Philipp Türoff. (Foto: Bucco)

Philipp Türoff. (Foto: Bucco)

Finanz-Boss erklärt: So wollen Türoff und Keller den FC sanieren

Der 1. FC Köln hat zukünftige Sponsoreneinnahmen in zweistelliger Millionenhöhe bereits “verfrühstückt”. Das sagt Kölns Finanz-Boss Philipp Türoff. Im Klartext-Interview mit dem GEISSBLOG über die finanzielle Schieflage der Geißböcke spricht der Chef-Sanierer über seine Aufgabe, den Klub wieder zu gesunden. Den ersten Teil des Gesprächs gibt’s hier, der zweite Teil erscheint am Sonntagabend.

Das Interview führte Marc L. Merten

GEISSBLOG: Herr Türoff, Sie sind jetzt seit einem halben Jahr beim 1. FC Köln. Wie nehmen Sie inzwischen die Fußballbranche als Insider wahr?

PHILIPP TÜROFF: „Ich habe jetzt zum vierten Mal in meiner beruflichen Laufbahn die Branche gewechselt. Da gibt es für mich keine Ängste und Unsicherheiten mehr. Ich fühle mich nicht überfordert und kann das Neue, was der Fußball bringt, gut einordnen.“

Ihre Aufgaben als Finanz-Geschäftsführer sind also ähnlich zu Ihren vorherigen Tätigkeiten?

In vielerlei Hinsicht ist auch der 1. FC Köln ein normales Unternehmen mit Mitarbeitern, mit arbeits- und steuerrechtlichen Vorgaben, mit buchhalterischen Aufgaben. Auch wir müssen Gehälter zahlen, auch wir müssen auf die Liquidität achten, auch wir müssen finanzieren und eine Bilanz gestalten. Ich beschäftige mich jeden Tag mit Fußball, muss aber in Wirkungsräumen funktionieren, die ich schon lange kenne.

Was macht den Fußball aus Sicht eines Finanzers trotzdem besonders?

Besonders ist, dass wir über ein Unternehmen reden, das keine Überschüsse und Gewinne erwirtschaften möchte, sondern als übergeordnetes Ziel erfolgreichen Fußball hat. Dahinter steht zwar auch, eine finanzielle Leistungsfähigkeit zu sichern, der ganz erhebliche Teil der Aufwendungen steht aber im direkten Zusammenhang mit dem Lizenzspieler-Kader. Das ist kein nüchterner Business Case, sondern beinhaltet Menschen, die als Spieler einen Wert haben, die einen sportlichen Nutzen bringen und sich entwickeln sollen. Dem kann man nur schwer mit objektiven Kriterien beikommen.

Das betrifft ja auch die Arbeit auf dem Transfermarkt. Wie sieht Ihre Rolle dabei aus?

Meine Rolle bezieht sich auf die finanziellen Spielräume, die wir haben und gestalten. Ohne diese Spielräume sind wir nicht handlungsfähig. Nehmen wir die letzte Saison: Wir hatten den Klassenerhalt früh gesichert, konnten in der TV-Tabelle einige Plätze gut machen. Die Frage, die sich daraus gestellt hat, ist: Muss man nach einem solch guten Jahr besser etwas Geld zurücklegen, um nach einem schlechteren Jahr einen Puffer zu haben?

Wir dürfen nicht schon mit einem Klotz am Bein in eine Saison starten

Philipp Türoff

Wenn man hört, dass Sie beim FC einen Sanierungsauftrag haben, müsste die Antwort doch einfach ausfallen: Ja! Oder nicht?

Am Ende müssen wir eine Balance finden. Wie viel müssen wir tun, um uns sportlich weiterzuentwickeln? Und wie können wir es hinbekommen, den FC finanziell wieder zu stärken?

Wie kann diese finanzielle Stärkung, vor allem in Form einer Entschuldung, denn gelingen?

