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„Sieg Heil“? Der Fußball atmet nur kurz durch und macht weiter


Marco van Basten war als Fußballer ein Superstar. Abseits des Platzes hat er sich am Wochenende als TV-Experte ein Foulspiel geleistet, das nun für viel Aufregung sorgt und eigentlich Konsequenzen nach sich ziehen müsste. Doch schon sehr bald dürfte das „Sieg Heil“ van Bastens wieder vergessen sein. Wie so vieles, wenn es um den Fußball geht. Denn schnelles Vergessen gehört zum Geschäft.

Ein Kommentar von Marc L. Merten

Es gehört schon eine gehörige Portion – ja, von was eigentlich genau? – dazu, wenn ein TV-Experte vor einem vielbeachteten Fußballspiel, das im Zeichen des Kampfes gegen Rassismus steht, einem deutschen Trainer die Worte „Sieg Heil“ nachruft. So geschehen bei der Liveübertragung des Spiels zwischen Ajax Amsterdam und Heracles Almelo. Moderator Hans Kraay hatte gerade den deutschen Heracles-Trainer Frank Wormuth interviewt, als Marco van Basten aus dem TV-Studio „Sieg Heil“ ins Mikrofon blökte.

Hinterher erklärte van Basten, es nicht so gemeint zu haben, er habe einen „missratenen Witz“ gemacht und sich über die deutschen Sprachkenntnisse des Moderators lustig machen wollen. Das sei „deplatziert“ gewesen. Was an einem in diversen Ländern verbotenen Ausruf hätte witzig sein können, noch dazu in einer gesellschaftlichen Phase des zunehmenden Rechtsextremismus, verriet van Basten nicht. Auch nicht, ob ihm bewusst ist, dass er damit eine Schweigeminute konterkariert hatte, über die eigentlich hätte gesprochen werden sollen: eine Schweigeminute zu Beginn aller Spiele in den beiden höchsten Fußballligen in den Niederlanden, um ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen. Ein Zeichen, das dringend nötig ist, nicht nur in den Niederlanden, wo am Wochenende zuvor ein Spiel wegen Rassismus zwischenzeitlich unterbrochen worden war.

Fast schon wöchentlich wird inzwischen über rassistische Ausfälle von Zuschauern gegenüber Spielern berichtet. Da wäre die Botschaft, die an diesem Wochenende auf allen Videoleinwänden gezeigt wurde, wichtig gewesen: „Rassismus? Dann spielen wir nicht!“

Der Ausruf „Sieg Heil“ müsste nun eigentlich zur Entlassung van Bastens als TV-Experte führen. Das zumindest wäre der normale Weg in einer geregelten Welt, in der Menschen für ihre Taten gerade stehen müssen. Ob dies noch kommt, bleibt abzuwarten. Bislang hat der Sender Fox Sports keine Konsequenzen gezogen. Das ist freilich keine Überraschung. Erstens hat sich van Basten noch in der Halbzeitpause entschuldigt, das wird wohl reichen müssen. Zweitens, und noch viel wichtiger, wäre eine Entlassung – oder gar ein eigenes Ausscheiden durch van Basten selbst – der Verantwortung entsprechend, die ein Fußball- und TV-Star hat. Doch Verantwortung im Fußball, das ist bekanntlich so eine Sache, immerhin sitzt auf Schalke Clemens Tönnies nach dreimonatigem Zwangsurlaub inzwischen ja auch wieder im Aufsichtsrat.

War was? Nach dieser Formel balanciert sich der internationale Fußball schon seit Jahren mehr oder weniger erfolgreich von einem Skandal zum nächsten. Von Korruption über Steuerhinterziehung bis zum modernen Menschenhandel mit Kindern, von Rassismus über Antisemitismus bis hin zur offenen Kooperation der Verbände und Vereine mit Staaten, in denen Menschenrechte kategorisch mit Füßen getreten werden – warum sollte das Fußball-Business anders funktionieren als andere Wirtschaftszweige, in denen es um viele Milliarden Euro, Dollar oder Pfund geht? Nur eines scheint sicher im Fußball: Aufarbeitung geschieht in der Regel nicht.

Wie ernst meint es der DFB mit der neuen Vorgabe von Präsident Keller?

So würde es auch überraschen, wenn in naher Zukunft der Slogan „Rassismus? Dann spielen wir nicht!“ in die Tat umgesetzt werden und die Regel eingeführt würde, dass Spiele in solchen Fällen sofort abgebrochen und nicht mehr fortgesetzt würden. Bislang sind nicht einmal kurzzeitige Unterbrechungen von ein paar Minuten üblich, sondern die Ausnahme. Was die obersten Regelhüter offenbar nicht stört: Damit stehen rassistische oder antisemitische Ausfälle auf einer Stufe mit Pyrotechnik, dessen Einsatz ja auch schon mal zu kurzen Unterbrechungen führen kann, bis sich der Nebel auf dem Platz gelichtet hat. Doch der Nebel in den Köpfen vieler Menschen lichtet sich offenbar nicht, und schon gar nicht, wenn sie wissen, dass ihre menschenverachtenden Äußerungen keine ernsthaften Konsequenzen haben. „No racism“, wie die UEFA postuliert, wird da zur Farce. Hauptsache, die Spiele gehen weiter und der Rubel rollt.

Der Fußball hat eine weltweite Verantwortung, der er aber nicht ansatzweise gerecht wird. Auf keiner Ebene. Man darf gespannt sein, was sich zumindest in Deutschland mit dem neuen DFB-Präsidenten Fritz Keller ändern wird. Dieser hatte kürzlich als eine seiner ersten Amtshandlungen eine Beschlussvorlage in den DFB eingebracht, „auf deren Grundlage wir keine Auswahlmannschaften mehr zu Spielen in Ländern antreten lassen, in denen Frauen nicht gleichberechtigt und frei von Diskriminierung Zugang zu Fußballstadien oder anderen Sportstätten gewährt wird“. Was nobel klingt, wird bei der WM 2022 ihre Grenzen erfahren. Katar gehört in Kellers Augen nicht zu diesen Ländern. Dazu passt, dass der DFB auf eine Anfrage der Sportschau, in welchen Ländern künftig keine Auswahlmannschaften mehr antreten würden, nur eine ausweichende Antwort gab. Demnach werde der Verband „weiter in engem Austausch mit der FIFA, der UEFA und anderen Nationalverbänden bleiben“ und bei Pflichtspielen „diese Reisen dazu nutzen, um sich vor Ort sozial zu engagieren und für die Achtung der Menschenrechte zu sensibilisieren“, so der DFB. War was? Ist was? Nein. Die Show muss weitergehen.

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