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Kann der Effzeh zu einem Miteinander zurückfinden?

Der 1. FC Köln steht vor einer richtungsweisenden Mitgliederversammlung. Im besten Fall wird die Aussprache zwischen den Verantwortlichen und Mitgliedern den Klub wieder näher zueinander bringen. Die Vorfälle der letzten Wochen und Monate lassen aber anderes befürchten. Können alle Beteiligten wieder auf eine konstruktive Gesprächsebene zurückfinden?

Ein Leitartikel von Marc L. Merten

Wenige Stunden sind es noch, dann treffen über 5000 Mitglieder des 1. FC Köln auf die Vereinsverantwortlichen. Die Mitgliederversammlung wird viele Stunden lang dauern. Es werden viele Reden geschwungen werden, es wird Aussprachen geben, Wahlen und Anträge. Der FC hat einiges aufzuarbeiten. Neben der Wahl des Mitgliederrates wird der Abstieg und die daraus resultierende sportliche und wirtschaftliche Situation der Profi-Abteilung im Mittelpunkt stehen. Und damit einher gehend die Frage nach der Verantwortung für das kolossale Scheitern in der letzten Spielzeit.

Es dürfte emotional zugehen, was in sich kein Problem wäre. Es dürfte aber auch hitzig zugehen, und an diesem Punkt könnte sich auch entscheiden, in welche Richtung sich der Klub in den nächsten Monaten und vielleicht sogar Jahren entwickeln wird. Denn beim 1. FC Köln und in seinem Umfeld ist etwas kaputt gegangen. Es fehlt eine gesunde Streitkultur, die der Klub, seine Gremien, seine Mitglieder, seine Fans und die den Klub begleitenden Medien eigentlich so dringend bräuchten. Keine Streitkultur basierend auf Rechthaberei, Intrigen, Beschimpfungen und Verschwörungen, sondern offene Diskussionen basierend auf sachlichen Argumenten, auf gegenseitigem Zuhören und Ausreden lassen, basierend darauf, unterschiedliche Meinungen zuzulassen, anstatt sie zu verdammen.

Bedrohung und Abschottung statt „Mer sin eins“

In der Sache streiten, aber menschlich fair bleiben – das haben viele Beteiligte in den letzten Monaten, Wochen und vor allem Tagen nicht mehr geschafft. Die Ultras gegen den Vorstand, der Verein gegen Störer im und ums Stadion, die Gremien des Klubs untereinander, öffentlich ausgetragene Streitigkeiten, aber auch schon deutlich früher über Monate hinweg das anonyme Streuen von Informationen, Vertragsdetails, Abfindungshöhen, Kabineninterna und persönlichen Animositäten. Dies führte zu einem Gefühl, dass sich Gremienmitglieder vom Vorstand über den Gemeinsamen Ausschuss bis zum Mitgliederrat genauso wie Ultras von fast allen Seiten bedroht fühlten.

Am Mittwochabend bei der Mitgliederversammlung geht es also nicht nur um Wahlen, um Abstimmungen, Satzungsentscheidungen und um die Entlastung der Gremien. Es geht auch um die Rückkehr zum richtigen Ton. Es geht darum, Kritik nicht als Misstrauen zu werten, Kritiker nicht als Gegner, aber auch Führungspersonen nicht als Zielscheiben für persönliche Beleidigungen anzusehen, weil sie diese angeblich in ihren Führungspositionen aushalten müssten. Zuletzt war ein Phänomen immer häufiger zu beobachten gewesen, wenn aus einer Ringecke Kritik in Richtung einer anderen Ringecke geäußert wurde. Wie ein Boxer nahm die andere Seite den verbalen Schlag als böswillige Beleidigung auf und konterte mit einem Tiefschlag, argumentierend, die andere Seite hätte sich der gleichen Methode bedient.

Auch wir haben Fehler gemacht

Aber nicht nur auf Führungsebene lagen Verantwortliche überkreuz, auch Mitglieder und Fans. Insbesondere in den sozialen Netzwerken und einschlägigen Foren tobte ein Kampf der verschiedenen Strömungen. Auch die Medien gerieten dabei in die Schusslinie. Einerseits, weil der Vorwurf der jeweils kritisierten Seite erhoben wurde, Journalisten würden sich als Spielball von Interessen mit einer Seite gemein machen. Andererseits, weil offensichtliche Fehler gemacht wurden. Wenn wir nun von diesen Fehlern sprechen, können wir nur für den GEISSBLOG.KOELN sprechen. Wir haben uns nie einer Sache gemein gemacht, aber uns sind Fehler unterlaufen, die gerade in dieser hektischen Zeit vor der Mitgliederversammlung nicht nötig gewesen wären. Dafür stehen wir in der Verantwortung. Dafür ist es aber in keinem Moment akzeptabel, beschimpft, bespuckt oder körperlich attackiert zu werden. Traurigerweise scheint diese Art des Umgangs aber auch zu jener Verrohung zu gehören, die Teil der Debatte rund um den 1. FC Köln geworden ist.

Als wir in der vergangenen Woche mit Markus Anfang über die bevorstehende Mitgliederversammlung sprachen, äußerte er sich aus seiner Sicht als Trainer und gebürtiger Kölner. „Es ist wichtig, dass du als Verein für etwas stehst. Wir sind ein leidenschaftlicher Verein, wir brauchen aber auch Seriosität und Kontinuität. Das ist wichtig. Vereine, die ihre Situation bei aller Leidenschaft sachlich und ruhig analysieren, fahren in der Regel besser. Und ich bin mir sicher, dass wir das hinbekommen.“ Worte, die als Leitlinie für den Mittwochabend in Deutz gelten sollten. Für alle, die dorthin kommen werden, aber auch für alle, die im Umfeld der Mitgliederversammlung die Diskussionen mit begleiten wollen.

1 Antwort
  1. Karl Heinz Lenz says:

    Amen! Das ist eine schöne Predigt, Herr Merten. Alle sind irgendwie Schuld! Möge doch allseitig Vernunft und Anstand einkehren! Dann könnte alles wieder gut werden!

    Die Wirklichkeit sieht doch viel konkreter aus: Der FC hat seit Jahren ein massives Gewaltproblem, und zwar aus Teilen der eigenen Fanszene. Spinner, Schumacher und Rittersbach werden immer wieder auf das übelste beschimpft. Ganz offen wird ihnen Pest und Tod an den Hals gewünscht. Eine Gruppe von Laien inszeniert einen Integrantenstadl gegen Vorstand und Geschäftsführer, um dann den Verein zu übernehmen! All diese negativen Dinge kommentieren die Kölner Medien, einschließlich Geissblog mit sanften, verständnisvollen Worten oder sogar gar nicht, während das Wort eines der Geschäftsführer über den „Mann mit dem Doppelnamen“ Empörung, Abscheu und Entsetzen hervorruft.

    Insofern haben sie recht: Die Medien sind Teil dieser negativen Struktur.

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