Die Antwort auf genau diese Frage gestalten wir gerade aus. Ich beschränke mich auf Bereiche, die ich beurteilen kann, das heißt auf die finanziellen Spielräume. Die sportlichen Fragen überlasse ich unseren sportlichen Experten. Sie entscheiden dann darüber, wie diese Spielräume genutzt werden sollen. Ein Beispiel: Wenn wir eine Ablöse zahlen, zahlen wir diese für einen 30-Jährigen oder für einen 23-Jährigen? Einige Entscheidungen haben wir ja schon getroffen, anhand derer man sehen kann, wie unsere Handschrift aussehen könnte.

Mal ganz konkret: In welchem finanziellen Zustand befindet sich der 1. FC Köln?

Nach der Pandemie hat der 1. FC Köln eine sehr hohe Verschuldung. Die gegebenen Betriebsmittellinien sind genutzt worden, um der Krise zu begegnen. Wir haben in einem signifikanten Umfang Sponsoreneinnahmen der kommenden Jahre schon verkauft, um im Eigenkapital positiv zu bleiben. Negatives Eigenkapital hätte bedeutet, dass kein Risikopuffer mehr übrig geblieben wäre.

Was bedeuten die Verschuldung und die vorgezogenen Sponsoreneinnahmen?

Dass der FC in das neue Geschäftsjahr startet und von den eigentlichen Einnahmen schon eine zweistellige Millionensumme verfrühstückt worden ist. Der Klub hat sich also für eine Saison geschwächt, die eigentlich zur Gesundung beitragen soll. Das ist das allererste, was Christian Keller und ich als Geschäftsführung versuchen werden zurückzuführen. Wir müssen dafür sorgen, dass das, was Sponsoren in einer Saison zahlen, auch zur Verfügung steht. Wir dürfen nicht schon mit einem Klotz am Bein in eine Saison starten. Das ist der erste Schritt, und unser Anspruch ist, dies trotz unserer bereits getätigten Transfers in der kommenden Saison zu schaffen. Wir müssen das zurückdrehen.

Welche anderen Möglichkeiten hätte der FC denn gehabt, um die Krise überleben zu können? Denn Anteilsverkäufe hatte man ja ausgeschlossen.

Es gab nicht mehr viele Möglichkeiten. Man hätte die Verschuldung mit den bestehenden Finanzpartnern weiter ausdehnen können, aber das hätte auch seinen Preis gehabt und hat Grenzen. Was der FC ebenfalls genutzt hat, sind die Genussrechte, das Mezzanine-Kapital. Es ist nicht ausgeschlossen, noch weitere Erwerber von Genussrechten zu gewinnen, weil es zum Glück viele Personen gibt, die es gut mit dem FC meinen. Aber ich übersetze das jetzt mal in eine einfache Sprache: Der FC wird damit zu einem Bittsteller, weil er woanders kein Geld mehr bekommt. Das würden wir nur noch einmal in Erwägung ziehen, wenn uns die Corona-Pandemie erneut finanziell sehr schwer treffen sollte und wir zu einem hohen Grad unverschuldet vor der nächsten Katastrophe stehen würden.

Es gibt keine Fettschicht mehr, die wir uns runterhungern könnten.

Philipp Türoff

Wie vorsichtig ist Ihre Zuschauer-Planung für die kommende Saison?

Es ist eine Nicht-Corona-Planung, die auf einem gesunden Pfad liegt, an den wir glauben. Natürlich müssen wir auch pessimistischere Szenarien mitdenken. Dann müssten wir wieder in den Überlebensmodus schalten. Es gibt eine Unsicherheit, was im Herbst passiert. Ich würde sagen, es kann ganz leicht passieren, dass neue Einschnitte auf uns warten. Mit einer Vollkatastrophe rechne ich aber nicht.

Würde der FC neue Geisterspiele überhaupt erleben?

Der FC würde auch eine weitere Corona-Saison überleben, aber natürlich würde es uns auf unserem eingeschlagenen Weg massiv beeinträchtigen. Dann könnte von Gesundung keine Rede mehr sein, über so viel Zauberei verfügen wir nicht. Wenn Zuschauer-Beschränkungen kommen, wird es sehr schnell spannend, denn auf ein sattes Eigenkapital können wir nicht mehr zurückgreifen. Es gibt keine Fettschicht mehr, die wir uns runterhungern könnten.

Den zweiten Teil des Klartext-Interviews mit Philipp Türoff gibt’s am Sonntagabend.

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