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Kommentar: Bissecks Leihe kann nur der Anfang sein

Der 1. FC Köln will eine Kultur der Leihspieler etablieren. Große Talente, die den Sprung zu den Profis noch nicht ganz schaffen, sollen bei anderen Klubs Spielpraxis sammeln. Viele Jahre wurde diese Möglichkeit beim FC ignoriert. Das soll sich nun ändern. Der richtige Weg – auch, um die Talente menschlich zu fördern, ehe sie zu früh abheben.

Ein Kommentar von Marc L. Merten

Armin Veh hatte es im GEISSBLOG.KOELN bereits im Sommer 2018 angekündigt: Der FC werde künftig vermehrt Talente ausleihen, um ihnen andernorts hochklassig Spielpraxis zu ermöglichen und sie so fußballerisch wie menschlich weiterzuentwickeln (mehr dazu hier). Auf Mallorca betonte der Sportchef nun erneut, dass dieser Weg „das Modell“ bei den Geissböcken werden soll. Am Donnerstag ließ man Taten folgen und verlieh Yann Aurel Bisseck für anderthalb Jahre zu Holstein Kiel.

Mit Bisseck, Tim Handwerker (FC Groningen) und Joao Queiros (Sporting Lissabon II) haben die Kölner nun drei Talente verliehen. Nikolas Nartey, das ließ Veh ebenfalls durchklingen, könnte im Sommer folgen. Während Chris Führich diesen Schritt nicht gehen wollte, stattdessen nun wieder bei der U21 spielt und den FC im Sommer wohl verlassen wird, schaut man beim FC inzwischen vermehrt darauf, welche Talente aus den U-Mannschaften für diesen Schritt in Frage kommen könnten.

Eine Chance, nicht nur für den Klub, sondern auch für die jungen Spieler, auf und neben dem Platz zu reifen. Ein Weg der Talentförderung jedoch, den der FC über viele Jahre nahezu gänzlich ignorierte und erst jetzt zu entdecken scheint. Dass dieses Modell vielversprechend ist, machen andere Klubs im In- und Ausland seit Jahren vor. Nun scheint auch am Geißbockheim die Erkenntnis gereift – und das nötige Kleingeld vorhanden -, um den Mut zu haben, Talente abzugeben, um sie stärker wiederzubekommen. Oder auch, um sie zu verpflichten und gleich wieder zu verleihen. Der Schritt mit Bisseck, Handwerker und Queiros (sowie dem Rückkaufrecht auf Marcel Hartel) darf da nur der Anfang sein.

Verdrehte Köpfe im Nachwuchs

Doch der FC muss auch aufpassen, welche Talente für dieses Modell in Frage kommen. Denn immer mehr Berater verdrehen schon den Teenagern in der U17 oder U19 hoffnungslos den Kopf. Bissecks Karriereplaner beispielsweise forderten zuletzt eine dauerhafte Beförderung zu den Profis und zeigten bei dem gerade erst 18 Jahre alt gewordenen Talent eine ungesunde Ungeduld, die mittlerweile schon in den U17 und U19-Jahrgängen gang und gäbe ist. Karrieren können nicht mehr früh genug beginnen, und weil die Supertalente in den Profiligen immer jünger werden, glauben inzwischen schon 16-Jährige, sie hätten ein Anrecht auf eine Chance in der ersten Mannschaft. Mancher legt dabei schon früh im Leben Starallüren an den Tag, die irgendwo zwischen sportlicher Selbstüberschätzung und menschlicher sowie finanzieller Unreife schwankt. Auch in Köln fahren bereits 18-Jährige mit einem Range Rover vor oder posten auf ihrem, im „CR7“-Stil angelegten Social-Media-Profil Urlaubsfotos aus Luxus-Resorts.

Auch hier ist der FC gefragt, wenn offensichtlich einige Berater in ihrer wörtlich beratenden Funktion versagen. Ausleihen können ein Mittel sein. Mit einem neuen Klub, einer neuen Stadt, womöglich gar einem neuen Land mit neuer Sprache und dem damit verbundenen Schritt weg von zuhause, mit der Pflicht, sich anderswo in einem fremden Umfeld zurechtzufinden und sportlich wie menschlich zu beweisen. Das Modell beinhaltet auch die Chance, die Talente auf dem Boden zu behalten, ehe sie viel zu früh abheben. Auch deswegen können Bisseck und Co. nur der Anfang gewesen sein.

9 Kommentare
  1. Christoph says:

    Ein sehr guter Kommentar, der einige Aspekte beleuchtet.

