Beim 1. FC Köln hat Markus Halfmann die Leitung der FC-Akademie übernommen. Das NLZ gewinnt die Titel, doch eigentlich ist das Ziel ein anderes. Der GEISSBLOG sprach mit dem neuen Nachwuchs-Chef.
Das Interview führten Marc L. Merten und Martin Zenge
GEISSBLOG: Herr Halfmann, Sie sind seit mehr als acht Jahren für den 1. FC Köln tätig, seit gut vier Monaten als Leiter der FC-Akademie. Wie haben Sie sich in dieser neuen Rolle eingefunden?
MARKUS HALFMANN: „Sehr gut. Eigentlich komme ich jeden Tag mit dem gleichen Gefühl zur Arbeit wie vor der Sommerpause in meiner alten Rolle. Ich treffe die gleichen Leute, die Räumlichkeiten sind identisch – auch wenn sich durch den Umbau sehr viel tut. Aber es ist immer noch das Geißbockheim und ich fühle mich hier sehr wohl. Von daher haben sich viele Dinge nicht geändert. Was ich merke, ist, dass mein Wort jetzt ein anderes Gewicht hat. Was ich auch nicht bestreiten will, ist, dass der Arbeitsalltag intensiver geworden ist.“
Wie können wir uns den Alltag eines Akademieleiters vorstellen?
„Auf ein Telefonat mit einem Berater folgt eine Sitzung mit der sportlichen Leitung um Thomas Kessler und Lukas Berg. Später folgen mehrere Meetings und dann gehe ich noch auf den Platz und gucke mir einen Probespieler an, bevor zu guter Letzt vielleicht noch ein Elterngespräch wartet oder ich mich an eine Präsentation setze. Die Vielfalt der Themen hat zugenommen und natürlich ist der eigene Zuständigkeitsbereich auch deutlich größer geworden. In meiner vorherigen Rolle als Leiter des Entwicklungsbereichs war ich für die Jahrgänge U11 bis U15 zuständig. Auch da ging es nicht nur um den Sport, sondern auch um administrative Themen. Viele Dinge, die jetzt anstehen, habe ich vorher schon im Kleinen gemacht.“
Ist es nach all den Jahren, die Sie bereits in der Akademie arbeiten, seltsam, den Mitarbeitern nun als Chef gegenüberzutreten?
„Dieses Phänomen habe ich das erste Mal erlebt, als ich Leiter des Entwicklungsbereichs geworden bin. Vorher war ich unter anderem Co-Trainer von Carsten Cullmann in der U15. Dann war ich auf einmal sein Vorgesetzter. Die ganz entscheidende Frage ist, mit welcher Art und Weise man da rangeht. Es wäre nicht authentisch, wenn ich auf einmal sehr autoritär um die Ecke käme und keinen Spielraum lassen würde. Ich hoffe und denke, dass sich mein Auftreten gegenüber den Kollegen durch meine neue Rolle nicht verändert hat.“
Wenn wir uns mal Ihren Werdegang anschauen: Wo haben Sie selbst Ihre ersten Schritte im Fußball gemacht?
„Ich bin in Köln geboren, aber in Siegburg aufgewachsen. Dort habe ich auch Fußball gespielt, allerdings nicht prominent hoch – in der Bezirksliga beim SV Lohmar. Irgendwann war ich Jugendtrainer und habe aufgehört, selbst zu spielen, weil ich gemerkt habe, dass ich die Dinge, die ich gerne bei anderen sehen möchte, selbst nicht mehr umsetzen kann. Das war der Moment, meine eigene Spielerkarriere hintenanzustellen. Dann war ich lange in verschiedenen Funktionen beim FC Hennef tätig, das ist meine fußballerische Heimat.“
Ich wollte eigentlich ins Auswärtige Amt
Markus Halfmann
Ein Job im Fußballbereich war aber offenbar nicht Ihr Plan A. Schließlich haben Sie zunächst Politikwissenschaften studiert.
„Ich habe mich immer für Politik und Geschichte interessiert, für politische Zusammenhänge und was so in der großen, weiten Welt passiert – deswegen wollte ich eigentlich ins Auswärtige Amt. Der Knackpunkt war dann, dass ich parallel zu meinem Studium so viel Zeit hatte, mich dem Fußball zu widmen, dass ich irgendwann in den Sport abgedriftet bin. Ich konnte mich beim FC Hennef unheimlich viel ausprobieren und würde jedem, der im Sport arbeiten will, empfehlen, sich in einem Amateurverein zu engagieren. Das war für mich der Einstieg in den Fußball.“
Mit Ihrer Ernennung zum Akademieleiter hat sich beim FC ein Trend fortgesetzt. Immer mehr Eigengewächse übernehmen leitende Stellen, so auch Geschäftsführer Philipp Liesenfeld und Sportdirektor Thomas Kessler. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
„Das ist in jedem Fall ein gutes Signal nach innen, an alle Mitarbeiter. Ich habe den 1. FC Köln immer so wahrgenommen, dass man stolz darauf ist, ständig Spielerpotenzial aus den eigenen Reihen zu rekrutieren. Das auch auf Mitarbeiter zu übertragen, ist nur folgerichtig. Das hat schon in der Vergangenheit in einigen Bereichen gut funktioniert. Zuletzt ist mit Felix Handke der Videoanalyst unserer U19 ins Funktionsteams der Profimannschaft gewechselt. Wir sind kein kleiner Betrieb, sondern mittlerweile eine große Organisation, wo es ein Reservoir an vielen guten Leuten gibt.“
Was sind Ihre Träume und Ziele als Nachwuchschef?
