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Wie ein 1993 geborener FC-Fan den Erfolg verkraftet

Man mag es sich kaum vorstellen: Der 1. FC Köln hat in dieser Saison die beste Platzierung erreicht, seit ich auf dieser Welt bin. Die größten Erfolge, die ich bislang hatte feiern dürfen, waren Aufstiege in die Bundesliga. Nun ist alles anders. 

Köln – Im Juni 1993 hatte der Effzeh, wie ich ihn später kennen lernen durfte, seine besten Tage bereits hinter sich. Drei Meisterschaften, vier Pokalsiege. Historische Erfolge, die ich nur aus Erzählungen und Geschichtsbüchern kenne. Dennoch wurde ich Fan dieses Vereins. Warum? Vermutlich, weil ich keine andere Wahl und den Geissbock sprichwörtlich mit in die Wiege gelegt bekommen hatte.

Geboren als Kind einer Fahrstuhlmannschaft

Der erste Abstieg der Vereinsgeschichte in der Saison 1997/98 findet sich nur schemenhaft in irgendeiner Schublade meines Kopfes wieder. Erst beim zweiten Gang in die Zweitklassigkeit fing ich an, das Geschehen rund um diesen Fußballverein zu begreifen. Als wäre es gestern gewesen, erinnere ich mich an den 09. September 2001. Der Effzeh lag mit 0:1 gegen den Hamburger SV zurück, als in der 53. Minute Dirk Lottner für Georgi Donkov eingewechselt wurde. Erst erzielte „Lotte“ den Ausgleich, dann kannte mein Jubel keine Grenzen mehr.

Der 1. FC Köln feiert freudentrunken den Einzug in die Europa League. (Foto: MV)

In der Nachspielzeit zwirbelte der Mann mit dem goldenen Linken den Ball per Freistoß direkt in die Maschen. Der Sieg! Mein Vater hätte in diesem Moment nicht stolzer auf sein 8-jähriges Mädchen sein können, das endlich kapiert hatte, was es bedeutet, Fan des 1. FC Köln zu sein. Doch schnell lernte ich in diesem Jahr auch die Schattenseiten dieser Liebe kennen. 1034 Minuten ohne Tor. Bis Thomas Cichon die Fans und den Klub mit seinem 1:1 und einem ewig langen Sprint durch das halbe Stadion gegen die Hertha erlöste. Am Ende blieb dennoch der Gang in die Zweite Liga. Trotzdem blieben Lottner und Cichon die ersten Helden meiner Kindheit.

Häme und zurückbleibende Leere 

Je älter ich wurde, desto schmerzhafter wurde jeder Abstieg, von denen nun insgesamt fünf in der kölschen Historie zu finden sind. Umso mehr hat jede Niederlage, jeder blutleere Auftritt wehgetan. Und wenn ich zurückblicke, wird mir umso klarer, dass ich mehr Leid als schöne Momente ertragen musste. Man muss sich nur einmal vorstellen: Peter Stöger ist schon der 22. Trainer, den ich in meinen 24 Lebensjahren erlebe.

Ein ehemaliger Schulkollege beschrieb meine Situation in der Abiturzeitung recht treffend: „Sonja hat meistens nichts Positives vom Bundesliga-Spieltag zu erzählen.“ Wie Recht er doch hatte! Irgendwann kam der Punkt, an dem ich mir meine Floskeln wie „Wartet’s ab, wir schaffen das noch!“ selbst nicht mehr glaubte. Es gab bei Abstiegen sogar Momente des schwarzen Humors, da ich mich in Sarkasmus rettete und sagte: In der Zweiten Liga sei die Chance wenigstens größer, den Effzeh auch mal siegen zu sehen. Christoph Daum machte selbst diese Hoffnung mit einem 0:5 in Essen zunichte.

Weiterlesen: Wenn sich Hohn und Spott in Neid verkehren 

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7 Kommentare
  1. Thomas Kleine
    Thomas Kleine says:

    Dann kann sich jeder denken, was für ein geiler Moment es war, mit meinem Sohn am 20.05. auf der Süd zu sein.
    Wenn man selber 27 Jahre vorher die fantastischen Viertel- und Halbfinale gegen Roter Stern Belgrad und Juventus Turin live in der alten Betonschüssel Müngersdorf miterleben dürfte.

  2. Oli Mayerle
    Oli Mayerle says:

    … und das ist auch der Grund, warum ich mit meinen beiden Kindern, denen nicht nur sprichwörtlich der Geißbock in die Wiege gelegt wurde, (3 und 1) an jenem 20.5.2017 spontan auf die Ringe fuhr, nicht nur, um es selbst mitzuerleben, sondern um ihnen zu gegebener Zeit erzählen zu können: Ihr wart dabei!

  3. Nina
    Nina says:

    Zweimal hab ich beim FC im Stadion geweint.
    Einmal bei diesem ersten Abstieg, der doch nochmal mehr geschmerzt hat, als die 4 folgenden zusammen.