    Thema Starallüren:
    Wen wundert es, wenn es bei den 16-jährigen bereits um große Summen an Gehalt geht, dass diese entsprechend abheben? Dass da ein „Berater“ sein Stück vom Kuchen abhaben will, ist eigentlich nur die logische Konsequenz.
    Selbst in einigen Kreisligen wird mittlerweile bei Wechseln nur noch darüber diskutiert, wer wieviel bezahlt und was im Vertrag (!) steht.. traurige Entwicklung, die wir aber alle mit unseren Eintrittsgeldern, Pay-TV-Abos, etc mittragen.

    Manchmal frage ich mich, ob es überhaupt noch um den Sport geht?

  2. Anti Raute says:

    Dieses Modell wird seit Jahren von anderen Vereinen durchgezogen, der Effzeh versuchte es auf einem anderen Weg. Dieses Ausleih Geschäft ist aber nicht das Non plus Ultra und an sollte beachten, dass es in erster Linie auf die Qualität der Spieler ankommt. Der Effzeh ist von der nationalen Spitze derart weit entfernt, dass man nur junge Spieler aus dem 2. oder 3. Regal bekommt(1. Regal ist utopisch), wenn man früher dran ist bei den Spielern ist als andere Vereine. Das setzt aber ein sehr gut funktionierendes Scouting System voraus, welches unser Effzeh nun einmal bisher nicht hat. Jedenfalls scheint der Effzeh zu der Erkenntnis gekommen zu sein, dass man für junge Talente tief in die Tasche greife muss und diese auch mal mehr kosten als ein mittelmäßiger Bundesligaspieler. Aber es sind immer noch Talente, wo man eben nicht weiß, ob sie ihren Weg machen werden oder nicht. Das wichtigste aus meiner Sicht, ist die regelmäßige Spielpraxis und damit meine ich nicht 2. oder 3. Liga, sondern 1. Liga. Aus meiner Sicht hat unser Effzeh in Sachen Talente, junge Spieler viel zu wenig riskiert(was auch der teilweise leeren Kassen geschuldet war), aber es fehlte oft der Mut, unsere Talente auch über mehrere Spiele in der 1. Mannschaft einzusetzen. Man darf nicht erwarten, dass diese jungen Spieler direkt im 1. Spiel so überzeugen, dass sie im Team bleiben, erst recht nicht konstant, aber ohne regelmäßige Einsatzzeiten in der 1. Mannschaft wird es nie vorwärts gehen, daher ist das Leih System vielversprechend, aber bitte nicht mit überzogenen Erwartungen ran gehen, das kann auch eine ganze Zeit dauern, bis man mal mit 1 Spieler den Erfolg hat, den man sich wünscht. Es gibt bei kaum einem anderen Verein eine so hohe Erwartungshaltung und so viel Ungeduld im Umfeld als beim FC.

    • Max Moor says:

      @ Anti es stimmt schon so mit diesen Talenten nur musst du auch gucken was dann ist wenn die jüngen sich nicht durchsetzen und man wegen diese Versuche dann verliert weil diese Spieler überfordert waren . . was ist dann erstmal los wenn keine Ergenisse kommen und der Erfolg ausbleibt .. ? Die Erwartungshaltung ist bei jeden Bundesligist hoch und keiner will freiwillig bzw. ohne Kampf Absteigen . ( Siehe Hannover , Nürnberg , Stuttgart , Freiburg , Düsseldorf .. Ziel ist Platz 15 mit Aller Macht , Kampf und Einsatzbereitschaft ! Es geht mit diesen jungen Spielern erstmal nur bei entsprechenden Ergebnissen diese dann Einwechseln und schauen ob es reicht oder eben nicht .. Aufn Platz muss man Qualität haben und nicht Talent und jung

      • ichfreuemich says:

        Ja, das stimmt. Letztes Jahr wäre aber dann am Ende möglich gewesen, einigen der Talente Spielpraxis zu geben. Es gab ja nichts mehr zu verlieren. Wie sagte der damalige Trainer: „den gebe ich nicht mehr her“ und schon war es mit der Spielpraxis wieder vorbei. Sehr schade!

