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Der FC ist zwischen Gegenwart und Zukunft gefangen


Das Stadion des 1. FC Köln wird in den kommenden Jahren eines der Großprojekte sein, an dem sich die Geister streiten werden. Klar ist: Der FC wächst und wächst, strebt mittelfristig 150.000 Mitglieder an. Daraus aber die Notwendigkeit eines riesigen Stadions für 75.000 Zuschauer abzuleiten, würde den Entwicklungen im internationalen Fußball und in der Digitalisierung zukünftiger Erlebniswelten nicht Rechnung tragen.

Ein Kommentar von Marc L. Merten

Wäre das nicht ein grandioses Stadionerlebnis? Müngersdorf, 15.30 Uhr an einem Samstagnachmittag, eine rot-weiße Wand aus 28.000 Fans, die – wie sonst nur in Dortmund – von ihren Stehplätzen aus die Geissböcke nach vorne peitscht und von Heimsieg zu Heimsieg eilen lässt? Diese Vorstellung lässt vielen Fans in Köln das Wasser im Mund zusammenlaufen. Eine einzige, riesige Südtribüne: Sie wäre ohne Frage ein Highlight in der internationalen Stadionlandschaft.

Nun liegen die Pläne der zweiten Machbarkeitsstudie für einen Ausbau des RheinEnergieStadions am Standort Müngersdorf vor. Doch die Frage bleibt: Braucht der 1. FC Köln überhaupt ein Stadion, das 70.000 oder 75.000 Zuschauer umfasst? Klar ist in dieser Frage bislang nur: Es geht um die finanzielle Zukunft des Klubs. Allerdings nicht nur in Bezug auf höhere Einnahmen – weniger durch mehr Zuschauer als durch mehr Logen und mehr Vermarktungsflächen. Sondern auch durch die immensen Kosten durch Kauf, Ausbau, Infrastruktur, Tilgung, Betrieb und Instandhaltung, die gestemmt werden müssten, um den neuen Fußballtempel überhaupt bauen und betreiben zu können – und das Ligaunabhängig.

Braucht der FC das drittgrößte Stadion in Deutschland?

Ein Stadionprojekt ist bekanntlich ein langfristiges Unterfangen: Nicht nur muss der FC eine solche bauliche Maßnahme mehrere Jahre im Voraus beginnen zu planen. Die Geissböcke müssen auch berücksichtigen, wie sich das Stadionerlebnis in den kommenden Jahren und Jahrzehnten verändern wird, um abschätzen zu können, welchen Bedarf es tatsächlich in fünf, zehn oder fünfzehn Jahren geben könnte. Und gerade da tauchen viele Fragezeichen auf, die zweifeln lassen, ob der 1. FC Köln bei allem Mitgliederboom überhaupt ein solch großes Stadion bräuchte, das mit 75.000 Zuschauern zur drittgrößten Arena in Deutschland werden würde.

DFL-Chef Christian Seifert hat im Frühjahr diesen Jahres davor gewarnt, dass die Zuschauerzahlen in der Bundesliga in Zukunft unter Druck geraten könnten. Erstens durch die zunehmende Präsenz internationaler Ligen auf dem heimischen Fernsehmarkt. Zweitens durch Streamingdienste, die das Fernsehverhalten der Menschen längst verändert hat. Drittens aber auch durch zukünftige Angebote wie Virtual-Reality-Erlebnisse, durch die sich Zuschauer auf dem heimischem Sofa fühlen können wie auf einer Tribüne im Stadion. Eine Technologie übrigens, in der der 1. FC Köln einer der Vorreiter im deutschen Fußball ist.

Es geht längst nicht nur um mehr Tickets für FC-Fans

Weitere Faktoren der Unsicherheit kommen hinzu. Die Planungen der einflussreichsten Macher für eine europäische Super League, für den Umbau der internationalen Wettbewerbe und für eine Aufweichung der heimischen Wettbewerbe haben längst zu einer spürbaren Skepsis bei vielen Fans geführt, wohin sich der einstige Volkssport Fußball entwickeln wird. Die scheinbar problemlose Integration von Klubs wie Hoffenheim und Leipzig in die Bundesliga hat sich in Wahrheit bereits als Zuschauer-Killer erwiesen, denn im Gegensatz zu ihren Marketing-Maschinerien locken diese Klubs längst nicht so viele Menschen in die Stadien Deutschlands wie jene Traditionsklubs, die ihnen gewichen sind.

Auch in Köln sind die Überlegungen für ein größeres Stadion längst nicht nur von dem romantischen Gedanken getrieben, möglichst vielen Menschen ein Ticket in Müngersdorf zu bieten. Würde es nur darum gehen, könnte der FC einen Umbau anstreben, der die Kapazität auf 55.000 oder 60.000 Zuschauer erhöhen würde, ohne dabei einen dritten Tribünenrang installieren zu müssen. Doch es geht eben nur äußerlich um den Mitgliederboom, sondern innerlich vor allem um den Vermarktungsboom, von dessen Kuchen der FC ein noch größeres Stück haben möchte. Denn nur ein dritter Tribünenrang würde neue Logen, vor allem aber neue Vermarktungsplätze und damit tatsächlich höhere Einnahmen bieten.

Vor elf Jahren noch gänzlich andere Zuschauerzahlen

Der 1. FC Köln ist jedoch zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gefangen. Die Vergangenheit zeigt, dass es den aktuellen Run auf die Tickets erst seit elf Jahren gibt, der Zuschauerschnitt zuvor deutlich niedriger lag. Die Gegenwart zeigt ein ständig ausverkauftes Haus, zeigt trotz sportlicher Berg- und Talfahrten einen Strom an neuen Mitgliedern und eine enorme Knappheit an Karten für die Highlight-Spiele des Jahres. Doch diese Highlights gibt es freilich nur in der Bundesliga, und so hat der FC zwei Probleme mit der Zukunft. Erstens, dass die Geissböcke auch in den nächsten Jahren erst einmal wieder nur darum kämpfen werden, sich in Liga eins zu etablieren. Zweitens, dass langfristig jene Unsicherheiten nicht wegzudiskutieren und kaum realistisch zu prognostizieren sind, die DFL-Boss Seifert formuliert hat.

Nur einer Sache könnte sich der FC wohl recht sicher sein: Sollten die Geissböcke sich trotz allen Unwägbarkeiten für einen Ausbau im großen Stil entscheiden und den Traum einer rot-weißen Wand im Müngersdorfer Süden wahr machen, würde das RheinEnergieStadion sicher nicht zu jenem Stimmungskiller, als der sich andere Neubauten herausgestellt haben. Der FC Bayern oder der FC Arsenal mögen sich zwar moderne Arenen gebaut haben. Die Stimmung in diesen teuren Bauten* entspricht jedoch dem, was der FC niemals sein darf: ein abgehobener Klub, der sich aus wirtschaftlicher Gier von seiner Basis verabschiedet hat.


* Ausgenommen ist natürlich die Stimmung im Emirates Stadium, wenn der 1. FC Köln anreist. #14September2017

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