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Wie ein junger Fan den Erfolg und den Absturz verkraftet

Zwischen Himmel und Hölle

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Der 1. FC Köln ist Tabellenletzter. Der Kater nach dem 20. Mai dauert mittlerweile schon ziemlich lange an. Wird am Ende alles nur ein böser Traum gewesen sein? Wohl eher nicht. Mit dem Effzeh habe ich in diesem Jahr so viele Höhen und Tiefen erlebt, dass ich bei einer Achterbahnfahrt wohl schon längst wegen Übelkeit ausgestiegen wäre. 

Köln – Wenn ich mir heute die Zeilen durchlese, die ich am 12. Juni 2017, knapp drei Wochen nach dem triumphalen Einzug in die Europa League verfasst habe, kommt mir das unwirklich vor (hier geht’s zum damaligen Artikel „Wie ein 1993 geborener FC-Fan den Erfolg verkraftet“). Als hätte ich meiner Fantasie ein Stück zu viel Freiraum gegeben und mich zu sehr zu Tagträumen hinreißen lassen. Der Effzeh ist in der vergangenen Saison Fünfter geworden und hat nach 25 Jahren den Einzug in das internationale Geschäft geschafft. Das war vor einem Jahr unwirklich, und das ist es heute wieder. Wäre ich nicht bei fünf von sechs Spielen in Europa live dabei gewesen, ich würde den Verlauf des Jahres wohl kaum glauben.

Aber der Reihe nach. Es ist der 20. Mai 2017, 17.15 Uhr: Yuya Osako wird von Milos Joijc geschickt, der Japaner startet durch und versenkt den Ball zum entscheidenden 2:0 gegen den 1. FSV Mainz 05 im Netz. Alle Bänne brechen, tausende Fans auf dem Rasen im RheinEnergieStadion tragen die Spieler auf Händen. Und ich mitten drin. Blicke hoch auf die Pressetribüne, sehe meinen völlig erschöpft wirkenden Chef dort sitzen und schreibe ihm eine WhatsApp „Lach doch mal!“. Schaue ich nun auf die letzten vier Monate zurück, musste er mir diesen Satz in dieser Zeit häufiger sagen, als es mir lieb gewesen wäre.

Die schier endlose Frage nach dem Warum

Aber warum? Das ist nicht für mich, sondern höchstwahrscheinlich für jeden, der dem Effzeh wohlgesonnen ist, die alles entscheidende Frage. Wieso hat der Klub, der Ende Mai an seinem Höhepunkt der Neuzeit angelangt war, einen solchen Absturz hingelegt? Ein solcher Niedergang, eine solche Selbstzerstörung des eigenen Erfolgs, wird wohl noch sehr lange seinesgleichen suchen.

Man muss es sich einmal vor Augen führen: Der 1. FC Köln ist nach der Hinrunde Letzter, hat neun Punkte Rückstand auf den Relegationsrang. Und das mit gerade einmal sechs Punkten auf dem Konto. Sechs! Eine Rettung ist nur noch durch ein Wunder möglich. Vor drei Wochen stand der Effzeh ohne Trainer und ohne Sport-Geschäftsführer da. Und das nach der Erfolgsära Schmadtke/Stöger. Nein, das hätte ich vor einem halben Jahr wahrlich nicht für möglich gehalten. Einem Drehbuchautor hätte ich wohl gesagt: „Gute Gruselgeschichte, aber schreib es vielleicht ein bisschen realistischer!“

Im Erfolg macht man die größten Fehler

Am Ende ist es aber weder eine Geschichte noch ein Albtraum. Sondern die bittere Realität. Gründe für diese gibt es wohl zahlreiche. Einige sind bekannt, einige werden für die meisten von uns wohl immer im Verborgenen bleiben. Auch skurrile Gerüchte gibt es viele. Am Ende bleibt aber ein Grund für den Absturz offensichtlich. Denn Otto Rehhagel sagte bereits: „Im Erfolg macht man die größten Fehler.“

Es ist schwer zu sagen, wann diese Fehler begonnen haben. Einige sagen, bereits vor einem Jahr hätte es angefangen zu kriseln. Die Rückrunde sei schon alles andere als souverän gewesen. Andere behaupten, nach dem 20. Mai, als Stöger erschöpft und leer in den Katakomben saß, wäre das der Wendepunkt gewesen. Wahrscheinlich hat jeder von uns seinen eigenen Schlüsselmoment, an dem er gemerkt hat, dass etwas gewaltig schiefläuft. Für mich war einer dieser Momente am 30. August. Der Effzeh ist mit zwei Pleiten in die erste Länderspielpause gegangen und absolviert ein Testspiel beim TV Herkenrath in Bergisch Gladbach. Zwar gewinnen die Kölner mit 7:2, liegen aber zur Halbzeit gegen den Fünftligisten mit 1:2 in Rückstand. Und das völlig verdient, denn sie zeigen so ziemlich den schlechtesten Fußball, seit ich Effzeh-Fan bin. Auf der Rückfahrt sagt ein Kollege, nachdem auch einige Interna aus dem Geißbockheim nach außen gedrungen sind: „Das ist der Anfang vom Ende.“ Er glaubt bis heute, ich würde ihm diesen Satz übelnehmen. Mitnichten. Das Einzige, was ich überhaupt irgendjemandem übelnehme, ist, dass er mit diesem Satz völlig Recht hatte.

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