,

Sprechchöre für FC-Trainer: Gisdol lässt Kritiker verstummen

Als der 1. FC Köln am Samstag im Berliner Olympiastadion mit 5:0 führte, ertönten „Markus Gisdol“-Sprechchöre aus dem Gästeblock. Zuletzt waren solche Bekundungen als FC-Trainer Peter Stöger vergönnt gewesen. Dass Gisdol die Fans hinter sich vereinen konnte, zeigt auch: Nach knapp drei Monaten im Amt hat der 50-Jährige vieles richtig gemacht und ist sich sowie seinen Aussagen beim Amtsantritt treu geblieben.

Köln – Wenn Markus Gisdol auf dem Rosenmontagszug im FC-Wagen mitfahren wird, dann werden ihm die Herzen vieler Zuschauer und FC-Fans zufliegen. Das hatte im November bei seinem Amtsantritt noch gänzlich anders ausgesehen. Die Skepsis, die sich gegenüber Gisdol hielt, war jedoch vor allem der Skepsis gegenüber der Sport- und Vereinsführung geschuldet. Gisdol selbst erfüllt längst das, was er versprochen hatte, hat nach einigen Wochen Anlaufzeit mit einem harten Kurs einschneidende Veränderungen vorgenommen und steht für Authentizität, Vertrauen und vor allem für Erfolg.

Die vergangenen Wochen waren auch eine Belohnung für Gisdol selbst. Als er am 19. November 2019 vorgestellt wurde, war sich der 50-Jährige der Skepsis gegenüber seiner Person durchaus bewusst gewesen. „Man nimmt es wahr und es ist legitim, dass sich die Fans äußern“, sagte Gisdol damals. „Ich kann nur sagen: Ich weiß, was mich erwartet und was ich zu leisten im Stande bin.“ Nach erfolgreichen Rettungen in Hoffenheim und Hamburg war sich der Fußballlehrer sicher, dies auch in Köln schaffen zu können, ohne Hexerei oder populistische Maßnahmen. Obwohl Gisdol zuvor 22 Monate ohne Job gewesen war, präsentierte sich der neue FC-Trainer selbstbewusst und mit einem klaren Auftrag: „Ich habe die Fähigkeit Spieler mit einfachen Hilfen schnell auf den richtigen Weg zu bringen“, sagte er damals auf der Antritts-Pressekonferenz. „Wir brauchen ein gutes Verteidigen, egal, auf welcher Höhe wir pressen. Wir brauchen einfache Mechanismen, die der Mannschaft helfen.“

Ich weiß, was meine Mannschaft gut kann und was nicht

Drei Monate später ist der 1. FC Köln nicht mehr wiederzuerkennen. Die Mannschaft ist fitter, schneller und laufstärker, aggressiver, disziplinierter, stabiler, konsequenter gegen und mit dem Ball, dazu aufgrund der Erfolgserlebnisse der letzten Wochen selbstbewusster. Während Vorgänger Achim Beierlorzer nur davon gesprochen hatte, dass es keine Alternative zum Optimismus gebe, weckte Gisdol in den Spielern die nötigen Tugenden, um jedes Bundesliga-Spiel auch mit berechtigtem Optimismus bestreiten zu können. Die FC-Profis vertrauen längst den Vorgaben ihres Coaches. Die Lobeshymnen nach dem Kantersieg in Berlin zu Gisdols Ansprache und dem taktischen Konzept für das Spiel waren ein deutliches Signal, dass die Mannschaft sich mit dem Gisdol’schen Fußball voll identifizieren kann.

Lizenzspielerleiter Frank Aehlig hatte Gisdol bei dessen Vorstellung als „stressresistent“ bezeichnet, als ruhigen Trainer, der genau wisse, was es in der Kölner Situation brauche. Und so war die – auch vom GEISSBLOG.KOELN – geäußerte Annahme, Gisdol wolle einen ähnlich offensiven Fußball spielen lassen wie Beierlorzer, falsch. Tatsächlich erkannte Gisdol schnell, dass mit dieser Mannschaft weder Angriffspressing umsetzbar sei, noch eine extrem tiefe Staffelung. „Ich weiß, was meine Mannschaft gut kann und was nicht“, sagte der inzwischen gar nicht mehr so neue FC-Trainer vor dem Spiel in Berlin. Gisdol setzt längst auf konsequentes Mittelfeldpressing, auf Überzahl im Zentrum, auf schnelle Außenbahnspieler sowie auf lauf- und zweikampfstarke Spieler im Defensivverbund. Dass darüber hinaus Jhon Cordoba seinen Torriecher aus der Zweiten Liga nun auch in der Bundesliga eindrucksvoll unter Beweis stellt und sich praktisch jeder Spieler auf dem Feld im taktischen Korsett wohlzufühlen scheint, ist nur eine weitere Bestätigung, dass das Trainerteam beim FC aktuell genau die richtigen Entscheidungen trifft.