    • Fueuer emmer says:

      Genau! Denn mehr wie Geld zählt den Jungs spielen in der ersten Mannschaft. Und das ist in der 2. Liga einfacher wie in der 1. Liga, wo die Spiele wieder knapper sind, die Gegner besser und das Risiko höher. Letzte Saison, als wir junge Spieler einsetzen mussten, sind die Talente zum FC gekommen, weil der FC als Verein galt, der jungen Spielern eine Chance gibt. Warum wechselt man bei einem 4:0 nicht Katterbach ein? Statt dessen holt man noch mehr Spieler auf links, sodass es mit dem Kaderplatz wohl wieder zu Ende ist und die Chance eines Debüt vertan wurde. In Stuttgart wurden schon 2001er eingesetzt. Da sollte man hinwechseln!

  3. Klio says:

    Die Leihe junger Spieler ist natürlich eine gute Möglichkeit, um den FC für Nachwuchsspieler attraktiver zu machen. Der Übergang von der U21 zum Profiteam wird immer schwerer. Wenn der FC zeigt, die U21 nicht zur Sackgasse wird, aus der man nur durch Vereinswechsel rauskommt

    • Klio says:

      (Fortsetzung, zu früh auf den Button gekommen) …, sondern dass man hier vielfältige Möglichkeiten hat, kann das nur gut sein. Bei dem vernünftigeren Teil der Nachwuchsspieler, die auch klar denkende Eltern haben, ist so ein Weg, sich je nach Situation schrittweise weiterentwickeln zu können, Argumente für den FC.

      Aber Jugendspieler zu holen, um sie direkt wieder zu verleihen, halte ich für keine gute Idee. Leisten können sich erstens nur Topvereine, die vom talentierten Nachwuchs eh überlaufen werden. Zweitens hat das schon fast was von Menschenhandel. Man holt junge Spieler wie Lotterielose, lässt sich andere Vereine um sie kümmern, verwertet die paar, die sich durchsetzen und stößt den Rest ab. Man muss sich allein mal anschauen, wie Hoffenheim in den letzten Jahren ein Durchlauferhitzer für Jugendspieler war.

      Aber junge Spieler zu holen, die man in den Jugendmannschaften/der U21 brauchen kann, und sie dann zu verleihen, wenn Verein und Spieler beide der Meinung sind, dass es prinzipiell passt, man nur noch einen Entwicklungsschritt in einer tieferen Liga oder im Ausland machen sollte, dann ist die Leihe eine gute Sache. Auch dann, wenn ein Spieler der Profimannschaft unerwartet Probleme hat und einen Schritt zurück machen muss (auch wenn einem hier der Fall Zoller in den Sinn kommt, wo es keine so gute Entscheidung war).

      Dass Spieler durch eine Leihe auch menschlich profitieren können, sehe ich auch so. Aber ob das was bei der sich selbst überschätzenden „Bling bling“-Fraktion bringt, bezweifele ich. Da sind auch nicht nur die Berater das Problem. Wer sich von klein auf für den Gangster-Rapper-Attitüde begeistern kann und sich von Insta-Fotos von Fußballern mit Privatjets und vergoldeten Steaks beeindrucken lässt, den kriegt man wahrscheinlich auch nicht mehr durch Leihe in die 2. oder 3. Liga gerade gerückt. Entweder ist das Talent so groß, dass man trotz aller charakterlicher Mängel etwas wird, wenn auch problematisch für den Arbeitgeber (z.B. Dembele, Aubameyang), oder man erlebt als ewig hochtalentierter Spieler nie seinen Durchbruch (z.B. Sinan Kurt). Wenn da ein Junge Flausen hat, muss man sehr viel früher anfangen. Wenn er reif für eine Leihe wäre, ist da nicht mehr viel zu machen.

      Letztlich geht es hier nicht um Nachwuchsförderung, sondern auch um die Zukunft des Fußballs selber: Je mehr die „Bling bling“-Fraktion sich durchsetzt, desto mehr wenden sich wahre Fans ab.

  4. FC-Freund says:

    So und nur so hat der FC langfristig die Chance Talente an sich zu binden. Viele sind nunmal berufen, aber wenige sind auserwählt! Die großen Klubs, national wie international, machen es seit Jahren schon vor. Allein Chelsea hat europaweit 41(!!!) Spieler verliehen! Aber machen wir uns nichts vor: Es gibt nur wenige, ( siehe Philipp Lahm) die nach einer Leihe zurück kommen und dann voll einschlagen. Es ist halt so , dass der Umgang mit Talenten auch ein Zocken auf die Zukunft ist! (Allein wenn man sieht wie viele junge Topspieler der BVB in den letzten Jahren geholt hat und wie viele davon später wieder teils klammheimlich durch die Hintertür wieder gehen mussten)

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