,

„So leicht bin ich nicht von der Bühne des Lebens weg zu bekommen“


Die Erfolge als Fußballer glichen jenen eines Weltstars, für den heutige Klubs wohl einen dreistelligen Millionenbetrag zahlen würden. Dieter Müller war nicht nur für die Fans des 1. FC Köln unbestritten einer der besten Stürmer der Welt in den 70er und 80er Jahren. Doch er durchlebte auch zahlreiche Schicksalsschläge, wie sie nur wenige Menschen ertragen müssen. In seiner Biografie „Meine zwei Leben“ hat der heute 66-jährige über die Höhen und Tiefen seines Lebens geschrieben.

Seine sportliche Vita liest sich wie kaum eine andere. Zweimaliger Bundesliga-Torschützenkönig 1977 und 1978, Torschützenkönig der EM 1976, in der er mit Deutschland das Finale erreichte, DFB-Pokal-Sieger 1977 und Double-Gewinner mit dem 1. FC Köln 1978, insgesamt 177 Tore in 312 Bundesliga-Spielen, 41 Tore in 39 Pokalspielen, 31 Tore in 39 internationalen Spielen, dazu zweimal französischer Meister mit Girondins Bordeaux und natürlich „Stürmer des Jahrhunderts“ beim 1. FC Köln. Dazu sein Sechs-Tore-Rekord am 17. August 1977 beim 7:2-Sieg im Spiel gegen Werder Bremen.

Müller erreicht in seiner sportlichen Karriere fast alles. Und das, obwohl er klein anfangen muss. „Der FC brauchte im Sturm einen erfolgreichen Knipser. Aber statt eines gestandenen Stars verpflichteten sie mich, einen 19-jährigen Jungspund aus Offenbach“, schreibt Müller in seinem am Freitag erschienenen Buch „Meine zwei Leben“ im Kapitel über die Anfangszeit in Köln. „Keiner kannte mich. Woher auch? Aber Köln war damals überschuldet, konnte sich keinen Star leisten.“ Es wurde das große Glück für den FC – und für Müller, der acht Jahre am Geißbockheim blieb und mit dem FC Geschichte schrieb. Später sagte Toni Schumacher: „Dieter Müller war der beste Stürmer, den der FC je hatte.“

So leicht bin ich nicht von der Bühne des Lebens weg zu bekommen

Doch die Geschichte des Dieter Müller reicht weit über den Fußball hinaus, und so tut es auch seine Biografie. „Wie kann man überleben, ohne dass das Herz schlägt, 31 Minuten lang?“, fragt Müller schon im Prolog. „Ich wusste, wie man eine gegnerische Abwehr auseinandernimmt – doch den Schicksalsschlägen des Lebens stand ich mehr als einmal ohnmächtig gegenüber.“ Davon erzählt der heute 66-jährige auf 236 Seiten, verfasst zusammen mit dem ehemaligen kicker-Reporter Mounir Zitouni, selbst einst Regionalliga-Spieler bei Kickers Offenbach unter dem damaligen OFC-Präsidenten Dieter Müller.

„Meine zwei Leben“ ist die Geschichte eines Kindes, das von seinen Eltern alleine gelassen wird und die ersten zehn Lebensjahre bei seinen Großeltern aufwächst, eines herausragenden Stürmers, der zahlreiche Rekorde bricht, eines Vaters, der seinen Sohn an einen Gehirntumor verliert, eines Mannes, der im Alter von 58 Jahren einen Herzinfarkt und fünf Tage im Koma ohne bleibende Schäden überlebt, eines Vorbilds für viele Menschen, für die Müller weit mehr ist als ein Fußballer. „Das Leben kann ein mieser Verräter sein und manche Dinge kann und muss man vielleicht auch nicht verstehen“, schreibt Müller im Epilog.

„Meine zwei Leben“ von Dieter Müller und Mounir Zitouni ist am 5. Juni 2020 im Edel Books Verlag erschienen. (Foto: Philipp Bader)

Das Buch „Meine zwei Leben“ ist daher alles, nur keine einfache Biografie eines Fußballers. Sie liest sich wie der Stoff für eine Verfilmung. Wie Müller Franz Beckenbauer nackt in einer Sauna begegnet. Wie der DFB während der WM 1978 einem einstigen Wehrmachtsoffizier und Nazi-Fluchthelfer Zugang zum Mannschaftsquartier verschafft. Weshalb Diego Maradona nicht an Müllers Abschiedsspiel teilnimmt. Und natürlich, welche Schicksalsschläge auf das Ende seiner aktiven Karriere folgen. „So leicht bin ich nicht von der Bühne des Lebens weg zu bekommen“, schreibt Müller. „Ich lebe. Immer noch.“

0 Kommentare

Dein Kommentar

Willst du an der Diskussion teilnehmen?
Mache mit!

Schreibe einen Kommentar