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Nach Shitstorm: Neuer Medienchef wird für den FC zum Politikum


Keine 48 Stunden nach seiner Vorstellung beim 1. FC Köln als neuer Medienchef ist Fritz Esser öffentlich unter Druck geraten. Der 39-jährige hatte in der Vergangenheit via Twitter Teile der aktiven Fanszene der Geißböcke scharf kritisiert. Darüber hinaus hatte er sich in seiner Funktion als stellvertretender Ressortleiter Politik und Wirtschaft der Bild politisch konservativ und teils AfD-nah geäußert. Die Personalie rief inzwischen sogar den SPD-Chef Norbert Walter-Borjans auf den Plan, der eine Petition gegen Esser unterstützt.

Köln – Als der 1. FC Köln am Montag verkündete, Fritz Esser werde Nachfolger von Tobias Kaufmann, hofften die Verantwortlichen am Geißbockheim, ein starkes Signal für die Zukunft gesetzt zu haben. Essers Lebenslauf erfüllte alle Anforderungen an den neuen Medienchef: Der 39-jährige ist gebürtiger Kölner, FC-Fan, langjähriger Journalist mit politischer und wirtschaftlicher Expertise, dazu beruflich erfahren im Bereich der Unternehmenskommunikation und überdies durch seine privaten Beziehungen (verheiratet mit der Tochter von FC-Legende Hannes Löhr) tief im FC-Umfeld verankert.

Vor allem hofften Vorstand und Geschäftsführung, mit dieser Personalie auch die eigenen Gräben zwischen Verein und KGaA zuschütten zu können. In der Causa Kaufmann und dessen Entlassung hatten sich Präsidium und Geschäftsführung beinahe entzweit und einen nicht mehr zu korrigierenden Schaden angerichtet. In Kaufmanns Nachfolge wollte man sich daher einstimmig entscheiden, und das gelang. In einer 5:0-Abstimmung entschieden sich Werner Wolf, Eckhard Sauren und Carsten Wettich einerseits sowie Alexander Wehrle und Horst Heldt andererseits für den aus ihrer Sicht perfekten Kandidaten für den FC.

Das unerklärliche Versäumnis der FC-Verantwortlichen

Die Vorstellung des neuen Mannes musste aufgrund einer undichten Stelle plötzlich erfolgen, weil die Kölnische Rundschau den Namen erfahren und veröffentlicht hatte. Eine offizielle Pressemitteilung wurde daraufhin schnell verfasst und verbreitet. Was danach über dem FC und Esser hereinbracht, hatten die Verantwortlichen jedoch nicht kommen sehen. Zahlreiche FC-Fans taten nämlich das, was die FC-Bosse und der beauftragte Headhunter nach GBK-Informationen unerklärlicherweise nicht getan hatten, obwohl dies inzwischen eigentlich zum kleinen Einmaleins der Personalsuche gehört: Sie durchstöberten den Twitter-Account des 39-jährigen und förderten in kürzester Zeit mehrere Äußerungen zu Tage, die sich in Windeseile verbreiteten und Esser in einem schlechten Licht stehen ließen. In den folgenden Stunden erwuchs ein Shitstorm, dem sich auch zahlreiche Prominente anschlossen und aus dem nun sogar eine Petition gegen den Medienprofi entstanden ist.

Einerseits fanden Fans zahlreiche Zeitungs-Kommentare, die Esser unter seinem Namen verfasst hatte und die der politischen Stoßrichtung der rechts-konservativen Bild entsprachen. Esser hatte sich auf Twitter auch persönlich zu politischen Sachverhalten geäußert. User fanden unter anderem einen Tweet aus dem Oktober 2017, in dem Esser suggeriert, eine umstrittene Rede des AfD-Politikers und Bundestags-Abgeordneten Bernd Baumann gut zu heißen. Andererseits fanden sich in der Tweet-Historie des Journalisten auch kritische Äußerungen gegenüber der FC-Fanszene, unter anderem nach dem Platzsturm in Mönchengladbach und der Sitzblockade vor dem RheinEnergieStadion bei der Ankunft des Mannschaftsbusses von RB Leipzig. Esser nannte in diesem Zuge die beteiligten FC-Anhänger „wild Gewordene“, „Chaoten“ und „Schwachmaten“. In einem anderen Zusammenhang verallgemeinerte er den „Sozialarbeiterslang für Pyro zündende, Steine werfende Ultra-Chaoten in den Stadien“, ohne dabei jedoch einen direkten FC-Bezug herzustellen.

SPD-Chef unterschreibt Petition

Diese Äußerungen wurden in den vergangenen zwei Tagen in den sozialen Netzwerken sowie im effzeh-forum.koeln geteilt und diskutiert. Die Forderung vieler Fans: Der 1. FC Köln soll sich noch vor Fritz Essers Amtsantritt von dem neuen Medienchef trennen. Nach GBK-Informationen erreichten die Geschäftsstelle der Geißböcke alleine am Dienstag mehrere Dutzend schriftliche Beschwerden von Mitgliedern und Fans. Wiederum andere Anhänger riefen auf change.org eine Online-Petition ins Leben, die in kürzester Zeit über 2000 Unterstützer fand. Die Forderung: „Fritz Esser darf nicht Mediendirektor des 1. FC Köln werden. Er passt nicht zur Charta des 1. FC Köln und widerspricht mit seinen Äußerungen allem, wofür der FC steht.“ Nach GBK-Informationen regt sich auch im Mitgliederrat bereits Widerstand gegen die Personalie.

Noch hat sich Esser, der zum 1. Mai seine Arbeit aufnehmen soll, nicht öffentlich zu dem Shitstorm geäußert. Auch FC-Vorstand und Geschäftsführung haben nach der Pressemitteilung am Montag kein weiteres Statement folgen lassen. Nach GBK-Informationen will man beim Effzeh das so wichtige DFB-Pokal-Spiel am Mittwochabend beim SSV Jahn Regensburg abwarten, ehe man am Donnerstag gemeinsam weitere Schritte beraten möchte. Derweil fordern Kölner Prominente eine Aufarbeitung der Personalie. Lukas Podolski äußerte sein Missfallen in Form von Emojis via Twitter, die Band Kasalla und Carolin Kebekus unterstützten die Äußerungen des heute Show-Comedian Fabian Köster. Zudem äußerte sich SPD-Chef Norbert Walter-Borjans: „Was ich lese, macht mich sprachlos“, twitterte er von Dienstag auf Mittwoch. „Aufklärung jedenfalls dringend erwünscht.“ Am Mittwochmittag unterschrieb er die Petition. „Meine (private) Unterschrift habt ihr!“, teilte er mit.

Ein anderer Politiker mahnte zur Vorsicht. Alexander Graf Lambsdorff (FDP) erklärte via Twitter, er werde sich Essers „vergangenes Wirken“ anschauen und bewerten. „Wegen eines Kommentars und eines isolierten Tweets aber eine öffentliche Twitter-Hetzjagd auf ihn zu starten? Da bin ich ganz sicher nicht dabei.“ In jedem Fall befindet sich der 1. FC Köln inmitten eines Sturms, den man nicht hatte kommen sehen. Einerseits, weil man bei der Hintergrundrecherche des Kandidaten unsauber gearbeitet hatte. Andererseits, weil Esser selbst seine öffentlich verfügbare Vita als nicht kritisch bewertet hatte. Zahlreiche Fans sehen das anders und machen gegen den ernannten, aber noch nicht installierten Medienchef mobil.

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