Carsten Wettich muss sich derzeit zweiteilen. Einerseits ist der Vize-Präsident als Teil des noch amtierenden Vorstands gefragt, andererseits will er den 1. FC Köln gemeinsam mit Wilke Stroman und Tugba Tekkal auch in die Zukunft führen. Im GEISSBLOG-Interview blickt der 45-Jährige zurück und voraus. Lesen Sie hier den ersten Teil.
Das Interview führten Marc L. Merten und Martin Zenge
GEISSBLOG: Herr Wettich, wie lässt sich die aktuelle Bundesliga-Planung mit dem Wahlkampf unter einen Hut bringen?
CARSTEN WETTICH: „Das sind zwei komplett getrennte Rollen. Im aktuellen Vorstand ist die Zusammenarbeit weiterhin sehr gut und vertrauensvoll. Das wird auch bis zum Herbst so bleiben, da bin ich sicher. Auf der anderen Seite steht der Wunsch, mit Wilke Stroman und Tugba Tekkal auf der Mitgliederversammlung anzutreten und gewählt zu werden. Das ist zeitintensiv, aber das kenne ich ja vom FC.“
Der Mitgliederrat präsentiert am Mittwoch sein Team. Wurde Ihnen bereits mitgeteilt, dass Sie es nicht werden?
„Nein, uns wurde nicht gesagt, dass wir es nicht werden. Weiter möchte ich mich zum Prozess nicht äußern, da der Mitgliederrat insoweit die Kommunikationshoheit hat.“
So läuft der Wahlkampf für das Team Stroman
Wie schwer würde es Ihnen als Kind des Mitgliederrates fallen, gegen ein Team des Gremiums anzutreten?
„Die Satzung sieht vor, dass der Mitgliederrat ein Team vorschlagen kann. Das halte ich auch für sinnvoll. Wir freuen uns sehr, wenn wir vorgeschlagen werden, aber wir akzeptieren natürlich auch, wenn der Mitgliederrat ein anderes Team vorschlägt. Das wäre auch völlig in Ordnung. Für diesen Fall haben wir angefangen, Stimmen zu sammeln. Ein Problem sehe ich darin nicht. Ich bin vielmehr überzeugt, dass auch drei oder vier Teams zu einem guten Wettstreit der Ideen führen können, wenn alle verantwortungsvoll damit umgehen. Wir sind bereit dazu.“
Wie viele Unterschriften haben Sie denn schon sammeln können?
„Es läuft gut. Wir sind deutlich über Plan. Das Erfordernis der Originalunterschrift ist zwar eine Hürde. Aber zum Glück haben wir viele UnterstützerInnen, die uns sowohl in der persönlichen Ansprache als auch in den sozialen Medien unterstützen. Und auch einige, die mit und für uns auf der Straße unterwegs sind. Wir verfolgen eine klare Strategie, die wir nach und nach ausrollen wollen. Es wird ein Mix aus klassischem und modernen Wahlkampf werden. Wir sind da gut vorbereitet.“

Gehen Sie da etwa von Haustür zu Haustür?
„Wir setzen auf ganz unterschiedliche Wege bei der persönlichen Ansprache. Das erfolgt teilweise wasserfallmäßig über Freunde und Bekannte. Gestern kam bspw. ein Nachbar mit zehn Stimmen zu mir aus seinem Tennisclub. Ansonsten sind Fanclubs ein wichtiger Anlaufpunkt, aber wir sind auch in Kneipen und auf Plätzen in Köln unterwegs und sprechen Menschen an. So kommen wir in den direkten Kontakt mit Mitgliedern und Fans. Dabei habe ich gemerkt: Das müssten wir eigentlich viel öfter machen und werden wir in gewisser Form auch beibehalten, wenn wir als Vorstand gewählt werden sollten.“
Sie haben aber noch keine Mitgliederdaten angefragt. Wieso nicht?
