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Haben Gesellschaft und Fußball den Diskurs verlernt?


Fußballvereine, so heißt es oft, können wie ein Mikrokosmos der Gesellschaft eines jeweiligen Landes betrachtet werden. Deswegen überrascht es nicht, dass innerhalb des deutschen Fußballs die Diskussions- und Kritikkultur ebenso aus den Fugen geraten scheint wie außerhalb.

Ein Leitartikel von Marc L. Merten

Wer sich sprachlich schulen möchte, der stößt eines Tages womöglich auf eine Übung. Sie nennt sich „scholastischer Disput“. Diese dialektische Form der Debatte geht auf den Dominikanerorden im Mittelalter zurück. Dort wurde die Spielregel eingeführt, dass das Miteinanderreden mit dem Aufeinanderhören verknüpft sein musste. Demnach durfte niemand auf das Argument eines Gesprächspartners sofort antworten. Vielmehr musste er zunächst in eigenen Worten wiederholen, was der Gegenüber gesagt hatte und musste sich anschließend vergewissern, dass er den Anderen korrekt wiedergegeben hatte. Erst dann durfte er mit seinen eigenen Überlegungen fortfahren.

Man stelle sich vor, in der heutigen Zeit müsste sich einer der Populismus-Akrobaten aus den diversen Polit-Talkshows einem solchen scholastischen Disput stellen. Viele würden wohl kolossal scheitern. Aber warum? Haben sie, haben wir verlernt zuzuhören? Haben wir begonnen, möglicherweise auch getrieben durch Algorithmen und personalisierte Newsfeeds, uns kritischen, anderen Perspektiven zu entziehen? Erwecken Parteien, Unternehmen und Fußballklubs deckungsgleich auch deswegen immer häufiger den Eindruck, sich in ihre Wagenburg zurückzuziehen, weil sie sich dort ihre eigene Welt schönreden können, ohne von außen mit so etwas wie Kritik oder kontroversen Meinungen konfrontiert zu werden? Ach ja, und welche Rolle spielt in diesem Zuge eigentlich der Journalismus?

Wer nicht für uns ist, ist gegen uns

Tauchen wir also ein in den erwähnten Mikrokosmos, den Fußball. Wir erleben nicht nur in der deutschen Politik, sondern auch auf und neben dem Rasen immer häufiger das Unversöhnliche, das Radikale, einen verbalen Brutalismus. Zugehört wird meist nur noch, wenn der Gegenüber die eigene Sache unterstützt. Diskussionen finden oft nur noch in der eigenen Blase statt. Kritik wird als Nestbeschmutzung empfunden, Nachfragen als Belästigung durch Leute, die sich wichtig machen oder Unfrieden stiften wollen. Und die Medien? Dass ohne sie der Fußball nie zu dem Milliardengeschäft geworden wäre, das es heute ist, wird inzwischen gerne ignoriert. Im besten Fall.

Im schlimmsten Fall kommt es zu selbstgerechten bis höchst bedenklichen Auftritten wie jenem von Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge auf einer außergewöhnlichen Pressekonferenz, die längst in viele Medienschulungen eingeflossen ist. Doch ihr Auftritt blieb in den letzten Monaten längst kein Einzelfall mehr. Gerade erst in dieser Woche verließ Reinhard Grindel einfach ein Interview mit der Deutschen Welle, weil ihm die Nachfragen des Reporters nicht passten. Derweil hört man immer häufiger auf Pressekonferenzen vom Pressesprecher eines Klubs, dass zu einem bestimmten Thema keine Fragen beantwortet würden. Ganz selbstverständlich so, als ob man den Journalisten vorschreiben könne, welche Fragen zu stellen seien und welche nicht. Und wenn Kritiker eines Vereins von Journalisten interviewt werden, lautet der Vorwurf: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.

Konflikte zwischen Medien und Vereinen

Dafür. Dagegen. Schwarz. Weiß. In diesem Spektrum bewegen sich inzwischen viele Diskussionen. Die Grauzonen werden kleiner. Sind die Medien dabei von einer Schuld ausgenommen? Keinesfalls. Zu verwoben sind viele Verbindungen. Manch ein Reporter macht sich aufgrund über Jahre gewachsener, persönlicher Bande mit einer Sache (oder einer Person) gemein. Der populärste Fall der letzten Jahre war wohl jener von Alfred Draxler, der sich in der WM-Affäre freiwillig von Franz Beckenbauer vor den Karren spannen ließ. Die Qualität des Journalismus, auch durch immer drastischere Einsparungen, Clickbaiting, Knebelverträge und mangelnde Ausbildung des Nachwuchses, befindet sich im Sturzflug. Und weil die DFL immer höhere TV-Gelder fordert, müssen die Medienunternehmen, die diese Rechte haben wollen, an anderen Stellen sparen: unter anderem an den Gehältern und Arbeitsbedingungen der Journalisten, die für die 24-Stunden-Fußball-Rundumversorgung sorgen sollen.

Dafür sorgen Fußballvereine allerdings inzwischen auch selbst. Die Medienabteilungen produzieren immer mehr eigene Inhalte. Vereinstreu, kritikfrei, und manchmal erwischt man einen Klub sogar dabei, wie er ein Spieler-Interview der PR-Abteilung fast schon stolz als „exklusiv“ über die sozialen Netzwerke verbreitet. Spielern wird dabei vorgegaukelt, die Fragen der PR-Mitarbeiter seien die einzig wahren Fragen, jene der Journalisten hingegen überzogen kritisch. Aussagen wie jene von Jörg Schmadtke vor einigen Jahren, dass jeder Spieler sagen könne, was er wollte, solange er mit dem Echo leben könne, sind oft nur noch ein Lippenbekenntnis. Stattdessen werden Interviews von Vereinen inzwischen nicht nur vor Erscheinen freigegeben, sondern mitunter inhaltlich umgeschrieben. Die Konsequenz: Immer weniger Interviews werden von Journalisten bei den Vereinen angefragt. Auch so ist ein Klima des Misstrauens entstanden.

Die nächste Chance zur Besserung

Dieses Klima ist auch dem 1. FC Köln nicht fremd. Der GEISSBLOG.KOELN schrieb schon vor der Mitgliederversammlung 2018 in einem Leitartikel, dass der FC auf allen Ebenen – auch im Umfeld – zu einer konstruktiven Gesprächsebene zurückfinden müsse, um den großen Knall zu verhindern (mehr dazu hier). Bekanntlich ist dies nicht gelungen. Nun gibt es die nächste Chance zur Besserung. Die Verantwortlichen, die nach dem Aus von Werner Spinner den Klub für die kommenden sechs Monaten führen, können sich zwar eigentlich nur bedingt gut leiden. Doch mit Schwarz-Weiß-Denken, das wissen sie alle, würde der FC auf die nächste Wand zusteuern.

Man möchte den Verantwortlichen den Tipp geben, es mit dem scholastischen Disput zu versuchen. Um die Sinne zu schärfen, das Zuhören zu fördern, die Argumente des Gegenüber zuzulassen, ehe man seine eigenen formuliert. Miteinanderreden und Aufeinanderhören wären zwei Eigenschaften, die dem FC wohltuend zu Gesicht stehen würden. Wobei, nicht nur dem FC.

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