Sebastian Andersson verletzte sich im September am Knie. (Archivbild: Bucco)

Quälend durch die Saison: Mehr als nur der Schmerz

Während sich mancher Fan des 1. FC Köln in dieser Saison mitunter Schmerzmittel nach einem FC-Spiel gewünscht haben dürfte, sind die Tabletten für mehrere FC-Profis in den letzten Monaten ein ständiger Begleiter. Kein unbekanntes Phänomen, über das nun aber Kölner Spieler in der vereinseigenen Doku 24/7 FC sprachen. Eine Studie warnt, im Fußball werde der Umgang mit Schmerzmitteln verharmlost. Indirekt bestätigen die FC-Kicker dieses Problem.

Köln – Im vergangenen Sommer brachte die ARD-Dopingredaktion zusammen mit dem Rechercheteam von CORRECTIV einen Bericht über Schmerzmittel im deutschen Fußball heraus. “Auf Schmerz und Nieren” war aus Interviews mit mehr als 150 Bundesliga-Spielern, Ex-Profis, Trainern, Teamärzten, Wissenschaftlern und Funktionären sowie einer Befragung von deutschlandweit über 1200 Fußballerinnen und Fußballern entstanden. Das Ergebnis fasste Ex-FC-Spieler Neven Subotic treffend mit den Worten zusammen: “Ibuprofen wird wie Smarties verteilt. Von den Vereinen gibt es da auch nach meinem Wissen keine große Aufklärungsarbeit, weil sie eben auch unter Druck stehen, den Spieler so schnell wie möglich auch fit zu kriegen.”

Es geht nicht nur um den Schmerz. Es macht auch mental etwas mit dir.

Die Folgen sind längst bekannt: Übermäßiger Konsum kann Herz, Leber, Nieren und Magen schädigen. Doch wenn es um die Karriere, um den Klassenerhalt oder um den Einzig ins europäische Geschäft geht, wird gerne mal ein Auge zu- und eine Schachtel mit Tabletten ausgedrückt. So auch beim FC: Sebastian Andersson spielte zu Saisonbeginn mit Knieschmerzen und Tabletten so lange, bis es nicht mehr ging. Sebastiaan Bornauw spielte so lange, bis er nicht einmal mehr schlafen konnte und operiert werden musste. Marius Wolf spielte trotz Bänderriss, auch wenn er nach jedem Spiel in die Kabine humpelte. Wochenlang nahmen diese Spieler Schmerztabletten, um für den FC im Abstiegskampf zur Verfügung zu stehen.

“Ich habe es mehr und mehr gespürt, mehr und mehr Pillen geschluckt”, sagte Andersson nun in der Doku 24/7 FC. Er schilderte dabei das Perfide von Verletzungen für Profifußballer – und den Grund, warum man schließlich in den Kreislauf hineingerät, Schmerztabletten zu sich zu nehmen wie normale Mahlzeiten. “Ich konnte nicht mehr voll trainieren, konnte mich nicht mehr bewegen, wie ich wollte. Man konzentriert sich nur noch auf den Schmerz, nicht mehr auf das Wesentliche. Man verliert den Fokus. Das ist das Verzwickte an Verletzungen. Es geht nicht nur um den Schmerz. Es macht auch mental etwas mit dir.” Andersson wollte seinem Wechsel zum FC zeigen, warum er geholt worden war, wollte nach seinem ersten Tor gegen Hoffenheim nachlegen, sich auch von einer Verletzung nicht aus dem Tritt bringen lassen. Dafür ging er über den Schmerz, bis es eben nicht mehr ging – allen Tabletten zum Trotz.

Beispiel Andersson: “Wir hatten einfach nur ihn”

Auch die anderen Spieler wussten, dass sich Andersson für den FC quälte. Rafael Czichos sagte unter der Woche in einer Medienrunde: “Unser Physio- und Ärzteteam versucht uns erst ins Training zu lassen, wenn wir keine Schmerzmittel mehr brauchen und wir schmerzfrei trainieren können”, sagte er zunächst diplomatisch, gab dann aber zu: “Es gibt aber Situationen, wie beispielsweise bei Sebastian Andersson zu Beginn der Saison, wo wir einfach nur ihn hatten. Wir wussten, er ist auf keinen Fall bei 100 Prozent, aber er hat uns signalisiert, dass er versuchen will uns so lange wie möglich zu helfen. Das ist der Punkt, an dem man es mit Schmerzmitteln versucht.” Jeder Profisportler kennt diesen Moment, laut der Studie von ARD und CORRECTIV auch zahllose Amateursportler.

Czichos bekam das schon früh in seiner Karriere zu spüren, als er als 20-jähriger zur zweiten Mannschaft des VfL Wolfsburg wechselte. “Da hatte ich eine Phase, in der ich über ein halbes Jahr lang jeden Tag nur mit Schmerztabletten trainieren konnte, weil das Problem nicht festgestellt werden konnte”, sagte Czichos. “Ich war sehr jung. Im Nachhinein würde ich das vielleicht nur noch eine Woche machen und ausprobieren, ob es besser wird. Wenn nicht, würde ich klipp und klar sagen: Jungs, ich kann nicht trainieren.” Dass das aber nicht so einfach ist, zeigt der Vergleich mit Andersson, dem 29-jährigen, erfahrenen Profifußballer, der trotz der Erfahrung auf die Zähne beißen wollte und es letztlich doch immer schlimmer machte. Czichos gestand: “Wenn es nur noch zwei Spieltage sind und es um alles geht, nehme ich auch nochmal zwei Wochen länger Schmerzmittel. Ansonsten ist die Gesundheit zehn Mal wichtiger als jedes Spiel.”

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