Höger als Beispiel des Wandels

Selbst eine kleine Personalie, eigentlich eine Randnotiz, ließ am Samstag in Berlin erahnen, worauf Gisdol achtet. In der Schlussphase, es stand bereits 5:0, wechselte Köln ein drittes Mal: Ismail Jakobs ging vom Feld, für ihn kam Marco Höger. Gisdol hätte durchaus auch Jan Thielmann einwechseln können, den Youngster, der zuletzt nur noch auf der Bank saß. Es wäre ein Signal an den 17-Jährigen gewesen, dass er weiterhin nahe dran ist an der Mannschaft. Doch statt des Talents brachte der FC-Coach mit Höger einen alten Recken, der zuletzt deutlich an Boden verloren hatte. In der Kabine ist Höger jedoch noch wichtig, und so gab Gisdol einem Spieler mal wieder ein paar Minuten Spielzeit, um auch dem Klima der Mannschaft zu helfen.

Andererseits ist Höger auch eines der Beispiele, was sich unter Gisdol verändert hat. Seit dem desaströsen 0:2 bei Union Berlin, bei dem auch Höger einen rabenschwarzen Tag erwischt hatte, hatte der 30-Jährige keine einzige Minute mehr gespielt, zwischenzeitlich gar auf der Tribüne gesessen. Gisdol hat erkannt, dass der Sechser insbesondere den läuferischen Anforderungen aktuell nicht gerecht werden kann. Als der FC-Coach in der Vereins-Dokumentation 24/7 nach der Winterpause in einer Ansprache darauf verwies, dass es „keinerlei Kompromisse“ geben werde, galt dies auch jenen Spielern, die nur noch selten oder gar nicht mehr zum Einsatz kommen, seitdem Gisdol ein neues personelles Gerüst gefunden hat, mit dem der FC auf Erfolgskurs ist.

Erst Klassenerhalt, dann Umbruch

Überhaupt spricht man beim FC von der Woche nach dem Union-Spiel als Zeitpunkt der Wende. Einerseits hatte es öffentlich sichtbare Maßnahmen gegeben: die Beförderung der jüngsten Spieler in die Startelf, der interne Test gegen die U21, die Laufeinheit am freien Tag. Darüber hinaus aber gelten intern noch immer weitere, in der Öffentlichkeit nicht kommunizierte Maßnahmen als einer der Schlüssel für den Umschwung beim FC. Sicher ist: Seitdem gibt es keine Extrawürste mehr, Gisdol setzt klare Leistungskriterien an, einst verdiente Meriten zählen nicht mehr. Wer den Weg nicht mitgeht, ist nicht mehr dabei. Die Mannschaft wurde aufgerüttelt und durchgeschüttelt, etwas, wie es am Geißbockheim heißt, das Ex-Sportchef Armin Veh bereits im Sommer 2019 hätte machen müssen, in Beierlorzer aber den falschen Trainer verpflichtete, der zwar kommunikativ war, harte Entscheidungen aber scheute.

Mit diesen harten Entscheidungen hat Gisdol den FC inzwischen auf Kurs Klassenerhalt gebracht. Die Aufholjagd der vergangenen Wochen ist ein beeindruckendes Zwischenzeugnis für die geleistete Arbeit unter dem neuen Trainerteam. Diese nun zu Ende zu führen und den FC tatsächlich in der Bundesliga zu halten, wird die Aufgabe der nächsten Wochen sein. Dann können Gisdol und Sportchef Horst Heldt im Sommer jenen Umbruch im Kader vollziehen, der sich bereits jetzt andeutet. Die meisten Skeptiker hat Gisdol überzeugt. Ein perfekt gemachter Klassenerhalt wäre der nächste Schritt. Und wenn dann der Umbruch gelänge, wäre Gisdol nicht nur der richtige Trainer für die Situation, in der sich die Geissböcke im November 2019 befanden, sondern auch perspektivisch. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg.

