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Der Heldenstatus bröckelt: Timo Horn in der Kritik


Es war ein missratenes Jubiläum für Timo Horn: Der Torwart des 1. FC Köln hat am Freitagabend beim FSV Mainz 05 sein 250. Pflichtspiel für die Rheinländer absolviert. Beim 1:3 (1:1) sah der FC-Keeper jedoch am Ende nicht gut aus. Die Verantwortlichen am Geißbockheim lassen auf den Torhüter nichts kommen. Bei den Fans sieht das längst anders aus.

Mainz/Köln – Er hätte der Mann des Tages für den 1. FC Köln werden können. Mit einem starken Reflex lenkte Timo Horn beim Stand von 1:0 für die Geissböcke einen abgefälschten Schuss von Jean-Paul Boetius gerade noch über die Latte. Beim Stand von 1:2 parierte er im Eins gegen Eins gegen Karim Onisiwo und hielt sein Team im Spiel. Doch am Ende hagelte es wieder Kritik für den FC-Keeper. Den Kunstschuss von Robin Quaison zum 1:2 aus über 25 Metern noch als Traumtor abgehakt, für den Horn einen exzeptionellen Tag hätte haben müssen, sah der 26-Jährige beim dritten Gegentreffer dann ganz alt aus. Einen nicht einmal voll getroffenen Schuss ins kurze Eck von Levin Öztunali ließ Horn einfach passieren.

„Der Schuss zum 1:2 war Wahnsinn, kaum berechenbar. Das dritte Tor darf aber so nicht rein, deswegen rege ich mich auch so auf“, zeigte sich Horn hinterher selbstkritisch. „Ich habe den Ball eigentlich schon sicher, hatte eine super Position und war mir sicher, dass ich ihn halte. Das sind eigentlich die Dinger, die mich auszeichnen, so wie in der Situation vorher, als ich noch parieren konnte. Dann springt er mir aber über den Fuß. Das ist Scheiße! Den kreide ich mir auf jeden Fall an. Im kurzen Eck darf ich den einfach nicht kassieren. Im Endeffekt war das Spiel dann gelaufen.“

Ich lasse mir Timo nicht zerreden

Es waren schon deshalb bemerkenswerte Worte Horns, weil sich der Torhüter in den Monaten zuvor wenig selbstkritisch gezeigt hatte. Doch der Keeper hatte wohl gespürt, dass seine Leistung zum Gegenstand von Diskussionen werden würde. So nahm er mit seiner Aussage etwas Druck vom Kessel. Sportchef Armin Veh sah ebenfalls keinen Grund, um den heißen Brei herum zu reden, und nannte Horns Leistung „unglücklich“. Trainer Achim Beierlorzer wollte Horn zudem von der Schuld beim zweiten Treffer nicht ganz freisprechen. „Das war ein Hammer, aber Timo ist ein Guter, der solche Bälle schon gehalten hat. Ob er haltbar war, weil der Ball sich weggedreht hat, muss man sich noch mal anschauen.“

Tags drauf sprang Beierlorzer seinem Torhüter aber noch einmal deutlich zur Seite. Offenbar hatte der FC-Coach mitbekommen, welche Wirkung Horns Leistung in Mainz auf die Anhänger hatte. „Ich weiß, dass es diese Diskussion unter den Fans gibt“, zitierte die Bild am Samstag den FC-Trainer. „Ich kann sie aber nicht nachvollziehen. Und bei uns im Verein gibt es diese Diskussion auch nicht. Ich lasse mir Timo nicht zerreden.“ Es war eine klare Ansage Beierlorzers für eine schwelende Torwart-Diskussion beim FC, zu der schon Veh am Freitagabend in Mainz erklärt hatte: „Ich werde die Diskussion um Timo sicher nicht anheizen.“ Beim FC hält man zu Horn, die Verantwortlichen wissen, dass sie den 26-Jährigen zu seiner alten Form zurückführen müssen, da man in den letzten Jahren die Möglichkeit verpasst hat, einen ernsthaften Konkurrenten aus den eigenen Reihen aufzubauen oder extern zu verpflichten.

