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Akademie für Talente: „Alleinstellungsmerkmal für den FC“


Seit 20 Jahren ist Beate Weisbarth das Gesicht der GeißbockAkademie. Sie hat das pädagogische Konzept des Vereins in Zusammenarbeit mit zahlreichen Partnern stetig weiterentwickelt und etliche Talente des 1. FC Köln  in deren Ausbildung mit Leidenschaft gefördert. Im Interview mit dem GEISSBLOG.KOELN gibt sie Einblicke in ihre tägliche Arbeit, erläutert, warum Bildung auch für die fußballerisch hochbegabten Jugendlichen so wichtig ist und warum sie sich über einen Schulabschluss genauso freut wie über eine Deutsche Meisterschaft.

Das Interview führte Lars Tetzlaff

GBK: Frau Weisbarth, wann und wie begann Ihre Leidenschaft für den FC und die Ausbildung der Talente des Vereins?

Beate Weisbarth: Als ich im Jahr 2001 Schulleiterin der Elsa-Brändström-Realschule in Köln-Sülz wurde, wurden die Bundesliga-Klubs zur gleichen Zeit angehalten Kontakt zu den Schulen ihrer Talente aufzunehmen. So wurde ich vom damaligen Leiter des FC-Nachwuchsleistungszentrum, Christoph Henkel, angesprochen, ob ich Interesse an einer Kooperation hätte. Dieses Interesse hat sich in den letzten 20 Jahren zu einer herausragenden Marke entwickelt: die GeißbockAkademie.

Wie kann man sich die Anfänge der GeißbockAkademie vorstellen?

Angefangen hat alles in der „Hütte“ vor Platz 7. Hier hat man sich immer schon getroffen, um eine der leckeren Bratwürste zu essen oder bei Kaffee und belegten Brötchen ein kurzes Schwätzchen zu halten. Und genau hier haben Bil Baran und ich dann, zusammen mit den damaligen U15-Trainern, den FC-Jungs bei ihren Hausaufgaben geholfen – alles in gemütlicher, familiärer Atmosphäre. Das versuchen Bil und ich auch fast 20 Jahre später noch so zu leben, auch wenn sich die Rahmenbedingungen enorm verändert haben. Einer der ersten war übrigens Lukas Podolski, der in dieser Atmosphäre seine Hausaufgaben gemacht hat. Auch wenn er meistens schnell wieder auf den Platz wollte (lacht). 

Das Ergebnis ist häufig überraschend

Aus dem „Pauken in der Hütte“ wurde schnell mehr.

Ja, weil ich gemerkt habe, wie dankbar die Jungs für die Hilfe waren. Mich hat auch das Klischee „Fußballer können nichts außer kicken“ gestört. Dem Fußballer wurde Bildung quasi abgesprochen. Das wollte ich ändern, weil es nicht den Tatsachen entsprach. Ich finde es toll, dass der FC meine Ideen von Beginn an zu 100 Prozent mitgetragen hat. Aus der Hausaufgabenbetreuung wurde das sogenannte „Schulprojekt“ und auf Antrag des Vereins wurde dann die Elsa-Brändström-Realschule vom DFB als „Eliteschule des Fußballs“ ausgezeichnet. In diesem Zug wurde dann auch die GeißbockAkademie gegründet und an die Schule angedockt. Bis heute wird die GeißbockAkademie von allen Verantwortlichen im Verein voll anerkannt und unterstützt. Das weiß ich sehr zu schätzen. Auch der tägliche Austausch mit der NLZ-Leitung, der Scouting-Abteilung und den Trainern ist herausragend.

Was hat sich in den letzten 20 Jahren aus pädagogischer Sicht geändert?

Früher gab es eine Art „Einheitsspieler“, dessen Weg häufig vorgezeichnet war: Die Jugendlichen spielten beim FC, besuchten häufig die Realschule und wechselte von dort auf das Berufskolleg. Heute steht viel mehr die Individualisierung im Vordergrund. Welche Fähigkeiten, welche Stärken hat der Spieler? Und zwar abseits des Fußballs. Das Ergebnis ist häufig überraschend. Auch unter Fußballern finden sich künstlerisch Interessierte, musikalisch Begabte oder Mathe-Asse. Außerdem sind wir mittlerweile weitaus mehr als ein Nachhilfe-Institut. Wir vermitteln bewusst auch Werte, die die Lebenskompetenz fördern: Wie kommuniziere ich mit anderen Menschen? Wie benehme ich mich am Mittagstisch? Wie verhalte ich mich in den sozialen Medien? Was ist im täglichen Miteinander wichtig? Und Vieles mehr. Denn eins dürfen wir nicht vergessen: Die Jungs sind wirklich ganz normale Jugendliche, denen eine Menge abverlangt wird und die auf Einiges verzichten müssen, um ihr Ziel zu erreichen. Geschenkt wird ihnen jedenfalls nichts. In sportlicher Hinsicht haben die teilweise erst 15 oder 16-Jährigen einen extremen Konkurrenzkampf, und auch in der Schule genießen sie keine Vorteile bei Klausuren oder Zeugnissen, nur weil sie Spieler des FC sind.

Wie sieht ein normaler Tag eines FC-Talents aus?

