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Goethes Geister, ein Ausgleich und ein unerwartetes Bekenntnis


Das 2:2 (1:0) des 1. FC Köln gegen den 1. FSV Mainz 05 war womöglich kein fußballerischer Leckerbissen. Doch das Spiel war spannend, brachte überraschende Wendungen, wichtige Erkenntnisse und ein unerwartetes Bekenntnis aus der Politik. Dazu gab es Historisches und beinahe eine Parallele zu 2017 – aber nur beinahe. Die Lehren des Spiels.

Aus Müngersdorf berichten Sonja Eich und Marc L. Merten

Geschichte des Spiels: „Herr, die Not ist groß! / Die ich rief, die Geister / Werd‘ ich nun nicht los.“ (Johann Wolfgang von Goethe)

Das Ergebnis: Mark Uth erzielte das 1:0 per Elfmeter. Dessen Entstehung wurde dank einer spektakulären Ballmitnahme des FC-Angreifers zu einem Highlight. Bemerkenswert beim 2:0 durch Florian Kainz war weniger dessen Kopfball und auch nicht die durchaus sehenswerte Flanke von Dominick Drexler. Es war der blitzschnell ausgeführte Freistoß in der Mainzer Hälfte durch Jonas Hector, der das Tor erst ermöglichte. Das 1:2 war eine Produktion zahlreicher Kölner Fehler, zweimal von Sebastiaan Bornauw und dann von der gesamten Viererkette. Und das 2:2?

Szene des Spiels: Als Pierre Kunde zum Ausgleich traf, überschlugen sich die Sozialen Netzwerke. „Der Kunde ist König“, „Social Distancing in der Kölner Defensive“ oder das Bild einer Rettungsgasse auf der Autobahn: Alles hatte seine Berechtigung, denn die FC-Verteidigung in dieser Situation war ein Witz. Andererseits dürfte sich Mainz-Trainer Achim Beierlorzer an ein Tor aus seiner Kölner Zeit erinnert gefühlt haben. Ellyes Skhiri durfte am 3. Spieltag in Freiburg ein fast deckungsgleiches Tor erzielen. Insofern hat sich am 26. Spieltag alles wieder ausgeglichen. Im wahrsten Wortsinn.

Zahl des Spiels: Markus Gisdol hatte vor der Partie erklärt, er sei gespannt, wie sich die Laufleistung verhalten werde. Das Spiel gegen Mainz zeigte, dass der FC nach der Pause erst wieder draufsatteln muss, dass noch nicht wieder die Fitness vorherrscht, die Köln vor der Krise so stark gemacht hatte. 108,5 Kilometer waren nicht gut genug (auch wenn Mainz an diesem Tag ebenfalls nur 109,3 Kilometer unterwegs war). 14 der 18 Erstligisten liefen in ihrem ersten Spiel nach der Pause mindestens 114 Kilometer, Union Berlin gar 123,4 Kilometer. Zwar sind diese Werte auch immer Gegner-abhängig, doch der FC weiß, dass es besser geht. Zum Vergleich: Der nächste Gegner, Fortuna Düsseldorf, spulte gegen Paderborn 119,6 Kilometer ab.

Zitat des Spiels: „Ich weiß ja nicht, wie es insgesamt mit dem Realitätssinn aussieht. Aber wir wissen genau, wo wir herkommen. Nach so einer Pause mit einem Punkt zu starten, tut uns gut. Ich sage nicht, dass ich zufrieden bin, aber wir können damit leben. Wir sollten demütig genug sein, nach einem Punkt gegen Mainz mit einem guten Gefühl nach Hause zu gehen.“ (Markus Gisdol)

Einwechslung des Spiels: Ein bisschen Historie an diesem historischen Tag des ersten Geisterspiels in Müngersdorf. Nicht nur, dass es das erste Bundesliga-Heimspiel des 1. FC Köln ohne Zuschauer war. Als Markus Gisdol nach Dominick Drexler, Kingsley Schindler und Elvis Rexhbecaj auch noch Kingsley Ehizibue und Simon Terodde brachte, war das nächste Kapitel der Vereinsgeschichte aufgeschlagen. Gisdol schöpfte die neue FIFA/DFL-Regel, bis zu fünf Wechsel vornehmen zu dürfen, gleich im ersten Spiel aus.

Bekenntnis des Spieltags: NRW-Innenminister Herbert Reul ist für alles bekannt, nur nicht für seine Liebe zu Fußballfans, geschweige denn Ultras. Doch am Montag überraschte er alle. Er teilte in einer offiziellen Pressemitteilung mit: „Ich muss den Fans ein dickes Lob aussprechen. Das war trotz aller verständlichen Emotionen echtes Fair Play.“ In der Meldung hieß es weiter, Reul beziehe „die Mitglieder der Ultra-Bewegung ausdrücklich mit ein“. „Ich habe die Ultras in der Vergangenheit das ein oder andere Mal kritisiert. Aber an diesem Wochenende haben sie sich wirklich vorbildlich verhalten.“ Es sind wahrhaft verrückte Zeiten, in denen wir leben.

Die unerzählte Geschichte des Spiels: Am 20. Mai 2017 schossen Jonas Hector und Yuya Osako den 1. FC Köln gegen den 1. FSV Mainz 05 in die Europa League. Am 17. Mai 2020 verpasste es der FC gegen den FSV bis auf zwei Punkte an Platz sieben und bis auf vier Punkte an Rang sechs heranzukommen. Der Unterschied: In diesem Jahr ist die Saison Mitte Mai noch nicht beendet. Es kann also noch viel passieren. Nur eben nicht mehr gegen Mainz.

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