Vom Fan-Liebling zu Fan-Pfiffen

Wie aber konnte es dazu kommen, dass Horn in den letzten Monaten in der Gunst der Fans deutlich gesunken ist? Der heute 26-Jährige ist durch und durch Kölner und Geißbock, begann seine Laufbahn 2002 in der C-Jugend des Effzeh. Seitdem spielt Horn für seinen Klub. Lange Zeit galt er als legitimer Kandidat für die deutsche Nationalmannschaft, viele Experten sahen ihn auf dem besten Wege zum DFB, nicht zuletzt nach dem Gewinn der Silbermedaille bei Olympia 2016 in Rio de Janeiro.

Zufällig oder nicht zufällig begann just nach Olympia für Horn ein neues Kapitel in seiner Karriere. Erst verletzte er sich im Herbst 2016 schwer und fiel monatelang aus. Dann qualifizierte sich der FC für die Europa League. Doch statt daraufhin endgültig durchzustarten und sich auch international auf hohem Niveau zu beweisen, stürzte nicht nur der FC, sondern auch Horn ab. Der Keeper ging nicht fit genug in die Saison 2017/18, leistete sich deutlich mehr Fehler als früher, rutschte mit seinem Team in eine tiefe Krise. Sein langjähriger Torwarttrainer Alexander Bade verließ den FC, es kam Andreas Menger. Dem sportlichen Abstieg folgte die Kampfansage: Horn wollte den FC zurück in die Bundesliga führen, wollte voran gehen, fitter als zuvor, mit neuen Trainingsmethoden, neuer spielerischer Qualität, als herausragender Torhüter und Star der Zweiten Liga. Tatsächlich gelang Horn eine überzeugende Hinrunde 2018/19. Doch dann zeigte die Formkurve erneut deutlich nach unten. Der Tiefpunkt für Horn: ausgerechnet die Meisterfeier der Zweiten Liga, als er im Moment der Übergabe der Meisterschale von den eigenen Fans im RheinEnergieStadion unüberhörbare Pfiffe kassierte.

Horn hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits aus den sozialen Netzwerken zurückgezogen, hatte den Gegenwind immer stärker gespürt, der in Fankreisen gewachsen war. Die Anhänger sahen den Leistungsabfall des einstigen Lieblings der Kurve, wenngleich dabei tatsächliche Entwicklungen des Torhüters untergingen. Spielerisch verbesserte sich Horn zwischenzeitlich unter Markus Anfang deutlich, machte dann aber wieder einen Rückschritt. Horn geht inzwischen deutlich häufiger bei hohen Bällen aus seinem Tor.

Wir sind heute auch am Torwart gescheitert

Trotzdem hat Horn den Anschluss an die nationale Klasse der Top-Torhüter sichtlich verloren. Im Kampf um die Nationalmannschaft wird Horn längst nicht mehr genannt. Waren der FC und der Keeper vor dessen Verletzung im Herbst 2016 dafür bekannt, regelmäßig in der Bundesliga die Null zu halten, steht diese nun kaum mehr. Nur neun Mal in der Zweiten Liga, in dieser Saison nur gegen Paderborn, in der Abstiegssaison 17/18 nur fünf Mal. Zum Vergleich: 16/17 stand sie zehn Mal, 15/16 acht Mal, in der Saison 14/15 gar 13 Mal. In der Aufstiegssaison 2013/14 blieb Horn gar 17 Mal und damit in der Hälfte aller Spiele ohne Gegentore.

Diese Unterschiede waren freilich auch der Spielart des FC geschuldet, doch auch der Entwicklung Horns, der sich eine Aura des fehlerlosen, reflexstarken und gerade auf der Linie kaum zu überwindenden Torhüters aufgebaut hatte. Von dieser Wirkung auf gegnerische Stürmer ist inzwischen nur noch wenig übrig geblieben. Am Freitagabend machten die Torhüter jedenfalls den Unterschied aus. Robin Zentner parierte selbst die schwierigsten Bälle und musste sich nur einmal geschlagen geben. Der 24-Jährige machte keine Fehler, rettete alleine in der zweiten Hälfte mehrfach gegen Schaub, Kainz und Terodde. „Viele Klasse-Paraden“ hatte auch Beierlorzer vom Mainzer Keeper geredet. Sein Gegenüber Sandro Schwarz sprach von einer „überragenden Torhüter-Leistung“, und auch Horn selbst sagte: „Wir sind heute auch am Torwart gescheitert.“ Ein Satz, den viele FC-Fans gerne einmal wieder vom Gegner hören würden.

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