„Für Träume war bislang relativ wenig Zeit, weil es im Alltag schon ordentlich zur Sache geht. Grundsätzlich geht es darum, den Blick nach vorne zu werfen und Projekte anzugehen – gestalten statt verwalten. Dafür gibt es viele gute Beispiele, die nicht nur allein meine Idee sind. Wenn man mal das Thema Kinderfußball betrachtet, das wir reformiert haben: Wir könnten es uns gemütlich machen und sagen, Florian Wirtz kam auch in der U8 zum FC, jetzt lassen wir das mal genauso weiterlaufen wie bisher. Wir machen uns aber Gedanken, was es noch zu verbessern gibt und wagen etwas. Ein weiteres Thema ist die Infrastruktur. Es war viel zu lange so, dass man sich nur arrangiert hat. Was in diesem Bereich passiert ist, ist echt gut und war notwendig. Es gilt generell, sich aus der Komfortzone rauszubewegen – diese Denkweise ist mir wichtig. Und über allem steht natürlich, dass es uns weiterhin gelingt, junge Spieler zu entwickeln und für die Profis auszubilden.“
Niemand hier misst einen Jugendtrainer allein an Ergebnissen oder Tabellenplätzen
Markus Halfmann
Apropos: Im Nachwuchsbereich kommt es häufig zum Konflikt zwischen sportlichen Erfolgen der Jugendteams auf der einen Seite und andererseits dem Ausbilden einzelner Talente für die Profis. Nehmen Sie diesen Spagat wahr?
„Das ist ein sehr interessanter Punkt. Der Wunsch, um etwas mitzuspielen, ist eher von außen generiert worden – während wir in all den Jahren nichts anderes gemacht haben, als gut mit den Jungs zu arbeiten und sie auszubilden. Der Wunsch, Titel zu holen, ist eigentlich im Profifußball verortet, da geht es um Ergebnisse. Wir müssen uns einzig und allein darauf fokussieren, die Jungs jeden Tag ein kleines bisschen besser zu machen. Das steht manchmal im Konflikt zur kurzfristigen Ergebnis-Denke. Wenn man sich da entscheiden muss, müssen wir als Akademie im Zweifel immer die Ausbildung höher gewichten. Aber natürlich geht das gewissermaßen Hand in Hand. Wenn du eine positive Entwicklung herstellst, äußert sich das über kurz oder lang auch in Ergebnissen. Dennoch gilt: Niemand hier misst einen Jugendtrainer allein an Ergebnissen oder Tabellenplätzen.“
Heißt: Sie verzichten lieber auf eine Meisterschaft, wenn dafür ein Talent mehr bei den Profis ankommt?
„Das Wichtigste ist, dass wir Spieler für die Profi-Mannschaft vorbereiten. Das ist der größtmögliche Erfolg, den wir feiern können. Nicht umsonst haben wir angefangen, das bildlich darzustellen, indem wir in der FC-Akademie von jedem Debütanten ein Foto aufhängen. Auch, um allen Mitarbeitern in der Innenwirkung zu spiegeln, dass das die Erfolge sind, die wir haben wollen, das steht an absoluter Nummer eins. Aber ich will mich auch nicht dagegen verwehren, hier und da mal eine deutsche Meisterschaft zu gewinnen. Die U19-Meisterschaft war eine Riesensache, über die wir uns alle gefreut haben. Auch das ist Ausdruck unserer guten Arbeit. Gott sei Dank müssen wir niemals jemanden motivieren, ein Spiel zu gewinnen. Jeder, der hier im Leistungssport arbeitet, ist so ehrgeizig, dass er immer das Bestmögliche herausholen möchte. Aber noch mal: Wenn ich mich entscheiden müsste, möchte ich, dass der 1. FC Köln eher dafür bekannt ist, jedes Jahr Top-Spieler herauszubringen. Dann verzichte ich lieber mal auf einen Titel.“
Der zweite Teil des großen Nachwuchs-Interviews erscheint am Donnerstag beim GEISSBLOG.








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