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„Der FC ist ein Ausbildungs- und kein Scouting-Verein“


Welchen Weg schlägt der 1. FC Köln für die Zukunft ein? Im Nachwuchs läuft aktuell vieles richtig. Doch die Bedingungen werden durch Corona immer schwieriger. „Der Jugendfußball wird leiden“, ist Martin Heck überzeugt. Der U17-Trainer und Meistercoach des 1. FC Köln von 2019 warnt vor den Folgen der veränderten Saison. Im GBK-Interview spricht er über die größten FC-Talente und den Weg des FC als Klub, der auf seinen eigenen Nachwuchs setzen sollte.

Das Interview führte Marc L. Merten

GBK: Herr Heck, der Saisonstart mit der U17 ist geglückt. Wie zufrieden sind Sie mit dem aktuellen Stand Ihrer Mannschaft?

MARTIN HECK: „Es läuft erstaunlich gut. Dabei war die Vorbereitung durchwachsen, weil es wegen Corona zwei mehrtätige Unterbrechungen im Trainingsablauf gab. Deswegen waren die ersten Spiele noch schwierig, aber wir haben Potential nach oben. Das Problem ist: Der jetzige Modus ist für die Entwicklung der Spieler nicht besonders förderlich.“

Weil die Saison der B- und A-Junioren nur als Hinrunde gespielt wird?

Ja. Der Jugendfußball wird darunter leiden. Natürlich ist es in ungewissen Corona-Zeiten schwierig einen Spielplan zu erstellen, mit dem alle zufrieden sind. Aber du merkst schon jetzt nach drei Spieltagen den kleineren Mannschaften an, dass es für sie ums nackte Überleben geht. Die parken einen Bus vor dem eigenen Strafraum, agieren mit Fünferkette und spielen ausschließlich auf Ergebnis. Weil es keine Rückrunde gibt, gibt es keine Zeit sich zu entwickeln. Jede Mannschaft muss sofort funktionieren und punkten. Es geht nicht mehr um die Ausbildung der Spieler und darum, den Spielern in verschiedenen Rollen Spielzeit zu geben. Jedes Wochenende geht es um alles oder nichts. Ich weiß, dass ich als Trainer in einem NLZ eine andere Ausgangslage habe als ein Coach, der die Vorgabe hat, die Klasse zu halten. Dennoch sollten wir darauf achten, was für die Ausbildung der Spieler am besten ist.

Das ist kein Hilferuf, aber eine Warnung

Warum wäre die Rückrunde so wichtig?

Am Anfang einer Saison sind viele U17-Mannschaften noch recht nahe beieinander, gerade körperlich. Das ist wie ein Startschuss für die Entwicklung Richtung Erwachsenenfußball. In der Hinrunde sind viele Teams auf Augenhöhe. In der Rückrunde merkt man dann aber, dass die Topteams sich deutlich schneller weiterentwickeln. In unserer Meister-Saison hatten wir in der Hinrunde viele knappe Spiele. In der Rückrunde haben wir die dann klar gewonnen. Diese Entwicklung fällt jetzt weg. Das ist kein Hilferuf, aber eine Warnung. Wir werden versuchen die fehlende Rückrunde durch Freundschaftsspiele zu kompensieren.

Aber sieht man das arg defensive Spiel nicht auch im Profibereich?

Deswegen ist es aber auch der Profibereich. Dort sind die Spieler schon ausgebildet und im Beruf. U17-Spieler sollte man aber nicht die Ballkontakte wegnehmen, nur weil man ein Spiel nicht verlieren darf. Was soll es einem Abwehrspieler in seiner Entwicklung bringen, wenn er bei einem Einwurf seiner Mannschaft auf Höhe des gegnerischen Strafraums nicht über die Mittellinie darf? Was lernt er dann? Rumstehen! Das geht soweit, dass manche Spieler diese Idee des Fußball-Verhinderns schon richtig leben. Das tut mir als Trainer weh.

Martin Heck gewann mit den B-Junioren 2019 die Deutsche Meisterschaft. (Foto: Bucco)

Wie wirkt sich diese Situation auf Ihre Mannschaft aus?

Wenn ich beispielsweise die jetzige U17 mit der Meister-U17 vergleiche, dann hatten wir damals einige Spieler, die individuell schon sehr weit waren, aber ihren eigenen Kopf hatten. Die waren so gut, dass sie von vorne herein über den Dingen standen. Jetzt haben wir eine Mannschaft, aus der zwar nur wenige Spieler herausstechen, die dafür aber stark zusammenhalten und sich als Team schon außergewöhnlich gut gefunden haben. Für uns Trainer geht es darum, jetzt aus jedem Einzelnen noch mehr herauszuholen. Dafür haben wir durch den Wegfall der Rückrunde aber viel weniger Zeit.

