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Corona und der Sport: Symbol für das große Ganze


Schnelle Lösungen sollen her: Behandlungen gegen das Coronavirus, Eindämmung der grassierenden Angst in aller Welt, Entscheidungen über Großveranstaltungen. Solidarität sei gefordert, Geld und Verträge dürften keine Rolle spielen, die Gesundheit stehe über allem. Doch das große Ganze stößt gerade deshalb an seine Grenzen.

Ein Kommentar von Marc L. Merten

Der Fußball dient immer wieder als Erklärbär für gesellschaftliche Probleme. Auch jetzt wieder. Denn er ist ein gutes Beispiel dafür, wie komplex die Strukturen geworden sind, wie kaum noch überschaubar das Spielfeld aus Dominosteinen ist, wenn es nicht nur um ein einzelnes Fußballspiel geht, um eine einzige Liga, sondern um einen ganzen Wirtschaftszweig, nicht regional, nicht national, sondern international, der andere internationale Wirtschaftszweige beeinflusst und im Zweifel mit sich in die Tiefe reißen könnte. Und damit die Menschen, die davon abhängig sind und es jetzt womöglich noch gar nicht ahnen.

Das Coronavirus als Spiegel einer eng verzahnten Welt, der Fußball unter dem Brennglas als beispielhafter Mikrokosmos: Vom Kiosk auf dem Weg zum Stadion über die Restaurants und Hotels für Fans bis hin zu den Catering-, Sicherheits- und Logistikunternehmen rund um ein Bundesliga-Spiel – überall fallen gerade Umsätze weg, gehen Aufträge verloren, werden Menschen in Kurzarbeit geschickt, drohen womöglich Entlassungen. Das ist keine Panikmache, das ist Realität. Längst geht es nicht mehr nur um Meisterschaft oder Abstiegskampf, sondern bei Vereinen und ihren Dienstleistern und Partnern um das nackte Überleben, um die Liquidität, überhaupt das laufende Geschäftsjahr beenden zu können. Und damit nicht nur um Fußballergebnisse, sondern um Arbeitsplätze. Genauso wie beispielsweise bei den Medienunternehmen, denn aufgrund der Turbulenzen an den Börsen und aufgrund der Unsicherheit in vielen Wirtschaftszweigen halten die viele Firmen ihre Werbeetats zurück, auf die die Medien angewiesen sind, um ihre Redaktionen zu finanzieren. Und dann sind da noch die Sportreporter, die sich gerade fragen, worüber sie berichten sollen, wenn reihenweise Sportveranstaltungen ausgesetzt werden.

Wo fängt Solidarität an und wo hört sie auf?

Man könnte meinen, es sei gut, wenn sich nicht jeder von dieser Angst anstecken lässt. Wie das IOC und Tokio zum Beispiel, die unverrückbar von Olympia 2020 im August überzeugt sind. Wie die FIFA, die mit Blick auf die Klub-WM 2021 schweigt, obwohl als einer der acht Spielorte Wuhan in China vorgesehen ist, also jener Ort, an dem das Coronavirus seinen Anfang nahm. Oder die UEFA, die noch immer zu glauben scheint, in Zeiten eines abgeriegelten Italiens stehe es außer Frage, dass man am 12. Juni die EM 2020 in zwölf Städten und Ländern austragen werde – übrigens mit dem Eröffnungsspiel in Rom. Natürlich haben IOC, FIFA und UEFA die gleichen Probleme wie die Bundesliga, DEL, NBA, NHL oder der Alpine Skiverband: geltende Verträge, Kooperationspartner, wirtschaftliche Ziele, Mitarbeiter – kurzum: Verpflichtungen. Doch wem sollte man in diesen Tagen tatsächlich als allererstes verpflichtet sein?

Es scheint, als stoße das System an seine Grenzen – an die Grenzen der Solidarität. Was bedeutet Solidarität überhaupt? Für wen? Zunächst einmal doch für die circa 120.000 am Coronavirus erkrankten Menschen in 114 Ländern, die wieder gesund werden wollen. Dann für jene, die diesen Menschen versuchen zu helfen, teils unter absurden Bedingungen in überfüllten Krankenhäusern, abgeriegelten Quarantäne-Stationen oder in Labors, in denen sie versuchen Medikamente oder Impfstoffe zu entwickeln. Schließlich für jene, die sich nicht auch noch anstecken wollen. Aber was ist mit jenen, die weniger Angst vor einer Ansteckung, mehr jedoch vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes oder der Insolvenz ihres Unternehmens haben? Wo fängt Solidarität an und wo hört sie auf?

WHO: „Sind besorgt aufgrund der erschreckenden Untätigkeit“

Im deutschen Fußball werden gerade alle Arten von Lösungen diskutiert. Auch Lösungen, in denen es um die finanzielle Lage der Klubs geht. Fans werden gebeten sich ihre bereits erworbenen Tickets nicht zurückerstatten zu lassen. Andere Vereine verkaufen nun extra Tickets für Geisterspiele, mit denen die Fans zwar nicht ins Stadion kommen können, aber ihren Klub unterstützen sollen. Andere Anhänger fragen wiederum, warum die Vereine ihre hochbezahlten Profis nicht selbst um ein bisschen Solidarität bitten, indem sie auf Teile ihrer üppigen Gehälter oder Prämien verzichten. Wer soll verzichten, für wen und in welchem Umfang? Soll die UEFA die EM absagen mit allen damit verbundenen Verträgen, damit die Bundesliga ihre Spiele verschieben und fertig austragen und damit ihre eigenen Verträge einhalten kann? Bittet die UEFA die FIFA auf den Verzicht der Klub-WM, um die EM verschieben zu können? Und was würde dann mit der Klub-WM und den dort geschlossenen Verträgen passieren?

Irgendwer wird verlieren. Das ist die logische Folge der Pandemie, die nun herrscht. Es ist unausweichlich, dass es Verlierer geben wird. Viele Verlierer. Das Problem: Niemand will zur Verliererseite gehören und ist sich weiterhin selbst der Nächste. Die Weltgesundheitsorganisation WHO drückte es am Mittwoch so aus: „Wir sind sehr besorgt aufgrund der bedenklichen Ausbreitung und Schwere – und der erschreckenden Untätigkeit.“ Untätigkeit, die auch den unvorhersehbaren Folgen geschuldet ist und niemand noch weitere Dominosteine umwerfen will, in der Hoffnung, dass seine eigenen Steine nicht betroffen sein werden.

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