Der Tag beginnt morgens um 6 Uhr. Es gibt Spieler, die mit dem FC-Fahrdienst nach Köln kommen und hier zur Schule gehen. Alle GeißbockAkademie-Spieler haben am Dienstag und Donnerstag von 10 bis 12 Uhr zudem noch Frühtraining und werden im Anschluss wieder zur Schule gebracht. Nach der Schule erwarten wir die Jungs dann in der GeißbockAkademie. Hier gibt es ein sportlergerechtes Mittagessen, die Hausaufgaben müssen gemacht werden und dann startet ab 17 Uhr das Training in den unterschiedlichen Altersklassen. Der Tag am Geißbockheim endet gegen 19.30 Uhr – erst dann geht’s nach Hause. Einige, die nicht in Köln oder im FC-Internat wohnen, müssen dann noch nach Düsseldorf, Euskirchen, Koblenz oder sonst wohin reisen.

Inwieweit ist die GeißbockAkademie ein Kriterium, um Ausnahme-Talente an den FC zu binden oder sogar neue zu gewinnen?

Mittlerweile richtet der Großteil der Eltern einen Blick darauf, was ein Nachwuchsleistungszentrum in Sachen Fußball und Bildung im Angebot hat. Sie wissen, wie wichtig ein guter Abschluss ist, da sie sich im Klaren darüber sind, dass der Prozentsatz der Talente in Nachwuchsleistungszentren, die bis nach ganz oben schaffen, bei maximal 0,3 Prozent liegt. Aber auch das ist wie im normalen Leben: Nicht jeder, der für einen bestimmten Beruf ausgebildet ist, wird Geschäftsführer oder Top-Manager. Trotzdem wird er in diesem Berufsfeld arbeiten können, weil er die entsprechende Lebenskompetenz hat. Um diese Lebenskompetenz geht es uns. Da haben wir als GeißbockAkademie mit unseren tollen Lehrern, die sehr engagiert und sogar abends und am Wochenende erreichbar sind, und mit unserem Netzwerk wirklich ein Alleinstellungsmerkmal für den FC, das helfen kann, das ein oder andere Talent für den FC zu begeistern.

Eigentlich die halbe Profi-Mannschaft

Wen aus dem aktuellen Profi-Kader kennen Sie persönlich aus der GeißbockAkademie?

Da gibt es viele. Am längsten kenne ich Timo Horn, vor dem ich einen ungeheuren Respekt habe. Respekt vor seiner sportlichen Leistung, aber besonders vor seiner menschlichen Art – auf die ich natürlich besonders schaue. Dann zählen auch noch Ron-Robert Zieler, Ismail Jakobs, Noah Katterbach, Jan Thielmann, Salih Özcan, Christian Clemens, Tim Lemperle oder Robert Voloder dazu. Also eigentlich die halbe Profi-Mannschaft. Eine ganz gute Quote, oder? (lacht) Die Jungs da spielen zu sehen, ist ein unheimlich schönes Gefühl. Zu wissen, dass alle, die im Profi-Fußball Fuß gefasst haben, auch einen Bildungsabschluss haben.

Was waren die schönsten Erlebnisse mit „Ihren“ Jungs?

Als die deutsche U17-Nationalmannschaft 2009 Europameister wurde, war ich Schulleiterin der Elsa Brändström-Realschule. Von unserer Schule waren Reinhold Yabo, der sogar Kapitän des Teams war, und Ben Basala dabei, als die Niederlande im Finale mit 2:1 besiegt wurden. Wir haben das Endspiel mit über 400 Schülern, Trainern und Lehrern gemeinsam in der Schul-Aula gesehen. Das war wirklich ein Gänsehautmoment. Zu den Beiden habe ich immer noch Kontakt. Ähnlich emotional war der Gewinn der deutschen U17-Meisterschaft im Jahr 2011 in Bremen. Bei großer Hitze haben wir damals mit einem Traumtor in der Verlängerung mit 3:2 in Bremen gewonnen. Mit dabei war u.a. auch Yannick Gerhardt, den ich viele Jahre begleiten durfte. Als Frau, die in Köln tief verwurzelt ist, wird mir der Moment, als wir nach der Rückreise mit dem Mannschaftbus zum Dom fuhren und dort Fahne schwenkend feierten, ewig in Erinnerung bleiben. Und in jüngerer Vergangenheit war natürlich der Gewinn der deutschen U17-Meisterschaft 2019 gegen Borussia Dortmund ein Highlight. Wie unsere Jungs vor 10.000 Zuschauern als Team gegen den Favoriten BVB gefightet und sich belohnt haben, macht mich immer noch stolz. Übrigens: Von den elf Spielern auf dem Platz waren neun in der GeißbockAkademie. Ich habe also sehr viele schöne Erinnerungen – auch weil ich nicht nur den Fußballer, sondern immer auch den Menschen begleiten durfte. Ich habe mich deshalb über einen bestandenen Bildungsabschluss immer genauso gefreut wie über eine Deutsche Meisterschaft.

Lest hier, wie sich das Konzept von der „Hütte“ auf Platz 7 bis hin zu GeißbockAkademie entwickelt hat. 

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