Markus Anfang und Ralf Becker in Dresden. (Foto: IMAGO / Hetzschold)

Markus Anfang und Ralf Becker in Dresden. (Foto: IMAGO / Hetzschold)

Typisch Profifußball: Das System fängt fast jeden auf

Jetzt ist er also zurück im Profifußball: Markus Anfang darf nur sieben Monate nach seinen Lügen, Betrügereien und gesundheitsgefährdenden Handlungen wieder als Trainer arbeiten – und das nicht irgendwo in den Tiefen der fußballerischen Bedeutungslosigkeit, sondern beim Topfavoriten auf den Zweitliga-Aufstieg der kommenden Saison. Wohl dem, der Beziehungen hat – und im Profifußball arbeitet. Ein Kommentar.

Jeder Mensch hat eine zweite Chance verdient. Dieses Credo gilt es nie zu vergessen, auch nicht in der Causa Anfang. Doch in der Regel verdient vor allem derjenige eine zweite Chance, der transparent mit seinen Fehlern umgegangen ist. Anfang hat dies nicht getan. Erst, als es nicht mehr anders ging, hatte er seine Straftaten eingestanden. Die Betonung liegt hier auf Straftaten.

Anfang hatte während der Pandemie sich und sein Leben über das Gesetz und über das Leben anderer Menschen gestellt. Er hatte monatelang seine Vorgesetzten, seine Mannschaft, die Öffentlichkeit und die Behörden belogen. Er hatte die kriminelle Energie aufgebracht, sich einen gefälschten Impfausweis zu besorgen. Und er hatte sich, bei aller Sorge um seine eigene Gesundheit und sein Herzleiden, auf Großveranstaltungen unter Leute gemischt und damit nicht nur seine eigene, sondern vor allem auch die Gesundheit anderer Menschen in Gefahr gebracht.

Das System schützt sich

Dass ein Mensch für ein solches Handeln vor Gericht nicht einmal eine Strafe erhält, die ihn vorbestraft macht, ist die eine Seite dieser fragwürdigen Geschichte. Dass Anfang vom Verband nur eine Alibi-Sperre für den Rest der vergangenen Saison aufgedrückt bekommen hatte, die andere Seite. Und sie passt zum Profifußball in Deutschland, wie die Fans und Medien ihn schon seit langem kritisieren. Hart durchgegriffen wird meist nur gegen Außenstehende. Aber wer Teil des Systems ist, wird geschützt.

Dafür braucht es nicht viel. Uli Hoeneß darf nach seinem Multimillionen-Steuerbetrug wieder öffentlich die moralische Keule schwingen und anderen Menschen Geldgeilheit vorwerfen. Kein Problem. Zahllose Trainer dürfen in der Bundesliga immer und immer wieder erfolglos bleiben und finden trotzdem schnell wieder einen Job. Kein Problem. Sportchefs dürfen fragwürdige Transfers abwickeln und gelten doch weiterhin als tadellose Manager. Kein Problem. Spielerberater dürfen sich mit Vereinen und deren Investoren verknüpfen und, wenn möglich, jene Hand mehrfach aufhalten, mit der sie den Sportdirektoren überall in Europa weiterhin freudig die Hand schütteln. Kein Problem.

Lasst uns auf das Sportliche konzentrieren!

Man kennt sich, man schützt sich: Das gilt nun auch für Anfang. Kein Wunder, dass in Dresden ein gewisser Ralf Becker als Sportchef die Verpflichtung des Trainers vorantrieb und fix machte. Anfang und Becker kennen sich aus gemeinsamen Zeiten in Kiel. Und auch kein Wunder, dass Anfang mit Florian Junge ausgerechnet jenen Co-Trainer mit nach Dresden nehmen durfte, der sich in Bremen der gleichen Straftaten schuldig gemacht hatte wie Anfang.

Gegenseitige Hilfe könnte ja eigentlich eine liebenswerte Eigenschaft sein, wäre sie in solchen Fällen nicht so schamlos. Das Sportliche und das Finanzielle steht eben doch über allem. Und daher hält am Ende das System zusammen. In ein paar Wochen wird es womöglich schon heißen: Schwamm drüber, die Geschichte ist abgehakt, lasst uns auf das Sportliche konzentrieren!

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