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Zwischen Klassenerhalt und Krise: Von Mut, Übermut und Vertrauen


Der 1. FC Köln hat es geschafft. Die Geißböcke können sich auf eine weitere Saison in der Bundesliga vorbereiten. Egal, welchen Zeitpunkt in dieser Saison man als Blickwinkel wählt, dieser Ausgang ist für die Kölner ein Erfolg. Natürlich wäre mehr drin gewesen, und dass es nicht so kam, muss eine Lehre sein. Womöglich hat der sportliche Absturz in den letzten Wochen sogar das Potential für eine Warnung, die es für die nächste Saison dringend braucht.

Ein Kommentar von Marc L. Merten

Wer Markus Gisdol nach dem Spiel gegen Frankfurt gehört hat, kann nicht übersehen haben, wie viel dem FC-Trainer der Klassenerhalt bedeutet. Der 50-jährige hatte seine Arbeit in Köln noch nicht aufgenommen, da galt er schon als gescheitert. Doch Gisdol hat es allen Kritikern gezeigt, auch mir, der im Vorfeld seiner Ernennung Zweifel hatte. Dass Gisdol mit dem FC die Kurve bekam, ist eine große Leistung. Sie unterscheidet sich fundamental von jener Art der Selbstaufgabe, die der FC im Winter 2017/18 in Person von Armin Veh über den Klub ausgeschüttet hatte. Gisdol gab nie auf, und nun hat er allen Grund sich freuen zu können. Diesen Klassenerhalt kann sich Gisdol für immer auf die Fahnen schreiben.

Oftmals sind es Kleinigkeiten, die entscheiden. Spricht man vom Abstiegskampf oder vom Kampf um den Klassenerhalt? Will man etwas vermeiden oder etwas erreichen? Im Kleinen wie im Großen: Will man ein Spiel nicht verlieren oder will man um den Sieg mitspielen? Es waren diese Nuancen, die in der Kölner Saison 2019/20 den Unterschied ausmachten. Im Guten wie im Schlechten. Die von Horst Heldt immer wieder angesprochene Psychologie machte für den FC fast alles aus. Als der erste Sieg unter Gisdol gelang, wurde zunächst alles anders. Weil Gisdol die Spieler daran erinnerte, dass der FC jedes Spiel gewinnen könne. Weil die Spieler begannen daran zu glauben. Weil sie sich irgendwann unbesiegbar fühlten. Das alles brach mit Corona zusammen. Doch nicht nur, weil sich die äußeren Gegebenheiten änderten, sondern weil man sich beim FC plötzlich nicht mehr traute, diesen Weg des Siegens weiter auszurufen. Es ging plötzlich nicht mehr ums Gewinnen. Es ging ums Verwalten. Darum, dass die Mannschaften aus dem Keller nicht näher heran kamen.

Horst Heldt erzählte am Donnerstag in einer Medienrunde eine Anekdote aus seiner Zeit auf Schalke. In der Saison 2012/13 hatte Schalke nach 21 Spieltagen auf Rang zehn gelegen, acht Punkte hinter dem ersten Champions-League-Rang. Damals hatte man das große Ziel Königsklasse fast abgehakt. Doch Heldt gab der Mannschaft trotzdem noch vor, Platz vier unter allen Umständen zu erreichen. Mit Erfolg: Acht Siege aus den letzten 13 Spielen spülten die Königsblauen doch noch in die Königsklasse. Beim FC dagegen traute sich die sportliche Leitung nach 25 Spieltagen nicht von Platz sieben zu sprechen, geschweige denn diesen Tabellenplatz als Ziel auszurufen. Es wäre mutig gewesen, vielleicht sogar übermütig. Doch es hätte gezeigt: Der FC will nicht nur verwalten, sondern weiter angreifen und an die eigene Stärke mehr glauben als an die Schwäche der anderen Teams. Natürlich hätte der FC trotzdem am Ende der Saison auf Rang 13, 14 oder 15 landen können. Aber hätte dies zur Stimmung von heute einen Unterschied bedeutet? Neun Spiele ohne Sieg sind schließlich neun Spiele ohne Sieg.

Die FC-Bosse wollen den Klub verändern, stabiler aufstellen, krisenfester machen als in der Vergangenheit. Dafür, dass Ex-Sportchef Armin Veh ihnen einen millionenschweren Scherbenhaufen hinterlassen hat, der dem Klub finanziell wie personell noch lange große Schmerzen bereiten wird, können sie nichts. Dem müssen sie sich nun aber stellen. Denn den Geißböcken steht sportlich und wirtschaftlich eine der schwierigsten Phasen der jüngeren Vereinsgeschichte bevor. Für diese große Aufgabe wünscht man sich beim FC, dass die Fans und Medien den Verantwortlichen mehr vertrauen. Dieser Wunsch beruht allerdings auf Gegenseitigkeit. Fans und Medien würden sich ebenfalls freuen, wenn ihnen mehr zugetraut und in ihren Reaktionen mehr gesehen wird als ein reines Denken in Schwarz und Weiß – selbst in einer Saison, in welcher die sportlichen Ergebnisse fast nur aus Schwarz oder Weiß bestanden. Wenn diese Saison eines gezeigt hat, dann, wie sehr der FC sein Umfeld für die Arbeit auf und neben dem Platz braucht. Das muss eine der Lehren aus dieser Saison sein – neben den notwendigen sportlichen Konsequenzen, die der sportlichen Absturz der letzten Wochen ohnehin schon offengelegt hat.

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