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Hopp, DFB und Ultras: Heuchelei, wohin man blickt


Der Konflikt zwischen Ultra-Gruppierungen in ganz Deutschland und Dietmar Hopp ist eigentlich nur ein Stellvertreter-Kampf im Streit der Fußballkulturen: Tradition versus Kommerz. Und natürlich geht es dabei auch um Macht. In diesem Treiben ist allen Parteien jedes Mittel recht. Vor allem jenes der Heuchelei. 

Ein Kommentar von Marc L. Merten

„Dietmar Hopp ist ein sehr feinfühliger Mensch. Ich weiß, dass er nur einen kleinen Teil seines Vermögens in den Fußball investiert hat, einen sehr großen Teil dagegen in soziale Einrichtungen: in Schulen, in Kindergärten, vor allem in die Medizin, in die Krebsforschung. Das dürfen wir nicht vergessen. So jemand tut viele gute Dinge, die allen zugute kommen. Vielleicht auch dem einen oder anderen da draußen, der damit jetzt noch gar nicht rechnet. Deswegen möchte ich das relativiert betrachten. Wir sind uns wohl alle einig, dass wir solche Dinge nicht sehen wollen.“

Es war das Schlusswort von Markus Gisdol nach dem Spiel des 1. FC Köln gegen Schalke. Der FC-Trainer, einst in Hoffenheim tätig, wies damit indirekt auch auf mehrere andere Dinge in der Causa Hopp hin: Erstens hat Dietmar Hopp Beleidigungen gegen seine Person nicht zu dulden, nur weil er Milliardär und im Fußballbusiness unterwegs ist. Hass und Hetze sind, egal aus welchen Richtungen kommend, inakzeptabel. Zweitens muss man Hopps Investments in die TSG Hoffenheim allerdings nicht gut finden. Jeder hat das Recht zu Kritik an Methoden, übergangenen Regeln, Machtspielen oder Verbandsheucheleien. Der Zweck heiligt dabei jedoch nicht die Mittel, heißt: Nur um Gehör mit seiner Kritik zu finden, darf aus Kritik keine Hetze werden. Und drittens, so ließ Gisdol mit seinem Statement anklingen, sollten sich alle (!) hinterfragen, ob ihre Motive wirklich lauter sind.

Proteste auf Kosten des eigenen Klubs

Dies betrifft die Ultras in der gesamten Republik genauso wie Dietmar Hopp selbst und vor allem die Verbände und auch Vereine. Auf allen Ebenen strotzt dieser seit Jahren schwelende Konflikt vor Heuchelei. Die Ultras stellen ihre eigenen Interessen, ihre Proteste in schöner Regelmäßigkeit über die Interessen jener Klubs, die sie eigentlich unterstützen und erfolgreich sehen wollen. Aus Kölner Sicht war dies zu Beginn der zweiten Hälfte hartes Brot. Mit 2:0 im Abstiegskampf in einem Schlüsselspiel führend, mussten sich die FC-Profis erst einmal um andere Dinge kümmern als um das, was man sich fußballerisch eigentlich für die zweite Hälfte vorgenommen hatte. Als das Spiel dann wieder angepfiffen wurde, konnte man sehen, dass so mancher Kölner Spieler den Fokus etwas verloren hatte. Ein besseres Team als Schalke hätte dies womöglich ausgenutzt und dem FC noch den Sieg streitig machen können. Die Kurven-Interessen wogen also mal wieder mehr als der Verein, den man doch so liebt.

Hopp gegen die Geister, die er selbst rief

Dietmar Hopp derweil muss sich fragen lassen, ob er nicht trotz allen Anfeindungen besser beraten gewesen wäre, ähnlich wie Uli Hoeneß, Reiner Calmund, Oliver Kahn oder Stefan Effenberg in der Vergangenheit über den Dingen zu stehen. Er führte von Beginn an eine Medien- und DFB-Kampagne gegen jeden Kritiker, der gegen das Modell Hoffenheim verbal vorging (auch gegen andere Bundesliga-Manager) und hievte so durch seine Beschwerden und Anzeigen sich selbst auf ein öffentliches Tableau, indem er Kritik an sich und dem Klub mit dem Wort „Diskriminierung“ gleichsetzte. Er selbst machte „Hoppenheim“ zu einem Symbolbegriff der Fanproteste gegen ein ganzes System und rief so jene Geister herbei, die er nun nicht wieder los wird. Vielleicht hätten er, der DFB und die DFL für einmal besser jene elitäre Arroganz walten lassen sollen, mit der sie nun gemeinsam versuchen die Beleidigungen aktiv zu verbannen. Denn arrogant und heuchlerisch ist das Treiben des DFB, der DFL und auch der Vereine zweifelsohne, wenn sie nun wieder mit dem Finger nur auf die Ultras zeigen, nicht aber auf sich selbst.