„Wir wollten die Entscheidung des Mitgliederrates abwarten.“
Wettich über hybride Mitgliederversammlung
Ihr Vorstandskollege Eckhard Sauren hat in einem Podcast geäußert, er fände es gut, wenn ein Team nominiert würde, das nicht aus Einzelpersonen zusammengesetzt sei, sondern sich schon länger kennen würde. Dabei hat er offenbar vergessen, dass bei seiner Wahl mit Werner Wolf und Jürgen Sieger im Jahr 2019 das seinerzeitige Vorstandsteam selbst so zusammengesetzt war. Können Sie sich erklären, wie er zu dieser Aussage kam?
„Ich habe den Podcast nicht gehört und schlage vor, dass Sie das Ecki Sauren selbst fragen. Werner Wolf, Jürgen Sieger und Ecki Sauren kannten sich im Übrigen bereits aus ihren Gremientätigkeiten für den 1. FC Köln. Ich könnte mir zudem vorstellen, dass es die Erfahrung war, mit Werner Wolf und Jürgen Sieger angetreten zu sein und Jürgen Sieger dann nach 100 Tagen zurückgetreten ist. Da war direkt die erste Krise da. In Krisenzeiten ist immer viel Druck. Dann ist es wichtig, dass man gut zusammenarbeitet. Natürlich kann das auch in einem gecasteten Team funktionieren. Das Risiko ist aber viel kleiner, wenn man sich schon länger kennt, wie es bei uns der Fall ist.“
Der aktuelle Vorstand hat sich überraschend für eine hybride Mitgliederversammlung ausgesprochen. Überraschend deshalb, weil der Vorstand genau das jahrelang nicht gewollt hat. Wie kam es nun ausgerechnet zu dieser Mitgliederversammlung zu diesem Sinneswandel?
„Ihre Aussage ist nicht zutreffend. Wir hätten die hybride Mitgliederversammlung auch schon früher gemacht. Jetzt haben wir mit dem neu gewählten Mitgliederrat einen neuen Anlauf gestartet. Im Übrigen haben sich die technischen Möglichkeiten in den letzten zwei, drei Jahren noch einmal deutlich verbessert. Virtuelle oder hybride Versammlungen sind in technischer Hinsicht mittlerweile etablierter Standard. Ich würde im Ausgangspunkt weiterhin immer die physische Mitgliedsversammlung stärken, weil es der Ort ist, an dem die Mitglieder zusammenkommen. Daher glaube ich schon, dass wir möglichst viele Menschen physisch vor Ort haben sollten. Deshalb auch der Versuch mit dem Stadion als unserer Heimat und mit einem Termin am Wochenende. Trotzdem möchten wir die Barrieren für die Teilnahme so gering wie möglich halten. Es gibt Menschen, die nicht persönlich zu einer Mitgliederversammlung kommen bzw. dort mehrere Stunden bleiben können. Auch diesen möchten wir die Teilnahme ermöglichen. Bekanntlich hat der Mitgliederrat der hybriden Mitgliederversammlung jedoch nicht zugestimmt, sodass die Versammlung auch in diesem Jahr rein physisch sein wird.“
Wir waren es, die den Verein vor der Insolvenz bewahrt haben. Wir haben das endlich gewährleistet, was die Mitglieder fordern: keine Investoren, finanzielle Unabhängigkeit, Selbstbestimmtheit. Nach Jahrzehnten ist das endlich gelungen.
Carsten Wettich
Dennoch hat der Vorstand in den letzten Jahren wenig getan, um die Menschen zur MV zu bekommen. Vier der letzten fünf Mitgliederversammlungen fanden unter der Woche statt. 2021 wurde ein Antrag für eine dauerhaft hybride MV von den Mitgliedern abgelehnt, auch vom Vorstand. Es gerade jetzt zum Wahlkampf zu versuchen, klingt nach Opportunismus.
