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„Demut und Dankbarkeit haben viele junge Spieler heute nicht mehr“

Lukas Nottbeck gehört zu den erfahrenen Spieler, Leistungsträgern und Führungsfiguren in der U21 des 1. FC Köln. Der 31-Jährige schaffte den Sprung in die Bundesliga oder Zweite Liga nicht. Jetzt will er den größten FC-Talenten helfen, diesen Schritt zu gehen. Der GEISSBLOG.KOELN traf den Defensivspezialisten zum Gespräch über die Unwägbarkeiten einer Fußballer-Karriere.

Das Interview führte Sonja Eich

GBK: Herr Nottbeck, Ihre U21 erlebt eine gänzlich andere Saison als die letzte. Was hat sich im Vergleich zur Vorsaison verändert?

LUKAS NOTTBECK: „Meiner Meinung nach gibt es gar nicht so viele Unterschiede, außer dass wir wesentlich besser gestartet sind. Wir hatten mit André Pawlak in der Rückrunde einen Trainer, der die Situation mit einer verunsicherten Mannschaft schon einmal hatte. Das Selbstvertrauen und Selbstverständnis, Spiele gewinnen zu können, haben wir dann mit in die neue Saison genommen. Zu Beginn dieser Saison kam in vielen engen Spielen das Spielglück dazu. Dann waren wir im Flow, das hat uns stark gemacht. Zeitweise hatten wir das Gefühl, dass uns niemand schlagen kann.

Sie spielen seit 2018 wieder für den FC. In der vergangenen Rückrunde hatten Sie ihren Stammplatz aber zeitweise verloren. Was waren die Gründe dafür?

Letzte Saison hat Nikolas Nartey auf meiner Position gespielt. Ich habe die Aufgabe aber so angenommen. Für mich war von vorne herein klar, dass ich eine andere Rolle übernehme, wenn ich mal nicht spiele. Ich will die Mannschaft führen und zeigen, dass man nicht sauer sein darf, wenn man nicht spielt. Wenn man als älterer Spieler den Kopf hängen lassen würde, wäre das nicht der richtige Weg. Ich habe mich mit der Aufgabe komplett identifiziert. Deswegen war das für mich überhaupt kein Problem, ich habe nur an das Team gedacht.

Unter Mark Zimmermann sind Sie wieder unangefochtener Stammspieler. Wie hat sich Ihre Rolle verändert?

Aktuell fühle ich mich richtig gut und super integriert in die Mannschaft. Letzte Saison habe ich mir vielleicht auch zu viel Stress gemacht. Es war eine neue Situation für mich. Bisher hatte ich immer nur um den Aufstieg mitgespielt. Dann war ich selbst nicht mit mir zufrieden, weil ich meine Leistung nicht abrufen konnte. Vor der Saison habe ich alles nochmal reflektiert und versucht die Sachen zu verbessern, die ich nicht so gut gemacht habe. Die Umstellung von der Sechs auf die Innenverteidiger-Position hat mir auch gut getan. Mit Marius Laux harmoniert es super und ich kann das Spiel von hinten steuern. Der Trainer hat mir auch neues Selbstvertrauen gegeben.

Kommt Ihnen als erfahrener Spieler eine besondere Aufgabe zu?

Ich habe es selber kennenlernen dürfen, wie es ist, als junger Spieler von älteren geführt zu werden. Ich habe damals schon gesagt, dass ich diese Position irgendwann auch einmal ausfüllen möchte. Das versuche ich gerade umzusetzen. Ich versuche ein Vorbild zu sein und immer ein offenes Ohr zu haben. Aber ich sage den Jungs auch offen und ehrlich meine Meinung. Ich glaube, es ist wichtig als junger Spieler jemanden zu haben, der einem die Meinung sagt, aber in schwierigen Momenten auch zur Seite steht. Das passt mit Lauxi in der Kombination sehr gut. Er ist eher der ruhige und ich der emotionale Typ.

Sie haben es in Ihrer Karriere bis in die Dritte Liga mit Borussia Dortmund II geschafft. Warum hat es nie für den Sprung in die Bundesliga gereicht?

Ich bin ganz gut in der Selbsteinschätzung. Ich hatte nie das größte Talent. Für die Erste Liga hätte es nicht gereicht, da bin ich Realist. Ich bin aber völlig okay damit. Denn ich denke, die Liga ist meiner Leistung und meinem Talent entsprechend. Klar wünscht sich jeder in der Ersten oder Zweiten Liga zu spielen. Aber so, wie es gelaufen ist, ist das für mich völlig in Ordnung. Ich konnte mich immer selbst gut einschätzen und demnach auch mit der dritten und vierten Liga anfreunden.

2006 kamen sie aus der U19 des FC in die U21. Jetzt erleben Sie den Nachwuchsbereich aus einer anderen Perspektive hautnah mit. Was hat sich seither verändert?

Alles ist viel größer geworden, alleine der Staff. Wir hatten keinen Videoanalysten, keine Psychologin. Wir hatten einen Torwart- und einen Fitnesstrainer. Jetzt gibt es einen ganzen Athletikstab. Die Jungs sind in ihrer Ausbildung viel weiter als ich es vor zehn Jahren war.

Haben sich die Spieler selbst auch verändert?

Es hat sich viel verändert, was die Denkweise der Jungs angeht. Sie haben ein ganz anderes Selbstverständnis und eine andere Herangehensweise. Wenn ich damals bei den Profis dabei war, war ich ruhig, demütig und dankbar, dass ich dabei sein durfte. Heute haben die Spieler ein ganz anderes Selbstvertrauen. Das ist ein großer Unterschied, den ich täglich mitbekomme. Aber die Zeit hat sich einfach verändert. Sie sind besser geworden, deswegen haben sie vielleicht auch einen anderen Anspruch. Aber ich versuche sie immer noch ein Stück weit auf den Boden zu bringen. Gerade was Demut und Dankbarkeit angeht, finde ich das sehr wichtig, denn es stärkt auch die Widerstandsfähigkeit. Das haben viele junge Spieler heute nicht mehr.

