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Nach dem Sieg: Wie der Glaube plötzlich Berge versetzen kann

Alles sah am Sonntagabend in der Halbzeitpause nach einer erneuten Niederlage des 1. FC Köln aus. Doch die Geißböcke kamen wie verwandelt aus der Kabine und drehten die Partie gegen RB Leipzig zu einem völlig verdienten 2:1. Am Ende könnte genau dieses Spiel sinnbildlich für die gesamte Saison stehen.

Köln – „Wir haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, wir glauben noch an das Wunder.“ Seit vielen Wochen hört man die Spieler und Verantwortlichen des 1. FC Köln diese Worte sagen. Was bleibt ihnen auch anderes übrig, schließlich erwartet man diese Sätze von ihnen als Profi. Doch ab und zu sind in den letzten Wochen auch die Wörter „Sensation“ oder „fast unmöglich“ gefallen. Wer zwischen den Zeilen liest, konnte oftmals heraushören, dass mit jedem nicht gewonnenen Spiel der Glaube an das eben nur fast unmögliche geschwunden ist.

Mut- und harmlos gegen müde Leipziger

Vor dem Spiel gegen RB Leipzig betrug der Rückstand des Effzeh auf den Relegationsplatz zehn Punkte. Und das, bei einem deutlich schlechterem Torverhältnis als die Konkurrenz. Nach dieser maßlos verkorksten Saison ist es den Geißböcken also schier unmöglich, mit dem festen Glauben in eine Partie zu gehen, das Spiel in jedem Fall gewinnen zu können. Vor allem, wenn der gegenüber stehende Gegner kein geringerer als der Vizemeister und Europa-League-Achtelfinalist ist, und im bisherigen Saisonverlauf scheinbar alles gegen einen gelaufen ist. Mit genau dieser Verunsicherung sind die Kölner Spieler am Sonntagabend in die Begegnung bei RB gestartet. Wissend, das jeder Fehler bestraft werden und jede Niederlage die Mannschaft noch näher an den Abgrund bringen kann. Nach dem Spiel erklärte Timo Horn das, was offensichtlich war: „Der Trainer hat angesprochen, dass wir in der ersten Halbzeit nicht an uns geglaubt haben. Das hat man glaube ich auch gesehen.“

Wir haben uns vorgenommen an uns zu glauben

Vielleicht war es der Tunnel eines Leipziger Abwehrspielers gegen Yuya Osako, wie Stefan Ruthenbeck nach dem Spiel anmerkte, der die Spieler wütend machte. Vielleicht war es auch der Abseitstreffer kurz vor der Halbzeitpause von Jorge Meré. Irgendetwas hat sich in jedem Fall gegen Ende der ersten Hälfte in den Köpfen der Kölner verändert. Mit einer gänzlich anderen Körpersprache kam der Effzeh aus der Kabine und erstickte das schnelle Leipziger Kombinationsspiel im Keim. Man mochte sich gefragt haben: ‚Warum nicht gleich so?‘.

Leipzig hätte bereits zur Pause 3:0 oder 4:0 führen können, doch sie ließen die Kölner am Leben. So konnte sich der Effzeh in der Halbzeitpause sammeln und den Glauben an sich zurückgewinnen. Timo Horn erklärte es treffend: „Wir haben uns vorgenommen an uns zu glauben. Der Trainer hat gesagt: ‚Die Leipziger sind heute nicht viel besser als wir.‘ Das haben wir uns zu Herzen genommen und ich denke, das hat man dann in der zweiten Halbzeit auch gesehen.“ Vielleicht kann dieses Spiel in der Endabrechnung ausschlaggebend gewesen sein und sinnbildlich für die gesamte Spielzeit stehen: Zunächst am Boden liegend und am Ende wie Phönix aus der Asche wieder auferstehend. Wohl kaum jemand hätte in der Halbzeitpause sonderlich viel Geld auf einen Effzeh-Sieg gesetzt. Genauso wenig hätte jemand in der Winterpause sein Hab und Gut auf den Klassenerhalt der Kölner verwettet. Und noch immer beträgt der Rückstand stolze sieben Punkte auf den Relegationsrang, noch immer ist der Weg ein weiter. Doch wenn die Geißböcke den in Leipzig zurückgewonnen Glauben an sich selbst mit in die verbleibenden zehn Spiele nehmen können, darf man sich in Köln berechtigte Hoffnungen auf das Wunder machen. Denn wenn ein Glaube Berge versetzen kann, dann der Glaube an sich selbst.