24 Kommentare
  1. Litt Pierrebarski says:

    Ich muss zugeben, dass ich Gisdol für einen der schlechtesten Trainer auf dem Markt gehalten hatte. In einer Kategorie mit Skibbe. Nun zeigt sich: ich habe keine Ahnung. Ich lag mit meiner Einschätzung so was von daneben! Litt Raus! Asche auf mein Haupt!
    Auch die Aussendarstellung vom Trainer ist sehr gut: sehr seriös, geradeheraus, kein bisschen überheblich. der einzige Wermutstropfen bleibt in diesem Zusammenhang der gruselige Schwäbische dialekt ;-)
    Auch Horst Heldt macht bisher einen richtig guten Job. Hut ab meine Herren!

      • Gerd Mrosk says:

        Ach,alles halb so wild,da gibts Schwaben oder Badenser,die versteht man kaum Hab so einen auf der Arbeit auch FC Fan,aus Karlsruhe….Mamma mia,hab Monate an seinen Lippen gehangen um in etwa zu verstehen was der meint :-)

    • Paul Paul says:

      Ehrliche und schonungslose Selbstkritik! Chapeau! Kann passieren, diese Serie war so wirklich nicht zu erwarten. Es ist noch zu früh, um vom Wunder am Rhein zu sprechen, aber wenn es so weitergeht: Europa, wir kommen!

      Der Abstieg ist nicht mehr unser Thema, da lege ich mich fest!

      Menger for President!

  2. Holger says:

    Ich wiederhole es sehr gerne, denn es hat ja einen erfreulichen Grund :-)
    Ja, entgegen meiner Erwartungen macht der Trainer verdammt gute Arbeit!
    Und diese Konsequenz ist goldwert.
    Auch wenn wir Fans gerne an unsere gern gelobten Spielern wie Schaub und Mere festhalten würden, sie passen nicht in das Konzept des Trainers also muss er handeln und solange es Erfolgreich ist, sollten wir es auch akzeptieren.
    Bewundernswert ist, dass er genau die beiden Spielertypen verpflichtet und dann auch einbindet, die wir so lange vermisst haben!
    Mit Uth und Elvis war es ein grandioses Spiel gegen einen zugegeben nicht starken Gegner aber ich glaube der Gegner war von Anfang an geschockt über unsere Spielweise und konnte niemals seine unbestrittene Qualität der Einzelspieler auf den Platz bringen. Wir haben sie dazu gebracht so bescheiden aufzuspielen :-)
    Ich freue mich auf Schalke und hoffe die Einstellung macht das Fehlen von Czichos und Uth wett.

  3. Gerd Mrosk says:

    Tja Wahnsinn oder? Im Moment gehts nur darum schnell ins Spiel zu finden ,um das Zepter des Handelns in der Hand zu haben,etwa mit nem Führungstreffer. Jedes gute Spiel festigt jetzt das Selbsbewusstsein und den Glauben mithalten zu können.Eigentlich sehe ich eine völlig offene Partie gegen Schalke auf uns zukommen. Bin gespannt. Von daher ,Holger,gibt es viele Sachen ,die etwa die individuelle Stärke Schalkes (wer ist da im Moment eigentlich individuell stark),wettmachen können. Ich denke eher ,dass Schalke auch viel von der Aufbruchstimmung unter Wagner gelebt hat,sie aber auch an Grenzen stossen.

    • Boom77 says:

      Gegen Schalke zu Hause ist in jedem Fall was drin. Wir haben zum Glück endlich mal wieder eine „Heimstärke“ entwickelt. Zudem haben wir mit Leverkusen und Wolfsburg zu Hause schon Mannschaften geschlagen, die leistungsmäßig und vom Kader her sicher nicht schlechter als Schalke sind. Warum sollten uns also Bange vor den Knappen sein, wenn die in unser Stadion kommen. Ein Selbstläufer wird es sicher nicht und auch dieses Spiel muss erst gespielt werden. Mit den Leistungen aus den Partien gegen Leverkusen, Wolfsburg, Freiburg und auch gegen die Hertha in den vergangenen Wochen schlagen wir aber auch Schalke zu Hause. Diese Leistung muss nur abgerufen werden. Ich vertraue aber voll und ganz darauf, dass Trainer und Spieler das hinbekommen werden.

