Erfolgreiche Isländer im Doppel-Interview: „So wie Gareth Bale bei Tottenham“

Isak Johannesson und Sandra Maria Jessen. (Fotos: Bucco und Imago/Shutterstock)
Isak Johannesson und Sandra Maria Jessen. (Fotos: Bucco und Imago/Shutterstock)

Isak Johannesson und Sandra Maria Jessen sind die ersten Isländer beim 1. FC Köln. Im ersten Teil des großen Doppel-Interviews sprechen die beiden Sommer-Neuzugänge unter anderem über die besondere Verbindung zu Island und ihre persönlichen Karriere-Entwicklungen.

Das Interview führte Marc L. Merten

GEISSBLOG: Ihr seid die beiden ersten Profis beim 1. FC Köln aus Island – für die Männer wie für die Frauen. Kanntet Ihr Euch, ehe Ihr nach Köln gewechselt seid?

SANDRA JESSEN: „Nicht persönlich. Ich kannte Isak natürlich aus der Nationalmannschaft. Wir wussten, wer wir sind, aber kannten uns nicht näher.“

ISAK JOHANNESSON: „Sandra ist mir immer aufgefallen, weil sie als Stürmerin die Rückennummer 3 trägt. Ich fand das seltsam. (lacht)“

Sandra: „Ich habe als linke Außenverteidigerin angefangen, das war der Grund. (lacht) Damals hatte ich die Nummer drei und bin erst später nach vorne gerückt.“

Isak: „So wie Gareth Bale bei Tottenham.“

Sandra: „Ich hatte vorher auch mal die Nummer 18, aber als ich wegen der Geburt meiner Tochter zwischenzeitlich raus war, hat eine andere Spielerin meine Nummer bekommen und ich habe die Nummer 3 gewählt – und behalten.“

GEISSBLOG: Die Nummer 18 bei den FC-Männern hat jemand anderes. Oder, Isak?

Isak: „Ja. (lacht) Ich wollte eigentlich die Nummer 8, aber die war nicht frei, also habe ich mich für die 18 entschieden. Aber ohne besondere Bedeutung.“

Das macht die Faszination Island aus

GEISSBLOG: Ihr habt beide unterschiedliche Wege in den Fußball genommen. Isak, Du bist in England geboren und in einer Fußball-Familie im Westen von Island nahe Reykjavik aufgewachsen. Sandra, Dein Vater kommt aus Deutschland, Du bist aber in Akureyri im Norden Islands aufgewachsen. Gibt es kulturell große Unterschiede zwischen dem Westen und dem Norden Islands?

Isak: „Akureyri ist quasi die Hauptstadt des Nordens in Island, ein bisschen vergleichbar wie Reykjavik. Akranes, wo ich herkomme, liegt circa 50 Kilometer von Reykjavik im Westen.“

Sandra: „Die Natur ist sehr ähnlich, die Menschen sind sehr ähnlich. Wir sprechen im Norden einen härteren Akzent, aber wir sind ein Land mit wenigen Menschen (Island hat circa 400.000 Einwohner, Anm. d. Red.). Da gibt es keine riesigen Unterschiede.“

GEISSBLOG: Was macht für Euch die Faszination Island aus, die so viele Menschen als Touristen in Euer Land bringt?

Sandra: „Ich glaube, wir sind ein anderer Schlag Mensch. Weil wir so wenige sind, stehen wir uns alle sehr nahe. Es gibt immer jemanden, der dir hilft, der dich unterstützt. Wir lassen niemanden allein. Und dann natürlich ist die Natur Islands ein riesiger Faktor. Island ist einfach eines der schönsten Länder der Welt. Es ist so anders als auf dem europäischen Festland. Wie soll ich das beschreiben?“

Isak: „Es ist ein Gefühl. Manchmal nehmen wir Isländer es als selbstverständlich hin, wenn wir unsere Berge sehen, die Wasserfälle, die Felsen. Wir merken erst, wie außergewöhnlich unser Land ist, wenn wir nicht da sind.“

Sandra: „Island ist wie zwei Länder: im Sommer und im Winter. Wenn du im Dezember kommst und dann wieder im Juni, erkennst du Island kaum wieder. Es ist ein ganz anderes Erleben. Wenn du jetzt zur Weihnachtszeit in Island bist, ist es praktisch die ganze Zeit dunkel, aber weil alle die Weihnachtszeit lieben, geben sich die Menschen viel Mühe, alles zu erleuchten.“

GEISSBLOG: Wann sollte jemand, der noch nie in Island war, hinfahren?

Isak: „Für einen Spa- und Wellness-Urlaub jetzt im Dezember, aber wenn du alles sehen und in der Natur unterwegs sein willst, dann im Sommer, vielleicht im Juli.“

Sandra: „Wenn du etwas ganz anderes sehen willst als hier in Deutschland, dann komm im Winter. Wenn du alle Farben sehen willst, dann komm im Sommer. Mach einfach beides! (lacht)“

So ist das Duo zum Fußball gekommen

GEISSBLOG: Island ist sport- und fußballverrückt. Wann war Euch klar, dass Ihr Profis werden wollt?

