer mit drei Toren beim 4:0 aus dem Titelrennen. 2011 war es Milivoje Novakovic, der beim 2:0 die letzten Leverkusener Meisterhoffnungen beendete. Solche Siege waren für die Kölner Fans fast so viel wert wie eigene Erfolge.

FC vs. Bayer 04: Der Makel der Werkself ist weg

Dann kam die Saison 2023/24, die in Köln bis heute schmerzt. Während der FC zum siebten Mal abstieg, wurde Leverkusen unter Xabi Alonso ungeschlagen Meister und holte das Double. Kurz vor dem Titel stimmten die FC-Fans ihren alten Gesang noch ein letztes Mal an, dann war das Kapitel „Vizekusen“ beendet. Der Nachbar hatte das Letzte abgestreift, worüber man sich in Köln noch erheben konnte.

Vielleicht erklärt das auch den Streit um den Begriff. Für Leverkusen ist der FC der Derbygegner schlechthin: die große Stadt nebenan, der Traditionsclub mit über 150.000 Mitgliedern. In Köln dagegen spricht man vom „Nachbarschaftsduell“, so wie es auch Jonas Hector immer gehalten hat. Das Derby hat der FC mit Gladbach. Kurz gesagt: Köln hat Gladbach, Leverkusen hat Köln.

1. FC Köln vs. Bayer 04: Sonntag zählt nur die Gegenwart

Am Sonntag (15.30 Uhr) spielt all das zunächst keine Rolle. Bayer kommt verunsichert, der FC kommt mit Heimstärke und einem Rückkehrer namens Ragnar Ache. Ein besserer Zeitpunkt, die Serie zu beenden, wird sich so schnell nicht ergeben.

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