Kaderplaner Steidten gibt Einblicke: So läuft die Spielersuche beim FC

Tim Steidten in Kitzbühel. (Foto: IMAGO / Jan Huebner)
Tim Steidten in Kitzbühel. (Foto: IMAGO / Jan Huebner)

Er ist selbst noch ein neues Gesicht beim 1. FC Köln – und soll für weitere Neuzugänge sorgen. Als Kaderplaner arbeitet Tim Steidten an der Seite von Sportchef Thomas Kessler. In Kitzbühel hat der 47-Jährige Einblicke gegeben: So läuft die Spielersuche bei den Geißböcken.

Aus dem Trainingslager in Kitzbühel berichten Marc L. Merten und Martin Zenge

Tim Steidten hält sich zumeist im Hintergrund auf, nimmt im Transfersommer jedoch eine zentrale Rolle ein. Seit März fungiert der gebürtige Bremer beim 1. FC Köln als Direktor Kaderplanung & Recruiting, ist „verantwortlich für die Scoutingabteilung und die Kaderzusammenstellung“, wie er selbst sagt.

In Kitzbühel hat Steidten, der in der Vergangenheit unter anderem als Technischer Direktor bei West Ham United und Sportkoordinator bei Bayer Leverkusen arbeitete, erstmals öffentlich über seine neue Aufgabe beim FC gesprochen – hat Einblicke gewährt in die Prozesse hinter den Kulissen der Kaderplanung.

Tim Steidten erklärt seine Arbeit

Seine Abteilung erarbeite „in enger Abstimmung mit Thomas Kessler und René Wagner Profile für Spieler“, mache „Vorschläge für den Kader“. Wie genau das funktioniert? „Den Prozess kann man sich folgendermaßen vorstellen: Wir besprechen mit den beiden, wo wollen wir hin, was wollen wir spielen lassen, wie ist unsere Identität? Daraus ergeben sich dann die Profile und Aufgaben für die Scouting-Abteilung.“

Die drei Bausteine bei der Suche: Datenscouting, Video-Scouting und Live-Scouting. „Die Ergebnisse, die sich daraus ergeben, bespreche ich in der Abteilung und wir filtern dann, was wir an  Thomas und den Trainer weitergeben.“ Die bereits verpflichteten fünf Neuzugänge und die weiteren, die noch kommen sollen, seien laut Steidten „das Ergebnis der Arbeit der letzten Wochen und Monate. Diese Prozesse finden kontinuierlich statt.“

Die Daten können noch so gut sein, wenn das gegenseitige Verständnis nicht passt, gibt es keine Verpflichtung.

Tim Steidten

Ein entscheidender Unterschied zur Vergangenheit: „In unserer Denkweise im Scouting gibt es nicht mehr die klassischen Positionsprofile, wie wir sie früher kannten. Es geht viel mehr um Räume und wie wir sie bespielen wollen.“ Die Analyse der vergangenen Saison gab die benötigten Profile und Transferthemen für die kommende Spielzeit vor. Beispielsweise die Probleme bei Standards, die grundlegend für die Verpflichtung von Nürnbergs Luka Lochoshvili waren.

Bestimmte Zielmärkte gehören ebenfalls der Vergangenheit an, wie Steidten berichtet: „Das können wir uns nicht erlauben, wir müssen weltweit denken und können keine Märkte ausschließen.“ Noch vor ein paar Jahren sei das anders gewesen. „Man konnte es sich natürlich finanziell nicht erlauben, permanent um die ganze Welt zu fliegen. Aufgrund des Datenscoutings ist es heutzutage möglich, diesen Blick zu haben und dann gezielt Spieler anzuschauen.“

Sogar in Australien. Die Verpflichtung von Paul Okon-Engstler zeigt stellvertretend, wie der Weg aus der Datenbank ans Geißbockheim aussieht. „Paul ist ein gutes Beispiel, weil er in Australien gespielt hat. In einer Liga, die man hier in Deutschland vielleicht gar nicht so auf dem Schirm hat. Auf ihn sind wir durch Datenscouting aufmerksam geworden.“ Vor allem dank seines herausragenden Lauf- und Aktionsvolumens habe Okon-Engstler dem gesuchten Profil fürs Mittelfeld entsprochen.

Steidten: „Das Entscheidende“ für einen Transfer

Nachdem die Datenbank den Namen des 21-Jährigen ausgespuckt hatte, galt es, ihn im Stadion zu beobachten. Steidten: „Die australische Liga ist nicht mit der Bundesliga vergleichbar. Deshalb sind Live-Eindrücke entscheidend, wie zum Beispiel bei der WM. Wenn diese passen, gehen wir in Gespräche.“

Schließlich komme es nicht nur auf die Daten und das gezeigte Können auf dem Rasen an. „Wir rekrutieren Menschen. Mentalität und Charakter sind natürlich auch extrem wichtig. Auch wenn ein Spieler datenbasiert top ist, kann es sein, dass man in den Gesprächen feststellt, dass es einfach nicht passt.“ Die menschliche Komponente sei sogar „das Entscheidende“, sagt Steidten: „Die Daten können noch so gut sein, wenn das gegenseitige Verständnis nicht passt, gibt es keine Verpflichtung.“

Zu Beginn des Prozesses sprechen wir nur über die Profile, nicht über Namen.

Tim Steidten

Weniger wichtig sind prominente Namen. „Nein, das spielt im Recruitingprozess im ersten Schritt keine Rolle“, versichert der Kaderplaner. „Zu Beginn des Prozesses sprechen wir nur über die Profile, nicht über Namen. Das kommt im zweiten Schritt, wenn wir uns konkret mit der Persönlichkeit beschäftigen.“

Die menschliche Komponente zählt fraglos auch auf der Seite der FC-Verantwortlichen – Steidtens Kontakte als ehemaliger Verantwortlicher von West Ham und Leverkusen helfen den Geißböcken auf dem Transfermarkt weiter. So hatte er beispielsweise Gideon Mensah bereits bei früheren Stationen auf dem Schirm, pflegt zudem einen engen Draht zum Berater von Top-Talent Reigan Heskey.

Aber: „Auch bei Spielern, die man kennt, werden immer die Daten mit einbezogen. Natürlich sind Kontakte in die Branche wichtig, aber niemand kommt zu uns, nur weil ich seinen Berater gut kenne. Wir müssen den Spielern eine überzeugende Perspektive aufzeigen“, betont Steidten.

Darum wollte Steidten zum 1. FC Köln

Er selbst sieht diese Perspektive für sich beim FC, entschied sich im Frühjahr trotz mehrerer Angebote für den Job an Kesslers Seite. „Nach der Zeit in England waren für mich zwei Dinge wichtig: Zum einen wollte ich zurück nach Deutschland, um wieder näher bei meiner Familie zu sein, zum anderen ist die menschliche Komponente bei der Zusammenarbeit für mich ganz entscheidend.“

Mit Kessler passte es direkt. „Dazu hat mir Thomas einen überzeugenden Weg aufgezeigt und ein klares Rollenverständnis. Und natürlich ist der FC ein cooler, emotionaler Club mit geilen Fans und einem geilen Stadion.“ In diesem Stadion sollen künftig mehr und mehr Spieler auflaufen, die er gemeinsam mit Kessler nach Köln holt.

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