Das Messen mit zweierlei Maß

Dass der FC Bayern und Hoffenheim dafür gefeiert wurden, beim Stand von 6:0 das Spiel aus Protest ausklingen zu lassen, lag einzig und alleine am Ergebnis. Beim Stand von 1:1 wäre es bis zum Schlusspfiff normal weitergegangen, es hätte kein Balljonglieren und Applaudieren mit Hopp auf dem Rasen gegeben. Man fragt sich auch, was wohl Timo Werner am Samstag gedacht hat, der deutschlandweit in den Stadien als „Hurensohn“ beschimpft wurde, ohne dass es Folgen gehabt hätte. Torhüter der gegnerischen Mannschaft müssen sich dagegen schon seit Jahrzehnten fast „traditionell“ den Spruch „Arschloch, Wichser, Hurensohn“ gefallen lassen. Und am Samstag in Müngersdorf besangen sich Kölner und Schalker Fans gegenseitig als eben solche. Konsequenterweise müssten DFB und DFL sich nun also darauf verständen, dass jede derartige Pöbelei künftig zu einem Spielabbruch führen könnte. Aber das, das wissen alle Beteiligten, wird nicht so kommen.

Gibt es Opfer erster oder zweiter Klasse?

Genau diese Heuchelei, das Messen mit zweierlei Maß, gehört zu jenen großen Kritikpunkten, die nicht nur die Kurven den Fußball-Großkopferten vorhalten. Kurzum: Ist der Milliardär Dietmar Hopp etwa wichtiger als der Millionär Timo Werner? Und was würde wohl passieren, wenn man zu der Gleichung aus Beleidigungen gegen Hopp noch die Probleme des Rassismus und der Homophobie hinzuziehen würde? Was sagt es über Verbände und Vereine aus, wenn im DFB-Pokal der Berliner Jordan Torunarigha rassistisch beleidigt wird, es in diesem Augenblick aber nicht einmal Spielunterbrechung oder eine Stadiondurchsage gibt? Gibt es Opfer erster oder zweiter Klasse?

Kommt es bald zum kalkulierten Spielabbruch?

In der Causa Hopp ist klar: Eigentlich geht es gar nicht um die Person Dietmar Hopp. Es geht um einen seit Jahren anhaltenden Kulturkampf: Traditionalisten und Romantiker einerseits gegen Kommerzialisierer andererseits. Nicht nur Hoffenheim steht im Fokus der ersteren Gruppierung, auch Wolfsburg, Leverkusen und vor allem RB Leipzig. Doch das Problem mit Konzernvereinen ist, dass sich eine Dose, eine Pille oder ein Auto nur schwerlich als Hassfigur eignt. Bei Hopp ist das anders. Er ist ein Mensch, er hat ein Gesicht, und auf dieses Gesicht passt ein Fadenkreuz. Letztlich geht es um Macht. Nicht nur um die Macht des DFB, sondern auch um die Macht der Fans. Sie gefallen sich in ihren Machtdemonstrationen über den eigenen Vereinen, den Verband und den Ablauf eines Fußballspieles genauso wie der DFB sich in seiner Macht gefällt, eigene Regeln aufzustellen, intransparente Entscheidungen zu treffen und rücksichtslos alles voranzutreiben, was nur irgendwie Geld in die Kassen spült. Am Ende geht es um die Frage: Wer sitzt am längeren Hebel? Es ist nicht unwahrscheinlich, dass es irgendwann tatsächlich zu einem Spielabbruch kommen wird, kalkuliert herbeigeführt durch eine Fanszene. Was dann folgen dürfte, erscheint ebenfalls bereits klar: der massenhafte Ausschluss von Fanklubs, der Entzug von Dauerkarten und das Verhängen von Stadionverboten. Es wäre die nächste Stufe der Eskalation, womöglich aber nicht die letzte.

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