      Im Übrigen bin ich auch positiv gestimmt, was die Zukunft angeht und sage jetzt einfach mal, dass wir die Knappen zu Hause schlagen, in Paderborn gewinnen und dann mit breiter Brust das Derby für uns entscheiden. Spätestens dann haben wir mit dem Abstieg nichts mehr zu tun.

  4. FC Neukoelln says:

    2 bzw. 1 Tag vor dem Hertha-Spiel:

    Matt Hofmann:
    „Ich denke wir sehen am Samstag einen Auswärtssieg!
    @neukölln: was sagst du dazu?“
    FC Neukoelln:
    „Ich weiß auf jeden Fall was ich nicht (kommen) sehen werde: jeweils beim 0:1, 0:2 und 0:3 Eure vollen Bierbecher im Anflug von 10 Reihen hinter uns Ihr Rüpel :)“
    Beim 0:4 und 0:5 gabs dann halt einfach keine Bierbecher mehr weil keiner mehr eine Sekunde des Spiels verpassen wollte um Bier zu holen…

    Und wenn ich nochwas orakeln darf: am Samstag auf Schalke werden wir Hector wieder als LV sehen. Weil Elvis mit Ellyes in der Zentrale spielen wird, und zwar aus 2 Gründen: 1. völlig zurecht und 2. weil Gisdol gerne an funktionierenden Mechanismen festhält (Elvis übrigens zusammen mit Cordoba und Kainz in der kicker-Elf-des-Tages – was jetzt nicht soooo schlecht ist für ein Debut). Drexler wird auf der Position des nicht spielberechtigten Uth auflaufen. In der Innenverteidigung Bornauw/Leistner. Gute Besserung Czichos! Ansonsten gibt es keinen Grund für Änderungen.
    Bei Neu-Köln-Fragen Neukölln fragen.

  5. willi wagner says:

    Ich kenne das noch von Peter Stöger.
    Bis heute haben beide alles richtig gemacht. Ich wünsche mir, es möge immer so weiter gehen und noch viele Talente hoch geholt werden, sowie immer die richtigen Spieler eingekauft werden.

  6. Gerd Mrosk says:

    Was kennst du von Peter Stöger?
    Ich glaube nicht ,dass Rex spielt am Samstag,völlig unabhängig davon was ich gern sehen würde.Es sei denn Rex spielt für Uth,das wäre möglich und Drexler für Kainz,das wär ein Schlag in die Fresse,aber auch der ist ja immer möglich. Naja an die Berliner Fraktion,die Stadionbrühe da ist in der Jubelmenge auch am besten aufgehoben.

  7. Thomas Niehues says:

    Was auch cool wäre ist wenn das gegen Mainz auch so kommt wie gegen Freiburg oder Berlin. Weil da erstens noch nee Rechnung aus Spiel eins offen ist und zweitens der Vollidiot von Trainer dann kommt der dem Fc das alles eingebrockt hatte mit seinen Mathematischen Fähigkeiten. Lächerlich der Typ….

    • Boom77 says:

      Naja…. „Vollidiot“… also bitte. Klar, bei uns hat er nicht funktioniert und auch in Mainz läuft es nicht wirklich gut. Bei Jahn Regensburg hat er in 71 Spielen einen Punkteschnitt von 1,41 erreicht. Also ein „Volldidiot“ ist er nicht.

    • Boom77 says:

      Rein sportlich kann ich ja verstehen, dass man eine schlechte Meinung von ihm hat. Ich bin ob seiner Leistungen bei uns jetzt auch kein Fan von ihm. Aber ich finde, mit solchen doch sehr persönlichen und ins menschliche gehenden Beleidigungen sollte man da zurückhaltend sein. Auch wenn die Fan-Seele im Nachhinein Herrn Beierlorzer lieber nicht bei uns gesehen hätte. Menschlich war an ihm doch nichts auszusetzen. Schon rein daher muss man ihn nicht so betiteln.

Dein Kommentar

Willst du an der Diskussion teilnehmen?
Mache mit!

Schreibe einen Kommentar