Sandra: „Ich habe gefühlt erst einmal alle anderen Sportarten durchprobiert. Gymnastik, Schwimmen, Handball – alles. Erst mit acht Jahren habe ich mit dem Fußball angefangen. Mit zehn oder elf habe ich gemerkt, dass es etwas werden könnte, und dass das mein Traum wäre.“

Isak: „In meiner Familie ging es immer um Fußball. Mein Großvater war Trainer der Nationalmannschaft, mein Vater hat in der Premier League gespielt, meine Onkel in der Bundesliga. Mein Vater war später auch Co-Trainer in der Nationalmannschaft. Wir sind eine große Fußballfamilie. Seit ich denken kann, bin ich zum Fußballtraining gegangen. Mit zehn oder elf habe ich angefangen, extra zu trainieren. Da habe ich auch realisiert, dass ich das wirklich machen will. Mit 15 bin ich schon nach Schweden gewechselt, das war sehr früh, aber es ging immer nur um Fußball.“

GEISSBLOG: Ihr habt beide schon mit 17 Jahren in der Nationalmannschaft gespielt. Sind die Nationalspieler in Island generell jünger oder wart Ihr Ausnahmen? In Deutschland wird darüber diskutiert, ob Lennart Karl (17) oder Said El Mala (19) noch zu jung sind.

Sandra: „Es gibt immer wieder so junge Nationalspielerinnen oder Nationalspieler.“

Isak: „Ich bin der fünftjüngste Nationalspieler meines Landes. Bei den Frauen habe ich das Gefühl, dass sie generell etwas jünger debütieren als bei den Männern. Wenn du bei uns in den skandinavischen Ligen früh gut spielst, was durchaus öfter vorkommt, bekommst du schnell eine Chance.“

Sandra: „Bei uns zuhause haben wir die Einstellung, dass das Alter keine Rolle spielt. Wenn du gut genug bist, bist du gut genug.“

Isak: „Bei Lennart Karl und Said muss man vielleicht nur dazu sagen, dass es etwas schwerer ist in die deutsche Nationalmannschaft zu kommen als in unsere (lacht).“

Bundesliga und Besta deild? „Eine ganze andere Welt“

GEISSBLOG: Was sind für Euch die Unterschiede zwischen dem Fußball in Island und in Deutschland?

Isak: „Das ist eine ganz andere Welt. Abgesehen vom Niveau der Bundesliga im Vergleich zur Besta deild (höchste isländische Liga, Anm. d. Red.) ist auch die Fußballkultur, die Fankultur eine ganz andere. Die Bundesliga ist in dieser Hinsicht für mich die beste Liga der Welt.“

Sandra: „Alles ist einfach ein bisschen weniger professionell im Vergleich zu Deutschland. Die Vereine können gar nicht so viel für ihre Teams machen, allein schon des Geldes wegen.“

Isak: „Ich gebe aber auch zu: Wenn ich zur Nationalmannschaft fahre, ist alles ein bisschen entspannter. (lacht)“

GEISSBLOG: Wieso?

Isak: „Weil es da nicht so viele Regeln gibt wie hier. (lacht) Wenn bei der Nationalmannschaft jemand beim Mittagessen mit seinem Handy sitzt oder später essen will, ist das kein Problem. Hier ist es strenger.“

Sandra: „In Island glauben wir, dass wir alles schaffen können, solange wir zusammenhalten. Vielleicht brauchen wir deshalb weniger Regeln. Wir brauchen einfach eine gute Mentalität und den Glauben an uns.“

Isak: „Stell Dir vor: Ganz Island hat weniger Einwohner als Düsseldorf. Umso verrückter ist es, wie viele Profis es aus Island in andere Ligen schaffen. Nicht nur im Fußball, sondern auch zum Beispiel im Handball. Wir sind von Natur aus diszipliniert, ohne dass uns das jemand sagen muss.“

Kinder in Island beginnen früh mit dem Sport

GEISSBLOG: Warum ist das so?

Sandra: „In Island beginnen fast alle Kinder mit zwei, drei oder vier Jahren schon mit einer Sportart. Es ist völlig normal, dass praktisch alle Kids Sport machen. Meine Tochter ist vier und sie hat schon viele Sachen ausprobiert. In Island war sie an jedem Wochenende auf einer Sportschule und hat dort Sport gemacht. Auch unter der Woche werden die meisten Kinder nach der Schule zum Sporttraining gebracht. Das ist gut organisiert, darum müssen sich die Eltern nicht kümmern. Das ist einfach Teil unserer Kultur.“

GEISSBLOG: Wie ist das für Dich und Deine Tochter hier in Köln?

Sandra: „Etwas schwerer, muss ich sagen. Ich bringe sie normalerweise morgens in den Kindergarten, bin dann bis 16 oder 17 Uhr hier beim FC, komme nach Hause und habe zweimal in der Woche mit ihr noch Balltraining. In Island sind die Wege kürzer, da bin ich in fünf Minuten hier, in fünf Minuten dort. Hier in Köln fahre ich allein 40 Minuten vom Geißbockheim nach Hause.“

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