8 Kommentare
  1. Karl Heinz Lenz says:

    Da wo ich lebe – weit entfernt von der Kölner Heimat – bekomme ich mit, wie viele Fußballinteressierte freundlich beobachten, was unser FC in diesen Wochen und Monaten macht. Viele freuen sich mit, wenn unsere Mannschaft gewinnt, andere trösten einen, wenn es mal nicht geklappt hat. Viele Menschen, auch wenn sie keine FC-Fans sind, scheinen uns die Daumen zu drücken. Ich glaube, die Leute bekommen mit, mit welchem Geist unser Team auftritt.

    So gesehen, wird die laufende Saison so oder so ein Erfolg werden – vorausgesetzt, die Mannschaft kann ihren Sportsgeist bis zum Schluss auf den Platz bringen. Wenn das gelingt, werden wir auch einen Abstieg relativ gut überstehen und bald wiederkommen. Sollten die Mannschaft und unser Trainerteam einschließlich Armin Veh die Liga halten können, dann macht sich diese Truppe um wahrsten Sinne „unversterblich“. Die Begeisterung, die solch eine Rettungstat auslösen würde, die kann kein Triple und keine x-te Meisterschaft hervorbringen. Und auch kein erreichter fünfter Platz in der Tabelle.

    Spannend, wie eine Lage, die mein eigentlich niemandem wünscht (3 Points nach 14 Spielen), zugleich die Chance bietet, sportlich etwas zu erreichen, von dem man noch den Enkelkindern erzählen kann, oder?

    • Boom77 says:

      Guten Morgen Herr Lenz! Das sind schon wahre Worte. Aber auch wenn wir das Fußballwunder Klassenerhalt schaffen sollten, die Spieler sich unsterblich gemacht haben und wir unseren Enkeln eine Geschichte über eine unglaubliche Aufholjagd zu erzählen haben, die seines gleichen sucht, würde ich zukünftig doch gerne auf eine solche Horrorhinrunde verzichten. Achja, und eine mit der Hinrunde vergleichbare Horrorrückrunde müsste meines Erachtens auch nicht sein. Ich schlafe dann fußballtechnisch doch lieber ruhig ;-)

  2. Paul Paul says:

    Es hängt alles am Ergebnis, und das hat gestimmt. Hätte Leipzig zur Halbzeit 4:0 geführt, dann wären umbequeme Fragen gestellt worden, z.B. warum Ruthenbeck bei einem Spiel gegen eine so offensive Mannschaft wie Leipzig die Abwehr umgebaut und ausgerechnet Yannes Horn eingewechselt hat. Auch wenn der FC gegen eine erschöpfte Mannschaft glücklich gewonnen hat, müssen diese Merkwürdigkeiten gesehen werden. Wenn man mit dem Rücken zur Wand steht, dann sollte man keine solchen ersten Halbzeiten wie gegen Frankfurt oder Leipzig spielen!

    • Boom77 says:

      Also gegen die Aufstellung hatte ich zu weiten Teilen nichts. Ich konnte darin insgesamt schon einen nachvollziehbaren Plan erkennen. Wie es dann teilweise gespielt wurde (z.B. Hector so weit vorne) hat mit sehr verwundert und nicht gerade positiv. Aber am meisten hat mich die Mutlosigkeit in der ersten Halbzeit negativ überrascht. Wie Sie schon richtig angemerkt haben, war das auch in Frankfurt schon so. Und genauso wie in Frankfurt konnte ich das in Leipzig nicht verstehen.

      Zunächst haben die Jungs doch wirklich nichts mehr zu verlieren. Schon in Frankfurt musste man 0 Punkte einkalkulieren und gegen Leipzig erst recht, wenn man ehrlich ist. Das waren nicht die Spiele, mit denen man den Abstieg verhindert. Warum dann nicht einfach mutig drauf los und mit etwas Glück was holen (hat ja dann aufgrund der zweiten Halbzeit in Leipzig geklappt)? Und wenn man verliert, dann kann man auch mit wehenden Fahnen untergehen. In unserer Situation sollte ohnehin keiner glauben, dass wir es am Ende wegen des besseren Torverhältnisses schaffen.