„Ich habe bereits zuvor erläutert, dass wir die hybride Versammlung nicht erst dieses Jahr durchführen wollten. Die Satzungsänderung haben wir damals abgelehnt, weil die Satzung bereits eine hybride Mitgliederversammlung zulässt. Dass eine solche nicht verpflichtend ist, sondern den Gremien Spielraum über das Ob und Wie lässt, halte ich für richtig. Darüber hinaus geht es um einen Lernprozess und die Frage, wie sich die Technik entwickelt. Inzwischen können zum Beispiel Wortmeldungen virtuell besser abgebildet werden. Bezüglich des Stadions: Wir wollen es ausprobieren, auch auf die Gefahr hin, dass wir da bei zehn Grad und Nieselregen sitzen. Und wegen des Termins: Wir haben immer Wochenendtermine bevorzugt. Nur sind Wochenendtermine in der Lanxess Arena nicht zu bekommen, weil diese Termine anderweitig belegt sind. Hier hilft uns der Umzug ins Stadion.“
„Haben den FC selbstbestimmt geführt“
Dann blicken wir auf das, was kommen wird. Sie treten mit einem neuen Team an. Das alte Team hätte gerne weitergemacht. Was ist aus Ihrer Sicht in den letzten Jahren gut gelaufen und was wollen Sie anders machen?
„Wir haben im Vorstand sehr eng und vertrauensvoll zusammengearbeitet. Das ist bis heute so. Wir haben auch schon Vorstände gesehen, die unter Druck ihre Schwierigkeiten hatten. Wir sind in einer wirtschaftlich herausfordernden Zeit angetreten. Dann kam Corona hinzu. Dass der FC heute finanziell besser aufgestellt ist als damals, ist eine herausragende Leistung. Natürlich nicht alleine vom Vorstand, sondern vor allem von der Geschäftsführung und den Mitarbeitenden am Geißbockheim, die hierfür in den letzten Jahren hart gearbeitet haben. Wir haben wieder mehr Eigenkapital als Verbindlichkeiten. Dann sind wir angetreten, um den Club mittelfristig strukturell, organisatorisch und finanziell gut aufzustellen. Denn es sind jahrelang zu wenige Investitionen getätigt worden, sowohl in die physische als auch in die digitale Infrastruktur. Das lag auch daran, dass aus meiner Sicht in Teilen die Prioritätensetzung nicht gut war und das Geld eher in den kurzfristigen Erfolg gesteckt wurde. Das haben wir verändert. So etwas wie Forderungsverkäufe soll es nicht mehr geben. Es soll auch keinen Investitionsstau mehr geben. Und was wir uns auf die Fahne schreiben dürfen: Wir haben den FC unabhängig und selbstbestimmt durch die Corona-Zeiten geführt und den Verkauf von Anteilen verhindert. Das ist uns ein Herzensanliegen gewesen. Eines ist mir aber nochmal ganz wichtig: Wir waren es, die den Verein vor der Insolvenz bewahrt haben. Wir haben das endlich gewährleistet, was die Mitglieder fordern: keine Investoren, finanzielle Unabhängigkeit, Selbstbestimmtheit. Nach Jahrzehnten ist das endlich gelungen.“
Und was ist nicht gut gelaufen?
„Wir sind abgestiegen. Wir sind ein Fußballclub, und am Ende zählt vor allem der sportliche Erfolg. Im Nachhinein hätten wir uns mehr Zeit lassen sollen bei der Umstellung von einer kurzfristigen auf eine mittelfristige Ausrichtung und mehr Geld in den Kader stecken sollen. Ein anderer Punkt ist die Kommunikation. Die Mitglieder mitzunehmen, lag uns zwar am Herzen. Wir haben es aber nicht ausreichend geschafft, sie zu erreichen und auf unserem Weg mitzunehmen.“
Teil zwei des Interviews mit Carsten Wettich erscheint am Dienstagnachmittag beim GEISSBLOG.








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