Wenn Justin Diehl gesund bleibt, steht ihm eine große Zukunft bevor

Wer zählt schon jetzt zur Achse in Ihrem Team?

Wenn man von hinten nach vorne geht, dann sticht Elias Bakatukanda in der Innenverteidigung heraus. Er hat einen großen Schritt gemacht und ist sehr lernfähig, ein typischer FC-Spieler, bodenständig und selbstbewusst, athletisch und robust. Unser Kapitän, Meiko Wäschenbach, hat einen tollen Charakter, ist ein richtig guter Kicker und wichtig in unserer Zentrale. Dann ist unser Neuzugang Nico Bajlicz ein Spieler, den wir so beim FC lange nicht mehr hatten. Ein Achter oder Zehner mit feinen Bewegungen, sehr viel Ballgefühl, ein Fußballer, der Spaß macht, der aber körperlich und defensiv noch einiges zulegen muss. Ganz vorne ist Josia Walther eine Überraschung. In der U16 war er noch nicht der Torjäger, jetzt hat er schon dreimal getroffen. Wir haben einige interessante Jungs, die einen guten Weg eingeschlagen haben und ehrgeizig an sich arbeiten.

Was ist mit Justin Diehl?

Justin war verletzt. Jetzt ist er wieder fit, das ist erst einmal das Wichtigste. Er wird mit der U19 trainieren. Wo er die Punktspiele bestreiten wird, werden wir erst noch entscheiden. Er muss jetzt gesund bleiben. Dann steht ihm eine große Zukunft bevor.

Auf welcher Position ist er in Ihren Augen am besten aufgehoben?

Justin sehe ich als Außenspieler im 4-3-3 oder im 4-2-3-1, vielleicht auch als Zehner, aber nicht als klassischer Neuner. Auf der Neun würde ihm seine größte Waffe genommen werden. Er kann wirklich viel, aber er ist darüber hinaus brutal schnell. Wenn er mit diesem Tempo aus der zweiten Reihe kommen kann, hält ihn niemand auf. Er muss körperlich noch zulegen, aber er hat einen unbändigen Ehrgeiz. Der Junge muss spielen, spielen, spielen. Wenn wir mit ihm Geduld haben und er gesund bleibt, werden wir noch viel Freude an ihm haben. Dass der FC mit ihm verlängert hat, war ein wichtiges Zeichen für den gesamten FC.

Die Software des FC ist konkurrenzfähig, die Hardware nicht

Was braucht der FC, um im Nachwuchs auch in den nächsten Jahren konkurrenzfähig zu sein?

Wir machen aus wenig schon unfassbar viel. Ich bin überzeugt, dass wir Trainer viel dazu beigetragen haben. Sind wir mal ehrlich: Die guten Plätze oder die modernen Kabinen sind es nicht. So ist die Situation nun einmal. Wir nehmen das so an. Der FC ist ein Ausbildungs- und kein Scouting-Verein. Wir arbeiten nachhaltig und bauen die Nachwuchsteams über Jahre auf. Natürlich holen wir Topspieler, wenn sie uns auffallen. Das A und O ist aber, Spieler wie Justin Diehl, der seit der U8 hier spielt, nach oben zu bringen.

Dennoch fehlen professionelle Rahmenbedingungen.

Ich würde es so sagen: Die Software des 1. FC Köln ist konkurrenzfähig, damit meine ich die Trainer, das Wissen, die Spieler und ihre Ausbildung. Die Hardware und damit auch die Anzahl der Plätze ist es nicht. Dennoch sage ich: Unsere heutigen Bedingungen haben uns zu dem gemacht, was wir sind.

Was meinen Sie damit?

Top-Bedingungen verleiten gerne mal dazu, weniger zu machen. Wenn U17-Spieler schon so leben würden wie Profis, wäre das nicht förderlich. Davon bin ich überzeugt. Unsere Jungs neigen dazu, mehr zu machen und bescheiden zu bleiben. Es wäre fatal, wenn wir sie verwöhnen würden. Unser Problem ist: Die Spannbreite zwischen schlechten Bedingungen und einem Paradies ist sehr groß. Wir brauchen professionelle Bedingungen, ohne dabei hochtrabende Maßstäbe anzulegen.

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