      Aber gerade die zweite Halbzeit gegen Leipzig aber auch andere bereits gezeigte Leistungen (z.B. gegen Bayern oder den BVB) machen mir den mutlosen Auftritt unserer Mannschaft in den ersten 40 Minuten in Leipzig unerklärbar. Die Jungs wissen doch, dass sie es viel besser können. Sie haben es schon gezeigt. Auch gegen richtig gute Mannschaften. Warum dann nicht von der ersten Minute an, Kopf hoch, Brust raus und frisch nach vorne spielen? In der zweiten Halbzeit hat es gegen Leipzig ja auch geklappt und das war nicht nur der Müdigkeit von Leipzig geschuldet. Die lasse ich erst so ab der 70./75. Minute gelten.

      Insgesamt frage ich mich, was da in den Köpfen unserer Spieler vorgeht, dass Sie es regelmäßig schaffen, in 90 Minuten zwischen Himmelhochjauzend und Zutodebetrübt zu schwanken. Es gibt da ja auch noch andere Beispiele. Nehmen wir das Heimspiel in der Hinrunde gegen den SC Freiburg. 35 Minuten lief alles super. Die Mannschaft hat mutig gespielt und richtig Flagge gezeigt. Ungefähr ab der 35. Minute fing das an zu kippen. Und als die Jungs aus der Halbzeit wieder auf den Platz kamen, habe ich selbst von meinem Stadionplatz aus gesehen, dass da auf einmal etwas anders ist und uns eine echt schlimme Halbzeit bevorsteht.

      Warum ist das so? Da sollte man mal einen Sportpsychologen ransetzen.

  3. Horst Simon says:

    Einen Sportpsychologen braucht die Mannschaft m. E. nicht, sondern es fehlen die
    richtigen Spieler in der Mannschaft. Zumindest einer, welche die Truppe anführt.
    Es gibt keinen Führungsspieler. Weiterhin fehlt mindestens ein körperlich starker
    Spieler, entweder im Mittelfeld oder in der Abwehr, welcher kopfball-und zweikampfstark ist und
    vernünftige Pässe spielen kann. Die Abwehr spielt sehr unsicher. Warum spielt Maroh nicht?
    Er könnte der Abwehr mehr Sicherheit bringen, auch wenn er nicht der schnellste ist.
    Die Pässe von Sörensen sind ja schlimm.

    • Flizzy says:

      Der Führungsspieler wurde leider am Anfang der Saison verkauft. Risse könnte gut die Führung übernehmen, wenn er hoffentlich verletzungsfrei bleibt. Koziello könnte trotz wider vieler Meinungen, denke ich ebenfalls zur Führungspersönlichkeiten reifen (siehe Napoleon ^^). Was Maroh angeht – Er könnte ebenfalls ein Führungsspieler sein, jedoch sind Heintz und Mere beide, meiner Meinung nach, stärker als Maroh. Außer man setzt Mere mal als RV ein und Maroh dann in die IV.

  4. DRDIETERR says:

    Ich frage mich auch immer wie diese total unterschiedlichen Leistungen zustande kommen können? Das Spiel gegen Leipzig war eigenlich schon nach fünf Minuten durch. Dann so eine zweite Halbzeit. Mich würde mal interessieren ob die Spieler eine Erklärung dafür haben. Das ist ja kein Einzelfall. sondern zieht sich ja die ganze Saison so durch. Manchmal auch umgekehrt – siehe Spiel gegen Freiburg. Wenn man bedenkt wie einfach es hätte sein können, so 7 – 10 Punkte, mehr auf der Guthabenseite zu verbuchen. Verschenkte Punkte gegen Dortmund, Augsburg, Freiburg, falsche VAR -Entscheidungen etc. Da kommt schon einiges zusammen.
    Das ist dann schon sehr trauig auf dem letzten Platz zu stehen.
    Vielleicht hat die zweite Halbzeit ja doch noch zusätzliches Selbstbewusstsein hervorgerufen sodass die Mannschaft die nächsten Spiele etwas stabiler gestalten kann und dieses ständige auf und ab aufhört. Postitiv ist nach wie vor, das die Spieler nicht aufgeben und alles raushauen, auch wenn nicht alles gelingt. Gerade weil es Profis sind, sie könnten sich auch schon mit anderen Vereinen beschäftigen. Anscheinend gefällt es den meisten Spielern beim FC doch so gut das sie auf gar keinen Fall absteigen möchten.
    Come on FC am kommenden Sonntag gegen Stuttgart!

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