Glauben Sie, dass viele junge Spieler zu ungeduldig sind und den Sprung zu den Profis immer früher schaffen wollen?

Ich habe das Gefühl, dass viele denken, weil sie in der U17 und U19-Bundesliga spielen, müssten sie auch bei den Herren in der Bundesliga spielen. Das kriegen sie wahrscheinlich auch oft so eingetrichtert, aber es ist ja auch schon eine tolle Leistung in der Junioren-Bundesliga zu spielen. Viele haben aber noch nie Herrenfußball gespielt. Die wissen überhaupt nicht, was da abgeht. Das müssen sie erst kennenlernen, weshalb sie es nicht richtig einschätzen können. Das kann man ihnen dann aber auch nicht vorwerfen, weil sie es nicht anders beigebracht bekommen.

Ismail Jakobs hat das Jahr in der U21 gebraucht

Noah Katterbach und Jan Thielmann sind jüngste Beispiele beim 1. FC Köln, die es aus der U19 direkt zu den Profis geschafft haben. Wie bewerten Sie das?

Jan und Noah sind absolute Toptalente. Solchen Spielern fällt es vielleicht leichter, direkt in die Bundesliga zu gehen, weil sie einfach gut sind. Dann passen sie sich schneller an. Ein Spieler wie Ismail Jakobs zum Beispiel hat das Jahr in der U21 gebraucht. Die letzte Saison hat ihm einfach sehr gut getan. Manche schaffen es direkt und manche brauchen in ihrem Prozess noch einen etwas längeren Zeitraum. Toptalente werden es aber immer wieder direkt aus der U19 zu den Profis schaffen.

Was halten Sie davon, dass viele Vereine ihre zweiten Mannschaften inzwischen vom Spielbetrieb abgemeldet haben?

Zweite Mannschaften sind in einem Verein enorm wichtig. Gerade auch für Spieler, die in der ersten Mannschaft nicht so viel spielen oder aus einer Verletzung kommen, ist es das Beste was es gibt. Es gibt viele Beispiele von Spielern, die es über die zweite Mannschaft zu den Profis geschafft haben. Und auch wenn man von den Profis einmal zurückgeht und da gute Leistung zeigt, realisiert das der Trainer oben ja auch. Dadurch kann man sich ja auch wieder für Bundesliga empfehlen.

Was macht es für Sie aus, beim 1. FC Köln in der U21 zu spielen und nicht bei einem anderen Verein, dessen erste Mannschaft in der Regionalliga spielt?

Die ganze Aufgabe macht es aus. Die Jungs sind zehn bis zwölf Jahre jünger als ich. Das merkt man teilweise schon an der Kommunikation (lacht). Aber es macht einfach riesigen Spaß, mit den jungen Spielern zu arbeiten. Ich persönlich kann mich auch nochmal weiterentwickeln, gerade was Führung angeht. Mir ist völlig egal, ob man hier in der zweiten Mannschaft vielleicht unter dem Radar fliegt. Ich habe meine Aufgabe. Seit ich wieder hier beim FC bin, ist meine Herangehensweise ganz anders geworden. Ich gucke nicht mehr auf mich, ich gucke auf das gesamte Team und die Entwicklung der Jungs. Trotzdem können sich die Spieler ja nicht nur hier für die Profis, sondern auch für andere Vereine empfehlen.

Der FC hat mir einen Weg nach dem aktiven Fußball gezeigt

Haben Sie sich schon Gedanken über Ihre Zukunft nach der aktiven Karriere gemacht?

Auf jeden Fall. Das war auch ein Grund, warum ich zurückgekommen bin. Ich weiß, dass ich nicht spielen werde, bis ich 35 bin. Mir war es wichtig, dass mir ein Weg neben dem aktiven Fußball gezeigt wird. Das hat der FC gemacht. Wir sind jetzt gerade in Gesprächen. Ich will in den Scouting- und Kaderplanungsbereich gehen. Ich habe den ersten Trainerschein schon gemacht und werde den zweiten auch noch machen, um breit aufgestellt zu sein. Aktuell helfe ich schon Martin Bülles im NLZ beim Scouting, wenn ich Zeit habe. In diesen Bereichen hätte ich Spaß zu arbeiten.

Einen genauen Zeitplan gibt es dafür aber noch nicht?

Mein Vertrag läuft im Sommer aus. Wir sind in Gesprächen, wie es weiter gehen kann. Ich fühle mich im Moment gut und bin fit. Deswegen kann ich mir auch sehr gut vorstellen, noch weiter zu spielen. Ich gucke also von Jahr zu Jahr. Aber mir ist wichtig, dass der Verein mit mir in der Zukunft plant.

2 Kommentare
  1. Klaus Höhner says:

    Tolle Einstellung von Lukas Nottbeck,so stellt man sich einen älteren Spieler in einer U23 vor, mit klarer Aufgabenteilung und Vorbild für die Jungen Spieler, die noch einen schweren Weg vor sich haben bis sie in der Bundesliga angekommen sind, Kompliment.

    • Gerd Mrosk says:

      Jou,gibt halt ab und an noch Spieler,die wohl ne anständige Erziehung und Ausbildung genossen haben und eben dankbar und wie er sagt demütig sind.Man kanns auch einfach geerdet nennen. Ja,Gold wert als Führungs-und Respektperson.

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