    Und am 20.5.2017 nach so vielen Jahren endlich eindach mal Freude pur!

    Es war eine so schöne gelöste, glückliche, freudige, tolle, großartige Stimmung im Stadion und ich bin froh, dass wir dabei sein konnten!

  4. Fabinho
    Fabinho says:

    @NINA

    Sehr treffend. Das waren auch meine beiden Momente mit Tränen in den Augen. Beim ersten Abstieg auf den Vorwiesen. Die 4 Abstiege danach taten auch extrem weh, aber der (leidensfähige) Mensch gewöhnt sich an alles. Die Tränen im Stadion Mai waren wiederum das Resultat von einer endlosen Warteschleife. Einfach nur schön.

    Einmal Geißbock, immer Geißbock. Wir können stolz sein auf unseren Verein. In guten wie in schlechten Zeiten. Der Verein und die Fans sind vor allem eins: authentisch. Das fehlt (bis auf 4-5 Ausnahmen) fast jedem Verein in der Liga.

    Jetzt geht es erstmal nach Europa. Und nicht scheiss Aachen spielt international in Müngersdorf, sondern wir. Am Ende wird dann doch alles gut. Im Fußball zumindest.

    Cheers

  5. Ziesi
    Ziesi says:

    So schön ich den Artikel auch finde, so sehr sehe ich aber auch, dass man ihn auch mit viel Demut und Weitsicht betrachten sollte. Was uns der FC in den letzten Jahrzehnten angetan hat und wie er sich innerhalb kurzer Zeit gewandelt hat muss auch Warnung sein, dass es auch mal wieder andersrum gehen kann. Beispiele gibt es da genug: Stuttgart – wenige Jahre nach der letzten Meisterschaft plötzlich zweitklassig; Wolfsburg – quasi unmittelbar nach dem Pokalsieg plötzlich in der Relegation; Kaiserslautern und Nürnberg wurden auch genannt und nicht zuletzt die Münchner Löwen demonstrieren ganz klar, dass das, was der FC in den letzten Jahren geleistet hat, eine glückliche Fügung und das Ergebnis außerordentlich guten Handelns auf allen Ebenen war, was irgendwie alle Vereine planen, aber nur den wenigsten gelingt es. Man sollte den Erfolg dieser Saison keinesfalls als alltäglich und dauerhaft wiederholbar ansehen. Wenn Fans und Medien der Mannschaft auch mal härtere Jahre als die letzten 3 zugestehen, die Verantwortlichen weiterhin mit Auge und dem richtigen Maß arbeiten und die Spieler nicht plötzlich anfangen, sich selber als wichtiger zu sehen als den Verein, – kurz gesagt: Wenn man sich auch daran erinnert, wie es bei uns mal vor nicht allzu langer Zeit noch war – dann steht der Verein vor einer guten Zukunft.

  6. Klio
    Klio says:

    Demut und Weitsicht sind jetzt gefragt, das hast du gut zusammengefasst, @ZIESI. Denn jetzt wird es, auch wenn alles gut läuft, immer sehr schwerer zu erreichen sein, dass der FC „sich kontinuierlich verbessert“. Je weiter oben, desto dünner wird die Luft und für kleine Verbesserungen muss immer mehr Aufwand betrieben werden.

    Bei Sonja Eichs schönem Artikel konnte ich vieles wiedererkennen – nur habe ich die letzten großen Erfolge und den folgenden Niedergang noch voll miterlebt. Mich haben aber nicht nur die Abstiege, die sportlichen Niederlagen, die wiederholten blutleeren Auftritte der Mannschaft getroffen. Das Auftreten des gesamten Vereins und seiner Führung tat manchmal einfach weh.

    So wunderbar euphorisch die Quali für Europa ist – für mich war die emotional schönste Saison der letzten Jahre die Aufstiegssaison 2013/14. Weil hier langsam deutlich wurde, dass es funktionieren kann: ein respektables Präsidium, ein sportliches und finanzielles Management mit Vernunft und Weitblick, ein Trainerteam, das eine wirkliche Mannschaft formt, eine Mannschaft mit echtem Teamgeist, … Wenn der FC das beibehält, bin ich total zufrieden. Dann komme ich auch gut zurecht, wenn es in einer Saison mal nicht so läuft, wie man sich das wünscht. Ov vür, ov zoröck – neues Spill heiß neues Jlöck!

  7. Yannick
    Yannick says:

    Danke Sonja,
    als ebenfalls 93er Jahrgang, der außerhalb Kölns aufgewachsen ist (in Ostwestfalen, wo alle Dortmund-, Schalke- oder Bayern-Fans sind) unterschreibe ich jedes geschriebene Wort genauso. Ich habe etwas Pipi in den Augen wenn ich deine beschreibung über Lottner und Cichon lese. Verrückt, dass ein Cichon zu den ersten positiven EffZeh Erfahrungen zählt.

    Vielen Dank für den Bericht.
    Und Nun: EUROPA

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