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Kölns Kampf um Millionen, Macht und die Zukunft


Alexander Wehrle und Horst Heldt arbeiten seit Monaten an der Zukunft des 1. FC Köln. Dass diese auf wackeligen Füßen steht, hat der Finanz-Geschäftsführer in dieser Woche mit frischen Zahlen bestätigen müssen. Der Sportchef muss dies in seiner täglichen Arbeit ausbaden. Doch das Führungsduo hat sich diesem Weg verschrieben. Dafür bedarf es womöglich eines Staatskredits.

Köln – Die Trennung von Tobias Kaufmann war für Alexander Wehrle ein Rückschlag. Was Alex Jacob als Pressesprecher einst für Jörg Schmadtke war, war Kaufmann für Wehrle. Der Mediendirektor und der kaufmännische Geschäftsführer galten als eng verbunden, Kaufmann war Wehrles Schutzschild – und andersherum. Der Finanzboss hatte in den vergangenen Monaten mehrfach Partei für seinen treuen Kommunikationschef ergriffen, als immer offensichtlicher wurde, dass es zwischen dem 44-jährigen und dem Vorstand knirschte und hakte. Am Ende half alle Unterstützung nichts, Wehrle musste gemeinsam mit Heldt die Trennung vom Mediendirektor vollziehen.

Als vor drei Jahren Jacob gehen musste, war dies ein Vorbote für das spätere Schmadtke-Aus, der sich fortan immer isolierter gefühlt hatte. Beim FC hofft man, dass es bei Wehrle anders laufen wird. Der Zahlenjongleur gilt weiterhin als Fachmann seines Bereichs, zudem ist er in der Deutschen Fußball Liga mächtiger als je zuvor und somit auch für den FC eine wichtige Stimme im Ligaverband. Nach GBK-Informationen hat der VfB Stuttgart die Hoffnungen auf Wehrle bis heute nicht aufgegeben und soll insgeheim darauf spekulieren, dass Wehrle im Falle eines neuerlichen Abstiegs der Geißböcke den Gang in die Zweite Liga nicht noch einmal mitmachen würde – und damit für seinen Ex-Klub Stuttgart frei werden könnte. Doch den erneuten Abstieg in die Zweitklassigkeit will man am Geißbockheim unbedingt verhindern – auch Wehrle.

Wir rechnen mit einem Umsatzverlust von 25 Millionen Euro

Der Finanz-Geschäftsführer hat damit alle Hände voll zu tun, vor allem aufgrund der Corona-Krise. Nach den Millionen-Verlusten der Vorsaison, deren genaue Höhe erst auf der Mitgliederversammlung im Spätherbst bekannt werden wird, drohen auch in der neuen Spielzeit zweistellige Verluste. In jedem Fall werden die Geißböcke mit einem deutlich geringeren Umsatz rechnen müssen. Das bestätigte Wehrle am Mittwoch. „Wenn wir von mindestens Geisterspielen ausgehen plus eine anschließende Teilöffnung, reden wir über Mindereinnahmen von 17 Millionen Euro“, sagte Wehrle. „Dazu kommen möglicherweise noch Sponsoren, die wegbrechen. Durch die geringeren TV-Einnahmen fehlen weitere zehn Millionen Euro. Wir rechnen daher mit einem Umsatzverlust von 25 Millionen Euro in der kommenden Saison.“

Dass Wehrle am Donnerstag mit dem Logistikunternehmen UPS einen neuen Exklusivpartner vorstellte, tut dem FC aufgrund einer siebenstellige Sponsoringsumme zwar gut. Die Einnahmen kommen allerdings nicht auf die bisherigen Zahlungen oben drauf. UPS ersetzt lediglich die Deutsche Post, die bis 2020 als Logistiker der Exklusivpartner war. Doch der Abschluss hilft den Geißböcken in einer schweren Zeit und gibt etwas mehr finanzielle Stabilität in einer instabilen Marktlage. Auch hilft es, dass über die Hälfte aller Dauerkarten-Inhaber auf eine Rückerstattung ihrer Ansprüche aus der vergangenen Saison verzichteten und auch für die neue Saison schon viele Anhänger sich zu einem Verzicht bereiterklären wollen. „Daran sieht man: Köln hält zusammen“, sagte Wehrle.

Denkt der FC über einen Staatskredit nach?

Doch der FC muss an allen Stellschrauben drehen, um finanziell über Wasser zu bleiben. Vizepräsident Eckhard Sauren erklärte, der FC befinde sich mit der Stadt Köln und den Kölner Sportstätten „in einem konstruktiven Dialog“, um eine „vernünftige Lösung“ in der Pachtfrage für das RheinEnergieStadion zu finden. Darüber hinaus bestätigte Sportchef Heldt, man werde mit den FC-Profis über einen Gehaltsverzicht sprechen, sobald der neue Kader Gestalt angenommen habe. „Aktuell ist noch nicht der richtige Zeitpunkt dafür“, sagte Heldt am Mittwoch, bestätigte aber, dass der FC einen weiteren Gehaltsverzicht mit den Profis anstrebe. „Ich bin überzeugt, dass wir ein gutes Ergebnis erzielen werden“, sagte Heldt.

Neue Sponsoren, Stadionpacht, Dauerkarten-Erstattung, Gehaltsverzicht der Profis und natürlich eine erhebliche Reduktion der Kadergröße sowie eine Korrektur des perspektivischen Gehaltsgefüges – beim 1. FC Köln wird jeder Bereich auf den Kopf gestellt, um die Verluste aufzufangen, die ein riesiges Loch in die Vereinskassen gerissen haben und noch reißen werden. Doch all diese Maßnahmen könnte womöglich nicht ausreichen. Wie der Express berichtet, überlegen die Geißböcke nun sogar ähnlich wie Schalke 04 einen Staatskredit aufzunehmen, um sich finanzielle Spielräume zu verschaffen, die die Zahlungsfähigkeit sichern.

Veränderungen bringen auch Verunsicherung

All dies geschieht während eines Umbruchs, der auch vor länger Beschäftigen wie Tobias Kaufmann und Klaus Maierstein nicht Halt macht. Einerseits sind Veränderungen nach den chaotischen und verschwenderischen letzten drei Jahren dringend notwendig. Andererseits haben sie schon jetzt in der Geschäftsstelle eine Verunsicherung aufkommen lassen, die jener Aufbruchsstimmung konträr gegenüber steht, die Horst Heldt und Markus Gisdol mit den Profis entfachen wollen. Eine Herausforderungen für Vorstand und Geschäftsführung, die nach der Kaufmann-Personalie zeigen müssen, dass nicht auch ihr Vertrauensverhältnis beschädigt ist.

Dazu beitragen soll eine Entscheidung pro Carsten Wettich über seine Zeit als Interims-Vorstandsmitglied hinaus. Werner Wolf und Eckhard Sauren favorisieren den Rechtsanwalt über die Mitgliederversammlung hinaus als Vizepräsidenten. Zwischenzeitlich soll sich laut übereinstimmenden Medienberichten auch Jörg Jakobs aus dem Sportkompetenz-Team für den Posten interessiert haben. Zu einem Treffen mit dem Mitgliederrat soll es aber nicht gekommen sein, da sich der Mitgliederrat frühzeitig auf Wettich festgelegt haben soll. Die Machtverhältnisse beim FC befinden sich also weiter in Bewegung, und damit auch das Personalkarussell weit über den Profi-Kader hinaus. All dies geschieht im Zustand einer finanziellen Bedrohung für die Geißböcke, deren Ausmaß noch längst nicht absehbar ist.

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